Eine Spritze mit einem Corona-Impfstoff wird aufgezogen  | dpa

Neue Omikron-Vakzine Vom Hoffnungsträger zum Ladenhüter?

Stand: 18.09.2022 11:28 Uhr

Seit wenigen Tagen sind an die Omikron-Variante BA.1 angepasste Impfstoffe verfügbar. Die Nachfrage ist bisher verhalten - wohl auch, weil die Auslieferung des nächsten Impfstoffes kurz bevorsteht.

Von Christian Kretschmer, SWR Mainz

Auch wenn im Impfzentrum im rheinland-pfälzischen Alzey wieder mehr Betrieb herrscht - die Nachfrage nach den neuen Impfstoffen ist noch überschaubar: "Wir haben derzeit 80 bis 100 Impfungen am Tag", erzählt Norbert Günther, zuständiger Impfkoordinator. "Wir können noch wesentlich mehr schaffen - wenn man mal bedenkt, dass wir vor einem Jahr schon mal 800 Impfungen am Tag hatten."

Christian Kretschmer

Vor rund zwei Wochen hatte die Europäische Arzneimittelagentur neue Booster-Impfstoffe von BioNTech/Pfizer sowie Moderna zugelassen, die an die Omikron-Subvariante BA.1 angepasst sind. Seit ein paar Tagen sind die ersten Impfungen mit dem neuen Vakzin verfügbar. 14 Millionen Dosen davon hat der Bund bestellt; sie sollen bis Ende der laufenden Woche von den Herstellern geliefert werden.

Verhaltener Start der neuen Impfkampagne

Doch bislang ist der Start der neuen Impfkampagne verhalten. "Wir haben in den wenigen Tagen, in denen wir BA.1 impfen, keinen großen Nachfragesprung erlebt", sagt der stellvertretende Vorsitzende des Hausärzteverbands Schleswig-Holstein Jens Lassen.

Dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) liegen bundesweite Zahlen zu den Bestellungen vor. Demnach haben Vertragsärzte bislang rund 2,8 Millionen Dosen BA.1-Impfstoff bestellt. Die Nachfrage der Patienten sei "aktuell auch wegen der millionenfachen Infektionen aus der letzten Corona-Welle eher gering", teilt das Zentralinstitut auf Anfrage mit. "Man wird sehen müssen, wie es gelingt, die Impfbereitschaft der Risikopatienten in den nächsten Wochen weiter zu aktivieren und die allgemeine Impfverunsicherung nach und nach abzubauen. Zudem ist es Anfang September noch recht früh für eine Impfung, die bis ins Frühjahr schützen soll."

Zu den genannten Gründen kommt ein maßgeblicher weiterer hinzu: Bereits kommende Woche soll Deutschland Lieferungen eines weiteren an Omikron angepassten Impfstoffes von BioNTech/Pfizer erhalten: Dieser basiert auf der Sublinie BA.4/BA.5, die derzeit das Infektionsgeschehen in Deutschland dominiert. BA.1 spielt hierzulande schon länger keine Rolle mehr.

Zwei neue Impfstoffarten

Damit gibt es also zwei neue Impfstoffarten, die verfügbar sind - der eine aktueller als der andere: "Diese Entwicklung ist ein moralischer Gau", sagt Christoph Lembens, Hausarzt in Mainz. "Ein Patient wird ja kaum den älteren Impfstoff nehmen wollen. Sollen wir den alten dann wegschmeißen?"

Norbert Günther vom Alzeyer Impfzentrum sieht ähnliche Probleme wie der Hausarzt: "Vor ein paar Tagen haben wir die Leute weggeschickt und sie auf den BA.1-Impfstoff verwiesen. Jetzt stecken wir wieder in dem Dilemma, dass bald schon der nächste Impfstoff kommt. Sollen die Leute deswegen noch warten? Da muss ich schon überlegen, was ich sage."

Risikopatienten und Menschen, die älter als 60 Jahre sind, sollten nicht auf den BA.4/BA.5-Impfstoff warten, sondern sich schon jetzt mit dem verfügbaren BA1-Impfstoff boostern lassen, rät Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Zur Frage, welcher der beiden neuen Impfstoffe besser sei, gebe es keine Daten, sagt Watzl im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. In Versuchen mit Tieren seien die jeweiligen Ergebnisse ähnlich gewesen, direkte Vergleiche fehlten aber. "Insofern ist für mich offen, wie viel Vorteil der an BA.4/BA.5 angepasste Impfstoff wirklich bringt." Auch wenn der BA.4/BA.5-Impfstoff verfügbar ist, sollen Ärzte nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung weiter die BA.1-Impfstoffe bestellen können, bis sie aufgebraucht ist.

Sorge um mögliche Vernichtung von Impfstoffdosen

Die Frage bleibt, ob sie das tun: Hausarzt Lembens befürchtet jedenfalls, dass große Mengen dieses Impfstoffes vernichtet werden müssen, weil er von den Ärzten nicht abgerufen beziehungsweise von den Patienten abgelehnt werde. Das Bundesgesundheitsministerium teilt dazu mit: "Wie viele Impfstoffdosen in den nächsten Monaten verfallen, ist aufgrund der derzeit laufenden Impfkampagne nicht vorhersehbar und ist abhängig von der Impfbereitschaft der Bevölkerung." Die an die Subvarianten angepassten Impfstoffe seien grundsätzlich 12 Monate haltbar.

Wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums kürzlich sagte, sei darüber hinaus unklar, welche Variante im Winter vorherrschen werde - womöglich eine, für die wiederum der BA.1-Impfstoff sehr geeignet sei.

"Hoher Nachfragedruck" für BA.4/BA.5-Vakzin erwartet

Hausarzt Lembens erwartet zumindest für das BA.4/BA-5-Vakzin einen "hohen Nachfragedruck". Auch Norbert Günther, Leiter des Impfzentrums in Alzey, rechnet mit einem noch wachsenden Interesse an den Omikron-Boostern, spätestens zum 1. Oktober. Dann gilt als vollständig geimpft, wer mindestens zwei Impfungen und eine Infektion oder drei Impfungen vorweisen kann.

Über dieses Thema berichtete SWR4 Rheinland-Pfalz Am Morgen am 07. September 2022 um 06:00 Uhr.