Julia Klöckner stellt MRI, BLL, Keyhole und Nutriscore vor (19.06.2019) | Bildquelle: BMEL

Überblick zur Lebensmittelkennzeichnung Gesucht: das Nährwert-Logo

Stand: 14.08.2019 12:28 Uhr

Gesündere Ernährung soll einfacher werden - auch mit neuen Aufdrucken auf Lebensmittelpackungen. Wie diese Logos aussehen werden, darüber lässt Ministerin Klöckner gerade abstimmen. Das sind die möglichen Modelle.

Von Judith Pape, tagesschau.de

Zu fettig? Zu süß? Zu salzig? Schnelle Antworten auf diese Fragen findet der Verbraucher beim Einkaufen derzeit nur schwer. Zwar schreibt die Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV) seit 2016 für alle verpackten Lebensmittel vor, sieben Nährwerte - darunter Energie, Fett, Salz - tabellarisch aufzuführen, aber die Angaben stehen oft unscheinbar auf der Rückseite und beziehen sich auf 100 Gramm. Die Angaben auf eine Portion oder den Tagesbedarf umzurechnen, ist kompliziert.

Verbraucherschützer, Mediziner und Ernährungsexperten fordern seit Langem ein leicht verständliches Element auf der Frontseite, das den ernährungsphysiologischen Wert eines Lebensmittels auf einen Blick einordnet. Denn viele Menschen sind zu dick, weil sie sich falsch ernähren. In Deutschland sind fast die Hälfte der Frauen übergewichtig, nahezu zwei Drittel der Männer und sogar 15 Prozent der Kinder. Übergewicht ist ein wichtiger Faktor bei der Entstehung von Diabetes, Krebs und Herz-Kreislauf-Leiden wie Bluthochdruck und Infarkten.

Nährwerttabelle | Bildquelle: imago/STPP
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Schwer zu verstehen: Die Nährwerttabelle, die seit 2016 nach EU-Recht vorgeschrieben ist.

Ministerin Klöckner zögert

Doch bislang zeigte sich Bundesernährungsministerin Julia Klöckner sehr zögerlich, wenn es darum ging, eine Kennzeichnung für Lebensmittel einzuführen. Die Verbraucherbefragung, die die Ministerin gestartet hat, soll nun den jahrelangen Streit um ein Nährwert-Logo beenden. Kritiker wie die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch werfen Klöckner vor, die Entscheidung mit der Umfrage abzuwälzen. "Die Ministerin will es irgendwie allen recht machen - ein Modell, mit dem sich die gesamte Lebensmittelindustrie anfreunden kann, ist aber sicher nicht das beste für Verbraucher", sagt Luise Molling, bei der Verbraucherorganisation Foodwatch zuständig für Lebensmittelkennzeichnung tagesschau.de.

Vier Modelle werden derzeit in Gruppenbefragungen und dann in einer großen Umfrage mit mindestens tausend Teilnehmern auf Verständlichkeit und Akzeptanz getestet. Im September soll das Ergebnis veröffentlicht werden - und danach als freiwilliges Kennzeichnungsmodell umgesetzt werden. Freiwillig deshalb, weil in der EU den einzelnen Mitgliedstaaten eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht auf nationaler Ebene verboten ist. Wichtig ist eine Entscheidung der Bundesregierung dennoch, denn Klöckner kann bei der EU-Kommission eine Erlaubnis für eine bestimmte Kennzeichnung einholen.

Diese Logos sind im Rennen:

Nutri-Score

Für das System trommeln Verbraucherschützer und die SPD. Es bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz empfehlenswerte Bestandteile wie Ballaststoffe oder Proteine in eine Bewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an - in einer fünfstufigen Skala von "A" auf dunkelgrünem Feld für die günstigste Bilanz über ein gelbes "C" bis zu einem roten "E" für die ungünstigste. Das zutreffende Feld wird hervorgehoben.

Nutri-Score-Kennzeichen auf Müsli-Packung | Bildquelle: imago/Reporters
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Der Nutri-Score wird in Frankreich bereits seit 2017 auf freiwilliger Basis eingesetzt. 91 Prozent der Verbraucher dort befürworten ihn; 87 Prozent sagen, er solle verpflichtend werden.

Bei einer Untersuchung des bundeseigenen Max-Rubner-Instituts (MRI) schnitt der Nutri-Score sehr gut ab. Das bestätigt auch eine Umfrage im Auftrag mehrerer Medizinverbände gemeinsam mit Foodwatch, deren Ergebnisse heute vorgestellt wurden. 87 Prozent der Befragten bewerteten den Nutri-Score demnach als "schnell erfassbar". 60 Prozent fanden, dass das Logo die Auswahl gesunder Lebensmittel erleichtere.

Es gibt aber eine Interessenvertretung, die sich gegen die Lebensmittel-Ampel ausspricht - der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL: "Eine subjektive Bewertung, beispielsweise durch die Verwendung von Ampelfarben, die den Verbrauchern eine Empfehlung suggerieren, lehnt der BLL angesichts unterschiedlicher Ernährungsgewohnheiten und -vorlieben ab."

Dabei ist der Nutri-Score in Frankreich schon weit verbreitet und auch Belgien, Spanien, Portugal und Luxemburg werden das Logo einführen. Erste Produkte damit sind auch schon in deutschen Supermärkten zu kaufen. Denn Danone, Iglo, Bofrost und einige kleinere Produzenten haben beschlossen, ihre Verpackungen im laufenden Jahr in Deutschland damit zu kennzeichnen. Iglo ist dies inzwischen allerdings vorläufig vom Landgericht Hamburg untersagt worden. Der Grund: Klöckner hat bislang keine rechtliche Grundlage für die Verwendung des Logos geschaffen.

Keyhole

Dieses System wird in Skandinavien genutzt. Das Logo entwickelte die schwedische Lebensmittelbehörde vor 30 Jahren. Es zeigt ein weißes Schlüsselloch auf grünem oder schwarzem Grund und ist eine reine Positivkennzeichnung - ausgewiesen werden also nur Produkte mit günstiger Nährwertbewertung. Nachteil: Ist das Logo nicht aufgedruckt, weiß der Verbraucher aber nicht, woran das liegt: Ist das Produkt nicht so gut, oder macht der Hersteller einfach nicht mit?

Scandinavian Keyhole
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Das Schlüsselloch- oder Keyhole-Modell existiert in Schweden seit 1989. Das Logo darf nur auf Lebensmitteln stehen, die wenig Salz und Zucker, eine gute Fettqualität sowie einen hohen Anteil an Ballaststoffen und Vollkorn enthalten.

Modell der Lebensmittelindustrie

Das Modell, dass der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft BLL vorlegte, existiert nur im Computer. Es hat fünf Kreise, in denen die Kalorien sowie der Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz pro 100 Gramm stehen. Ähnlich wie bei einer Tortengrafik zeigt eine hervorgehobene Fläche in jedem Kreis an, wie viel Prozent der täglichen Zufuhr der Verzehr von 100 Gramm bedeutet - je mehr, desto größer die Fläche. Basis ist eine EU-weit festgelegte Referenzmenge von insgesamt 2000 Kalorien pro Tag für einen durchschnittlichen Erwachsenen. Diese farbliche Fläche soll im Kreis zur Kalorienzahl hellblau sein, in den anderen Kreisen lila.

BLL Nährwertkennzeichnung | Bildquelle: BMEL
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Beim Aufdruck des Lebensmittelverbands Deutschland sollen Kreisdiagramme die Mengen an Kalorien, Fett, Zucker und Salz eines Produkts im Verhältnis zur empfohlenen Tagesmenge darstellen.

Modell der Ernährungsforscher

Auf Bitten des Ministeriums hat auch das MRI ein System entwickelt. Nach Informationen der ZEIT hat das Bundesforschungsinstitut sich dafür nur vier Wochen Zeit genommen. Das Logo zeigt Salz, Zucker und Fett pro 100 Gramm in separaten Waben an, die bei niedrigem Gehalt jeweils blaugrün gefärbt sind. Das soll Menschen etwa mit Diabetes oder Bluthochdruck auch eine speziellere Orientierung geben. Daneben zeigt eine große Wabe eine Gesamtbewertung. Je günstiger sie ausfällt, desto mehr der fünf Flächen bekommen einen schwarzen Stern und werden blaugrün ausgefüllt. Das Modell soll "eine Verbindung zwischen dem schaffen, was bisher schon an Gutem und Vorteilhaftem vorhanden ist", schreibt der Urheber, das MRI. Laut Barbara Bitzer von der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten wurde das Modell nicht wissenschaftlich untersucht.

MRI-Nährwertkennzeichnungssysteme | Bildquelle: MRI.Bund.de
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Beim Modell des MRI gilt: Je dunkler der Farbton, desto gesünder. Eilige Käufer können sich außerdem an einem Sterne-System orientieren, entliehen bei der Bewertung von Hotels: Lebensmittel erhalten von einem Stern bis fünf Sterne.

Wie das Verbraucher-Votum ausfällt, ist offen. Klöckner betonte: "Wir haben keine Präferenz." SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch hofft auf ein klares Ergebnis, das allseits anerkannt wird. "Voraussetzung ist eine transparente und faire Befragung ohne Einflussnahme von wem auch immer." Die Lebensmittelbranche mahnt differenzierte Blicke an - auf Normalgewichtige, aber etwa auch auf Menschen mit Erkrankungen. Die Verbraucherzentralen dringen auf eine definitive Entscheidung im Herbst, um die Einführung eines Logos nicht weiter zu verzögern. Dabei fordert Foodwatch auch, eines Tages zu einer EU-weiten Pflichtkennzeichnung zu kommen - wofür Nutri-Score die besten Chancen biete.

Überhaupt kommt es darauf an, dass das freiwillige Logo auf einigermaßen breiter Front in den Regalen auftaucht, sagte MRI-Präsident Steinberg. Ein Modell mit einer Marktdurchdringung von 10 bis 20 Prozent wäre kein Erfolg. Das würde vielmehr zu mehr Verwirrung führen.

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