Blick in einen leeren Gebetsraum einer Moschee in Ludwigsburg in Baden-Württemberg | Bildquelle: dpa

Moscheen in Corona-Zeiten "Ramadan ist dieses Jahr sehr schwierig"

Stand: 08.05.2020 04:30 Uhr

Auch wenn die Moscheen wieder öffnen dürfen, verzichten die meisten vorerst auf ein Freitagsgebet. Das zeigt in Corona-Zeiten soziale Verantwortung, ruft aber auch Unbehagen unter den Gläubigen hervor.

Von Ulrich Pick, SWR

Eigentlich hatten sich etliche regelmäßige Besucher der Mainzer Yunus-Emre-Moschee auf diesen Freitag gefreut. Nachdem ihr Gotteshaus in den vergangenen Wochen geschlossen war, hofften sie, dass endlich wieder ein Freitagsgebet stattfinden würde. Doch dann kam es anders. "Wir haben beschlossen, dass wir vorerst keine Koranlesungen und vor allem kein Freitagsgebet abhalten werden", erklärt Ramazan Ertugrul vom Ditib-Landesverband Rheinland-Pfalz. "Der Andrang wäre einfach zu groß, und wir wollen einfach kein Risiko eingehen."

Ein aufgeschlagener Koran liegt im Gebetsraum der Ditib Zentralmoschee in Wuppertal. | Bildquelle: dpa
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Ein aufgeschlagener Koran liegt im Gebetsraum.

Empfehlung zur Zurückhaltung

Die Mainzer Yunus-Emre-Moschee hält sich damit an die Vorgaben, die der Koordinationsrat der Muslime (KRM), ein Zusammenschluss von sechs großen islamischen Verbänden in Deutschland, vor einigen Tagen herausgegeben hat. Danach sollen die Moscheen im Land erst vom morgigen Samstag an - und zwar schrittweise - geöffnet werden. "Erst einmal sollen dann nur drei Tagesgebete stattfinden und auf Freitagsgebete vorerst verzichtet werden," erläutert KRM-Sprecher Burhan Kesici. "Zudem müssen die Moscheebesucher Mundschutz tragen und ihre eigenen Gebetsteppiche mitbringen." Auch wenn es sich lediglich um eine Empfehlung handelt, scheinen sich nach SWR-Recherchen die meisten Moscheen an sie zu halten. Nur wenige Gemeinden wollen bereits heute ein Freitagsgebet ausrichten.

Sehnsucht nach dem Treffen in der Moschee

Die nur sehr langsame Öffnung der Moscheen hat allerdings ein zwiespältiges Gesicht. So zeugt sie zwar unter dem Gesichtspunkt der Hygiene und Ansteckungsgefahr von Rücksichtnahme und sozialer Verantwortung. Gleichzeitig ruft sie aber mit Blick auf die Glaubenstraditionen Unbehagen hervor. Denn der momentane Fastenmonat Ramadan zeichnet sich gerade durch zahlreiche soziale Aspekte aus, die gewöhnlich in das Gemeindeleben integriert sind, jetzt aber aufgrund der Kontaktsperren nicht praktiziert werden können. So findet in vielen Moscheen, die über große Küchen verfügen, in der Regel ein tägliches Fastenbrechen statt, zu dem meist viele Besucher kommen.

Zudem trifft man sich in den Nachtstunden zu einem zusätzlichen Ritual-Gebet, dem Tarawih. Darüber hinaus sind die Freitagsgebete während der Fastenzeit oft besser besucht als im übrigen Jahr. "Der Ramadan ist dieses Jahr für uns besonders schwierig", bedauert deshalb Ramazan Ertugrul. "Es gibt eine Sehnsucht, endlich wieder in die Moschee gehen zu können, um dort Bekannte und Freunde zu treffen. Aber man ist natürlich auch vorsichtig."

Ähnlich sieht es Muhittin Soylu, Vorstand der Islamischen Gemeinschaft Baden-Württemberg: "Der Moscheebesuch ist etwas Emotionales. Das gilt gerade für die Alten, die sehr regelmäßig kommen. Aber genau sie sind gleichzeitig diejenigen, die momentan gesundheitlich besonders stark gefährdet sind."

Die Schwierigkeiten der Ordnungsdienste

Entgegenkommen dürften die verzögerten Moscheeöffnungen den kommunalen Ordnungsämtern. Denn sie haben letztlich zu kontrollieren, ob die Auflagen infolge der Corona-Krise von den Glaubensgemeinschaften auch eingehalten werden. Da sie gleichzeitig aber auch den gesamten öffentlichen Raum zu überwachen haben, sind sie vor sehr hohe Hürden gestellt, zumal sie - wie der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling einräumt - über zu wenig Personal verfügen, um überall gleichzeitig sein zu können. Da zudem weder die Moscheegemeinden noch die Ordnungsdienste ein großes Interesse an einem Zusammentreffen haben dürften, kann man also momentan von einer Win-Win-Situation reden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Mai 2020 um 17:00 Uhr.

Korrespondent

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Ulrich Pick, SWR

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