Passanten gehen auf einer Einkaufsstraße in Dresden (Sachsen) an den Geschäften entlang. | dpa

Debatte über Maskenpflicht Intensivmediziner offen für Lockerung

Stand: 15.06.2021 09:45 Uhr

Wenige Neuinfektionen und sinkende Inzidenzen fachen die Diskussion um Lockerungen weiter an. Intensivmediziner zeigen sich offen für die Aufhebung einer Maskenpflicht im Freien. Andere Stimmen warnen vor einem frühzeitigen Lockerungskurs.

Intensivmediziner stehen einer Lockerung der Maskenpflicht positiv gegenüber, wollen aber das Tragen von Masken in Innenräumen beibehalten. "Generell spricht nichts dagegen: Jetzt im Sommer halten wir uns viel im Freien auf, die Inzidenzen sinken weiter. Und das Wichtigste: Es sind immer mehr Menschen bereits ein- oder zweimal geimpft", sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Um kein Risiko einzugehen, solle man seiner Meinung nach in Innenräumen aber weiterhin Maske tragen. "Draußen, wo auf großer Fläche viel Abstand zwischen viele Menschen kommen kann und die Aerosole sich nicht in einem Raum sammeln, kann man durchaus die Maske einmal ablegen und ein bisschen frühere Normalität zurückgewinnen."

Maske runter - draußen und bei kleineren Kindern

Im Freien könne auf eine Maske verzichtet werden, sagt auch der Infektiologe Peter Walger. Dagegen müsse es für Innenräume eine differenzierte Diskussion geben, etwa die Abhängigkeit von der Personenzahl, sagte der Experte von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Die Maske sei eine der effektivsten Maßnahmen zum Schutz vor Infektionen.

Mit Blick auf die Schulen hält Walger eine sofortige Beendigung der Maskenpflicht bei allen Kindern unter zehn Jahren für machbar. Bei älteren Kindern müsse man differenzierter schauen. Daten belegten, dass die Dominanz der Übertragung des Coronavirus auf Kinder eindeutig von Erwachsenen ausgehe. "Die Schule ist insgesamt ein relativ sicherer Ort für Kinder, sicherer als das private Milieu. Und dem sollten wir endlich Rechnung tragen", sagte Walger.

GEW: Maskenpflicht in Klassenräumen vorerst aufrecht erhalten

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hingegen warnt davor, die Maskenpflicht in den Schulen zu früh abzuschaffen. "Viele Klassenräume lassen sich nicht richtig lüften. Zudem gibt es bei der Bereitstellung und Einrichtung von Lüftungsanlagen noch erheblichen Nachholbedarf", sagte GEW-Chefin Maike Finnern dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Viele Lehrkräfte seien zudem noch nicht vollständig geimpft. Jetzt bereits die vollständige Aufhebung der Maskenpflicht an Schulen anzuregen, komme zur Unzeit und setze ein falsches Zeichen.

Politiker von Union und Grünen skeptisch

Skeptisch gegenüber Lockerungen bei der Maskenpflicht äußerten sich hingegen Politiker von Union und Grünen. "Zwar sinken die Inzidenzen, die pandemische Situation entspannt sich. Allerdings ist die Gefahr des Coronavirus angesichts der ansteckenderen Virusmutationen noch nicht gebannt", sagte der stellvertretende Vorsitzende der CSU/CSU-Fraktion im Bundestag, Stephan Stracke, der "Welt". "Wir sollten deshalb weiter vorsichtig und umsichtig handeln. Mit diesem Kurs sei die dritte Welle erfolgreich gebrochen worden.

Auch die Grünen-Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche mahnt weiter zur Vorsicht. "Das Abstandhalten und das Tragen einer Maske in bestimmten Situationen sind moderate Mittel, um gerade diejenigen zu schützen, die noch keinen vollständigen Impfschutz haben", sagte die Berichterstatterin für Infektionsschutz in der Grünen-Bundestagsfraktion ebenfalls der "Welt".

Pflegebevollmächtigter warnt vor Lockerung

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, warnte vor einer übereilten Aufhebung der Corona-Schutzmaßnahmen in Betreuungseinrichtungen. "Wenn wir jetzt die Bremse ganz loslassen, kann es sein, dass wir wieder von der Straße in Richtung Normalität abkommen", sagte Westerfellhaus den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Westerfellhaus sagte zur Begründung, nicht alle Pflegekräfte, Bewohner und Besucher seien geimpft. Lockerungen in Pflegeeinrichtungen, wie etwa die Aufhebung der Maskenpflicht, müssten daher "mit Augenmaß erfolgen". Mit Blick auf die aktuelle Diskussion über eine weitreichende Aufhebung der Corona-Auflagen erklärte er, trotz sinkender Fallzahlen "sollte der besonderen Situation in Pflegeeinrichtungen weiterhin unsere uneingeschränkte Aufmerksamkeit gelten".

Auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, forderte anhaltende Vorsichtsmaßnahmen, zugleich aber auch bessere Bedingungen für Pflegebedürftige in den Einrichtungen. "Klar ist, dass der Infektionsschutz und die Freiheitsrechte von Heimbewohnern im Einklang miteinander stehen müssen", sagte Brysch den Funke-Zeitungen. Besuche, Zusammenkünfte und Feste für vollständig Geimpfte oder Getestete müssten "bedingungslos möglich sein". Um den Schutz der Hochrisikogruppe weiter sicherzustellen, bleibe aber eine Testpflicht für ungeimpfte Mitarbeiter und Besucher unerlässlich, sagte Brysch.

Sieben-Tage-Inzidenz von 15,5

Die Debatte über ein Ende der Maskenpflicht hat angesichts stetig sinkender Corona-Neuinfektionen an Fahrt aufgenommen. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz liegt nun bei 15,5 Fällen pro 100.000 Einwohner. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) unter Berufung auf Angaben der Gesundheitsämter mitteilte, wurden innerhalb eines Tages 652 Neuinfektionen sowie 93 Todesfälle registriert. Am Dienstag vor einer Woche waren 1204 Neuinfektionen gezählt worden. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag vor einer Woche bei 23.

Die Gesamtzahl der verzeichneten Corona-Fälle in Deutschland seit Beginn der Pandemie liegt nach Angaben des RKI mittlerweile bei 3.716.170. Die Zahl der insgesamt registrierten Todesfälle stieg auf 89.937. Die Zahl der von einer Covid-19-Erkrankung Genesenen bezifferte das RKI auf rund 3.586.000.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. Juni 2021 um 22:30 Uhr.

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Moderation 15.06.2021 • 13:15 Uhr

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