Eine Besucherin unterhält sich im Besuchsraum des Elisabeth-Roock-Haus in Solingen mit ihrer Angehörigen. | dpa

Pflegebeauftragter der Regierung Warnung vor zu harten Corona-Auflagen

Stand: 04.12.2020 13:52 Uhr

Die strenge Abschottung der Pflegeheime zu Beginn der Corona-Krise hat den Bewohnern viel abverlangt. Experten warnen vor einer neuen Isolierung. Manche Regeln seien zu streng, meint der Beauftragte der Bundesregierung.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung hat vor zu harten Corona-Auflagen in Senioren- und Pflegeheimen gewarnt. "Es gibt sehr gute Konzepte. Es gibt zum Teil aber auch Regeln, die nach heutigem Wissensstand zu streng sind", sagte Andreas Westerfellhaus den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Selbst wenn es zu einem begrenzten Ausbruch kommt, darf eine Einrichtung nicht wieder reflexhaft für Besucher geschlossen werden."

Er appellierte an die Alten- und Pflegeheime, pragmatische Besuchsregeln in der Corona-Zeit zu entwickeln. "Eine Isolation der Bewohner wie im ersten Lockdown darf es nicht noch einmal geben", sagte Westerfellhaus. Zugleich äußerte er Verständnis für die schwierige Lage der Heimleitungen. "Viele haben Angst, dass sie mit zu offenen Besuchskonzepten Infektionsausbrüche riskieren und dann an den Pranger gestellt werden."

Leitfaden soll Hilfestellung geben

Hilfestellung bei der Entwicklung von Besuchskonzepten soll ein Leitfaden bieten, den der Pflegebeauftragte gemeinsam mit dem Expertenrat des Robert Koch-Instituts (RKI) entwickelt hat. Die Startauflage von 14.000 Exemplaren der Handreichung soll jetzt an Alten- und Pflegeheime verschickt werden und auch auf der Internetseite des Pflegebeauftragten abrufbar sein. "Es ist eine Orientierung, keine rechtsverbindliche Vorschrift: Jede Einrichtung kann auf dieser Basis die eigenen Besuchskonzepte weiterentwickeln", erläuterte Westerfellhaus.

Darin findet sich dem Bericht nach auch die Empfehlung, Besuche rechtzeitig bei der Heimleitung anzukündigen und abzuklären, ob etwa ein Schnelltest sinnvoll ist. "Das ist gerade in der Weihnachtszeit wichtig: Wenn 100 Angehörige von 70 Bewohnern um 17 Uhr am Heiligabend vor der Tür stehen, dann schaffen das die Pflegekräfte nicht. Fiebermessen, Personendaten aufnehmen, mit Maskenverweigerern reden oder sogar noch 15 Minuten pro Schnelltest einplanen - das geht nicht", so Westerfellhaus.

Pragmatische Lösungen seien gefragt

Er plädierte für pragmatische Lösungen. "Für kognitiv eingeschränkte Menschen können Menschen mit Masken irritierend sein", so der Pflegebeauftragte. "In solchen Fällen ist es in Ordnung, wenn man genügend Abstand hält und bei der Begrüßung kurz die Maske vom Gesicht nimmt, um sich erkennbar zu machen."

Einzelne Einrichtungen hätten auch Besuchsverbote für Kinder eingeführt. "Das ist wissenschaftlich nicht belegt." Man sollte zwar nicht mit vier Enkelkindern aus drei Haushalten zu Besuch kommen. "Aber wer sich in den Tagen vorher klug verhält, seine Kontakte nochmal reduziert, der sollte auch mit einem Kind in Begleitung kommen dürfen."

Es gebe zudem Heime, in denen aus Hygienegründen selbst Geburtstagsgeschenke erst einmal für einige Zeit im Keller gelagert würden. "Das ist nach heutigem Wissen über Infektionsrisiken unnötig." Wer einem Pflegebedürftigen zu Weihnachten Geschenke oder Blumenschmuck mitbringen wolle, sollte das tun dürfen. Wünschenswert sei es auch, dass Verwandte ihre Angehörigen in deren Zimmer besuchen könnten - und nicht in Gruppenräumen treffen müssten.

Unterstützung für Personal in Heimen gefordert

Patricia Drube, Präsidiumsmitglied der Bundespflegekammer, forderte personelle Unterstützung, etwa von der Bundeswehr oder dem Katastrophenschutz. "Es wird unbedingt Unterstützung in den Pflegeeinrichtungen für die Durchführung der Schnelltests benötigt", sagte Drube auf tagesschau24. "Die Einrichtungen brauchen Personal, was zur Verfügung steht, um diese Schnelltests durchzuführen. Sie sind mit ihrem eigenen Personal in der Versorgung absolut am Limit."

Auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz sprach sich für mehr praktische Hilfe für das Personal in Pflegeheimen aus. "Wir brauchen keine Ratschläge für die Altenpflege, wir brauchen tatsächlich praktische Hilfe", sagte Eugen Brysch im Morgenmagazin von ARD und ZDF. Es müsse dringend geklärt werden, wo Schnelltests zu bekommen sind, wer die Qualität der Tests sicherstelle und wer die Tests vornehme - sowohl bei Besucherinnen und Besuchern als auch beim Personal.

Brysch sprach sich dafür aus, Pflegeheimen spezielle "Taskforces" an die Seite zu stellen. Die Bundeswehr und freiwillige Sanitätsdienste könnten hier aushelfen, sagte er. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz vertritt die Interessen von schwerkranken, pflegebedürftigen und sterbenden Menschen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. Dezember 2020 um 11:05 Uhr.

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