Merkel beim Bürgerdialog in Jena | Bildquelle: REUTERS

Merkel in Thüringen Eher Monolog als Dialog

Stand: 15.08.2018 01:08 Uhr

Pflege, Flüchtlinge, Europa: Die Spannbreite der Fragen bei Merkels Bürgerdialog ist groß. Die Kanzlerin antwortet routiniert - nur kurz lässt sie sich aus dem Konzept bringen.

Von Sabine Müller, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. in Jena

Als die vorgesehenen 90 Minuten Bürgerdialog vorbei sind, ist es für Angela Merkels Geschmack auch mal genug. Als der Moderator meint, eine Frage gehe noch, weist sie ihn recht bestimmt darauf hin, dass die Zeit eigentlich rum ist. Der eine Frager kommt dann tatsächlich noch dran, aber die Kanzlerin wird's verschmerzt haben. Denn es waren relativ entspannte anderthalb Stunden Bürgerkontakt für sie.

Keine weinenden Flüchtlingsmädchen, keine Altenpfleger, die ihr Heimbesuche abnötigen. Gut, in Minute elf, als ein Mann nach Horst Seehofers "Masterplan Integration" fragt, kneten Merkels Hände für einen Moment recht heftig den Windschutz ihres Mikrofons.

Aber sonst? Keine Überraschungsmomente, keine empörten AfD-Pegida-Wutbürger, sondern lauter freundliche Thüringer, die durchaus kritisch, aber sehr höflich Fragen stellen:

"Warum wird die EU so schlecht verkauft? Wir haben in Deutschland einen akuten Fachkräftemangel - welche Maßnahmen könnte man ergreifen, um dem entgegenzuwirken? Wir kriegen nicht mal drei, woher sollen 13.000 kommen?"

Gespräch über Europa: Kanzlerin Merkel bei "Bürgerdialog" in Jena
tagesthemen 22:15 Uhr, 14.08.2018, Christian Thiels, SWR

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Kanzlerin verteidigt Abkommen mit Ankara

Pflegenotstand, Flüchtlinge, Brexit, Kindergeld für EU-Ausländer: Die Spannbreite der Fragen ist groß, aber Merkel scheint von keiner einzigen überrascht, arbeitet routiniert die Antworten ab. Verspricht, sich zu kümmern, betont, dass Europa durchaus mühsam ist, verteidigt das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei.

Dabei bleibt die Kanzlerin wie festgetackert am Rand der kleinen, kreisförmigen Bühne stehen, kommt nicht in die Mitte, direkt zu den Leuten. Vielleicht mit ein Grund dafür, dass dieser Bürgerdialog eigentlich nie ein wirkliches Gespräch ist - die Bürger fragen und Merkel antwortet länglich.

Immerhin: Die Kanzlerin, der oft vorgehalten wird, ihre Politik zu wenig zu erklären, ist erkennbar bemüht, Europa verständlich und bürgernah zu erläutern: "Schauen Sie, wenn Sie zu Hause in ihrer Familie diskutieren, was Sie zum Mittagessen kochen, ist es manchmal schon schwer." Und Entscheidungen mit 28 EU-Staaten erst! Es geht um große und kleine Bananen, Krankschreibungen für Kühe und Fußböden in Friseursalons.

Kanzlerin Angela Merkel beim Bürgerdialog in Jena | Bildquelle: REUTERS
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Rund 90 Minuten stand die Kanzlerin in Jena Rede und Antwort.

"Sehr engagiert, sehr schlagfertig"

Merkel antwortet entspannt und mit Humor. Das kommt gut an: "Sehr engagiert. Sie hat eigentlich auf jede Frage eine Antwort gewusst, sehr schlagfertig", sagt der Schüler Friedrich Seibt, der Biobauer werden will und Merkel mit Fragen löchert, was sie wann für kleine Betriebe tun will. Drei, viermal fragt er nach, lässt nicht locker: "Wenn Sie sagen: 'Wir müssen das machen', können Sie nicht auch einfach ein Datum nennen, wann es losgeht?"

Aber Merkel lässt sich allenfalls kurz aus dem Konzept bringen. Zum Beispiel, als ein Mann lobt, wie sie "als Frau" mitmischt im Politikbetrieb. Da bilden sich auf ihrer Stirn zwei tiefe Falten. Mit der Kategorie "als Frau mitmischen" kann Merkel offensichtlich so gar nichts anfangen.

Einmal wird sie spitz, als die Frage kommt, warum der Umweltschutz in Skandinavien eigentlich besser laufe als bei uns. "Was machen die denn so toll, die Skandinavier?", fragt Merkel zurück. Fragerin Carol-Ann ist hinterher enttäuscht: "Sie hat leider Gottes, habe ich so empfunden, meine Frage recht schnell abgebügelt. Ich habe mir einfach mehr erhofft, mehr erwünscht."

Merkel gibt sich selbstironisch

Eine typische Merkel-Antwort bekommt eine Bürgerin, die von der Kanzlerin mehr Leidenschaft und Visionen einfordert, so wie beim Franzosen Macron: "Sie haben Leidenschaft gefordert. Jeder hat da seine eigenen Stärken." Aber wie viel Leidenschaft kann man erwarten von einer Kanzlerin, die auf die Eingangsfrage, was sie mit Europa verbindet, unter anderem Hygienestandards genannt hat?

Was bleibt hängen von diesem Bürgerdialog? Inhaltlich nicht viel, keine prägnanten Aussagen der Kanzlerin. Bei Merkel selbst bleibt auf jeden Fall der Auftritt von Friedrich hängen, dem hartnäckigen zukünftigen Biobauern. Ganz am Ende der Sendung, als der Moderator sagt, sie könne viel mitnehmen für ihre politische Arbeit - da antwortet Merkel: Ja, bei den kleinen Bauern müsse sie sich reinhängen.

Kanzlerin Merkel beim Bürgerdialog in Jena
Sabine Müller, ARD Berlin, zzt. Jena
15.08.2018 00:04 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. August 2018 um 22:15 Uhr.

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