Feuerwehrleute arbeiten auf Bahngleisen an umgestürzten Bäumen | dpa

Orkantief Aufräumen nach "Zeynep"

Stand: 19.02.2022 14:04 Uhr

Orkantief "Zeynep" hat vielerorts für Schäden gesorgt. Mindestens drei Menschen starben, an der Nordseeküste und in Hamburg gab es eine schwere Sturmflut. Der Bahnverkehr ist noch eingeschränkt. Und das nächste Tief ist schon im Anmarsch.

Nach dem Durchzug des Orkans "Zeynep" hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) alle Unwetterwarnungen vor Orkanböen aufgehoben - es bleibt aber stürmisch. Vielerorts dauern die Aufräumarbeiten an. In der Nacht waren Bäume umgestürzt, Gegenstände flogen umher und beschädigten Gebäude. Mindestens drei Menschen starben wegen des Sturms. In Lehrte in der Region Hannover traf ein umstürzender Baum einen Mann, der schwer verletzt wurde.

In der niedersächsischen Gemeinde Wurster Nordseeküste war ein Mann während des Sturms von einem Dach gestürzt und gestorben. Der 68-Jährige habe in der Nacht auf Samstag versucht, das beschädigte Dach eines Stalls zu reparieren, sei eingebrochen und in die Tiefe gestürzt, teilte die Polizei mit. Ein Autofahrer starb nach Angaben der Polizei am Freitagabend bei Altenberge in Nordrhein-Westfalen, als er mit dem Auto gegen einen quer auf der Fahrbahn liegenden Baum prallte.

Ein weiteres Sturmopfer sei nach vorläufigen Erkenntnissen ein 17 Jahre alter Beifahrer, der mit zwei Gleichaltrigen in Hopsten im Kreis Steinfurt unterwegs gewesen war, so eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums. Der Fahrer war nach Polizei-Angaben möglicherweise einem Ast ausgewichen und dadurch von der Fahrbahn abgekommen.

Spitzenwert bei 162 Kilometern pro Stunde

Das Sturmtief hatte Deutschland mit Windgeschwindigkeiten von örtlich mehr als 160 Kilometern pro Stunde überquert. Der höchste Wert wurde in der Nacht zum Samstag mit rund 162 Kilometern pro Stunde am Nordsee-Leuchtturm "Alte Weser" gemessen, wie der DWD mitteilte. Bei Büsum an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste erreichte der Orkan demnach Geschwindigkeiten von rund 143 km/h. Am Flugplatz Nordholz bei Cuxhaven und am Leuchtturm Kiel wurden in der Spitze rund 140 km/h registriert. Auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog blies der Orkan mit rund 135 Kilometern in der Stunde.

Auf den Gipfeln der Mittelgebirge wurden ebenfalls hohe Geschwindigkeiten gemessen. Der 1141 Meter hohe Brocken im Harz etwa meldete laut DWD rund 146 km/h.

Schwere Sturmflut an Nordseeküste und in Hamburg

An vielen Pegeln an Niedersachsens Nordseeküste überschritten die Pegel die Schwelle zur schweren Sturmflut - vor allem an den Flussmündungen. In Cuxhaven wurde ein Wasserstand von 2,82 Meter über dem mittleren Tidehochwasser gemeldet, die Grenze zur schweren Sturmflut liegt bei 2,28 Metern. In Emden wurde ein Stand von 2,41 Meter gemessen, das sei auch exakt die Grenze zur schweren Sturmflut, sagte der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft und Küstenschutz. Auf der Insel Norderney lag der Wasserstand bei 2,19 über dem mittleren Tidehochwasser, die Grenze zur schweren Sturmflut sei bei 1,95 Metern.

In Hamburg erreichte die Elbe am Pegel St. Pauli am Samstagmorgen gegen 5.30 Uhr 3,75 Meter über dem mittleren Hochwasser, wie das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) mitteilte. Damit erreichte auch die Hansestadt erstmals seit 2013 wieder eine sehr schwere Sturmflut mit mehr als 3,5 Metern über dem mittleren Hochwasser. In der überfluteten Speicherstadt rettete die Feuerwehr am frühen Samstagmorgen zwei Männer, die mit ihrem Auto eingeschlossen waren. Laut Polizei waren die Männer stark unterkühlt - sie wurden vorsorglich in ein Krankenhaus gebracht.

Baukran in Bremen umgestürzt

Feuerwehren und Polizei meldeten bis Samstagmorgen zahlreiche Einsätze. In Bremen stürzte ein 55 Meter großer Baukran in ein im Rohbau befindliches Bürogebäude. "Es sieht verheerend aus", sagte ein Feuerwehrsprecher. Auch ein gerade vorbeifahrender Lkw sei von dem Kran erwischt worden. Der Fahrer sei unverletzt geblieben.

Kirche in Gronau beschädigt

In Gronau bei Hildesheim (Niedersachsen) wehte der Sturm eine rund 80 Kilogramm schwere Kupferplatte von einem Kirchturm. Sie sei etwa 80 Meter weiter in ein Haus eingeschlagen, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Einige Kilometer entfernt, auf der Autobahn 7 bei Hildesheim, fiel nach Angaben der Polizei am Freitagabend eine Verkehrstafel wegen des Sturmes auf die Fahrbahn. Ein Sattelzugfahrer habe nicht mehr ausweichen können und sei über die Hindernisse gefahren. Dabei riss der Tank auf, und 400 Liter Diesel-Kraftstoff ergossen sich über die Fahrbahn.

In Hamburg stürzten bei einem viergeschossigen Wohnhaus im Stadtteil Eilbek am Freitagabend Teile der Fassade ein. Insgesamt seien im Giebelbereich rund 25 Quadratmeter Mauerwerk abgefallen, sagte ein Feuerwehrsprecher.

In den Häfen in Emden und Wilhelmshaven mussten mehrere Schlepper die größeren Schiffe sichern. Dabei drückten sie die windanfälligen Schiffe gegen die Pier, sagte ein Sprecher der Wasserschutzpolizei.

Bahnverkehr bleibt eingeschränkt

Auch im Bahnverkehr ging zeitweise gar nichts, Einschränkungen in Norddeutschland und in den nördlichen Teilen Nordrhein-Westfalens gebe es immer noch, teilte die Bahn mit. Nördlich von Dortmund, Hannover und Berlin sowie zwischen Berlin und Halle (Saale)/Leipzig fahren demnach keine Fernverkehrszüge. Nur auf der Schnellfahrstrecke zwischen Köln und Frankfurt waren demnach einzelne Züge unterwegs. Auch der Regionalverkehr falle flächendeckend aus. Vor der Wiederaufnahme seien umfangreiche Erkundungsfahrten nötig.

Fahrgäste können ihre für den Zeitraum von Donnerstag bis Sonntag gebuchten Fahrkarten bis zum 27. Februar flexibel nutzen oder kostenfrei stornieren, wenn sie Reisen wegen des Sturms verschieben.

In Nordrhein-Westfalen ist die Rheinbrücke Emmerich bis auf weiteres gesperrt. Grund dafür seien umgestürzte Gerüstteile, die in die Fahrbahn ragen, teilte die Polizei am frühen Samstagmorgen mit. Im Norden wurde die Fehmarnsundbrücke gesperrt, die die Insel Fehmarn in der Ostsee mit dem Festland verbindet. Zuvor waren in der Nacht zwei Laster umgekippt. Ein Fahrer wurde dabei verletzt, wie ein Polizeisprecher sagte.

Strand auf Wangerooge weggespült

Die Nordseeinsel Wangerooge büßte im Sturm etwa 90 Prozent ihres Badestrandes ein. "Auf einer Länge von einem Kilometer gibt es kaum noch Sand", sagte Wangerooges Inselbürgermeister Marcel Fangohr. Die Schutzdünen vor dem Trinkwasserschutzgebiet hätten kein Deckwerk mehr, dies müsse wie der Strand neu aufgeschüttet werden. Dennoch sei der Sturm glimpflich ausgegangen.

Tote in den Niederlanden, Großbritannien und Irland

Auch in anderen europäischen Ländern sorgte der Sturm für Schäden, teils schon am Freitag: In Irland, Großbritannien, Belgien und den Niederlanden kamen mehrere Menschen ums Leben, meist durch umstürzende Bäume. Am Samstagmorgen waren Hunderttausende Menschen in Großbritannien weiter ohne Strom. Auf der Isle of Wight im Süden von England wurden Windgeschwindigkeiten von 196 km/h gemessen, was dort als Rekord gilt.

Schäden und Stromausfälle gab es auch in Polen und Tschechien. So waren allein in Polen wegen beschädigter Leitungen Zehntausende Haushalte vor allem in Westpommern ohne Strom. Vom Nationalmuseum Stettin (Szczecin) wurde ein großes Blech gerissen. Insgesamt kamen nach afp-Angaben 13 Menschen in Europa ums Leben.

Es bleibt windig

Vorübergehend soll die Wetterlage nun ruhiger werden, bis am Sonntag vor allem im Süden und in der Mitte noch mal stärkere Böen erwartet werden - verbreitet mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde. Dann nämlich ist "Antonia" aus Richtung Schottland und Island im Anmarsch. Auf höheren Bergen ist demnach auch mit teils schweren Sturmböen bis 100 km/h zu rechnen.

Dieses neue Sturmtief bringt laut DWD auch erneut viel Regen mit sich, der auf die vielerorts schon gesättigten Böden fällt. Turbulent dürfte es in der Nacht zum Montag werden. Erst am Dienstag beruhige sich die Lage etwas.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Februar 2022 um 12:00 Uhr.