Polizeieinsatz in Berlin  | picture alliance / Wolfram Stein

Kriminalität in Berlin Die "Handlanger" emanzipieren sich

Stand: 26.11.2020 20:09 Uhr

Gewalt, Waffen, Schlägereien: In Berlin rücken tschetschenische Kriminelle immer stärker in den Fokus der Ermittlungsbehörden. Auch, weil sie ihre Tätigkeitsfelder ausweiten.

Von Adrian Bartocha und André Kartschall, rbb

Das Foto ging durchs Internet und durch die Presse: eine Szene wie aus einem Mafia B-Movie. Sieben Männer in Sneakers auf wuchtigen Ledersofas. Auf dem Tisch Cola, Fanta und Plastikbecher. Der "Friedensgipfel" zwischen kriminellen Mitgliedern arabischer und tschetschenischer Clans, organisiert vom Ex-Box-Weltmeister Mahmoud Charr. Charr gab dabei den "Friedensrichter“.

Vorausgegangen waren in Berlin blutige Prügeleien und Massenschlägereien zwischen Mitgliedern eines arabischen Clans und tschetschenischen Gruppierungen. Doch nach dem Treffen sei "Frieden in Berlin" eingekehrt, verkündete Charr anschließend stolz auf Instagram.

Fester Bestandteil krimineller Strukturen in Berlin

Tschetschenische Kriminelle seien inzwischen ein fester Bestandteil der kriminellen Strukturen in Berlin, teilt das Landeskriminalamt Berlin auf Anfrage des rbb mit. Die Kriminellen aus dem Nordkaukasus seien seit 2013 für "Schutzgelderpressung, Waffendelikte, gefährliche Körperverletzungen" bekannt. Doch lange Zeit galten sie nur als "Dienstleister" und "Handlanger" für andere kriminelle Gruppierungen. Inzwischen beobachten die Ermittler, dass die tschetschenischen Gruppierungen sich emanzipieren und "eigene Delikte, zum Beispiel den Rauschgifthandel für sich beanspruchen".

Ob dies der Grund für die jüngsten Auseinandersetzungen mit Mitgliedern des Remmo-Clans war, bleibt offen, die Ermittlungen laufen noch. Dass tschetschenische Gruppierungen ihre "Tätigkeitsfelder" zunehmend ausweiten, beobachtet auch das Bundeskriminalamt. Markus Koths, seit einem halben Jahr Leiter der BKA-Abteilung für deliktübergreifende organisierte Kriminalität erklärt im Interview mit rbb24, dass die Gruppen schwerpunktmäßig im Norden und im Osten Deutschlands aktiv seien.

Polen als Drehkreuz

Der Aufstieg der tschetschenischen Gruppen erfolgte schnell. Viele kamen als Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland. Der Höhepunkt der Zuwanderung war 2013, da stellten die Tschetschenen die zahlenmäßig größte Flüchtlingsgruppe in Deutschland dar. 1800 Menschen aus Tschetschenien beantragten in jenem Jahr allein in Berlin und Brandenburg Asyl.

Die allermeisten von ihnen waren Familien mit Kindern, die vor der autoritären Herrschaft von Präsident Ramsan Kadyrow geflüchtet waren. Im Rahmen des Dublin-Abkommens hätten viele von ihnen eigentlich nach Polen abgeschoben werden müssen, in das EU-Land, das sie zuerst betreten hatten.

Bis heute ist Polen für Flüchtlinge aus der russischen Teilrepublik die erste Anlaufstelle in der EU. Dort gibt es seit den 1990er-Jahren eine große tschetschenische Community. Vor dem Hintergrund der Tschetschenien-Kriege wurden die Flüchtlinge dort zunächst willkommen geheißen, schließlich hatte man seit Jahrhunderten einen gemeinsamen Feind: Russland. Doch später wurden sie im katholischen Polen zunehmend als Muslime diskriminiert. Vor allem nachdem bekannt wurde, dass viele im Krieg gegen Russland erprobte "Kämpfer" sich dem "IS", dem sogenannten Islamischen Staat in Syrien und im Irak anschlossen.

2015 hatte sich das kaukasische Emirat, dem sich viele Tschetschenen verpflichtet fühlen, dem "IS" unterstellt. Trotz des gemeinsamen "Feindes" waren die Tschetschenen in Polen nun nicht mehr erwünscht, viele zogen weiter nach Deutschland, bis 2016 waren es knapp 10.000 Menschen. In dieser Zeit entwickelten sich hochprofessionelle Schleusernetzwerke, auf deren Logistik nach rbb-Recherchen bis heute auch andere kriminelle Organisationen zurückgreifen.    

Organisierte Kriminalität und Islamisten

Bereits im Frühjahr 2017 berichtete der rbb, dass mit den Flüchtlingen immer mehr gewaltbereite Extremisten und kampferprobte IS-Kämpfer aus Tschetschenien nach Deutschland gelangten. Bundespolizisten an der deutsch-polnischen Grenze schlugen Alarm, die Rede war von einer "Sicherheitslücke" und einem "Überwachungsloch".  Und schon damals hieß es aus Ermittlerkreisen, es gäbe auch Verbindungen der Islamisten zur Organisierter Kriminalität.

Einnahmen aus illegalen Geschäften würden auch der finanziellen Unterstützung des "Heiligen Krieges" dienen. Koths vom BKA bestätigt, dass es in Einzelfällen Verbindungen zwischen den tschetschenisch dominierten Gruppierungen der Organisierten Kriminalität und Islamisten gibt. Allerdings seien dort bislang keine verfestigten Strukturen zu erkennen. Dazu bedürfe es weiterer Analyse.

Sicherheitsbehörden schlagen Alarm

Dass diese Gruppierungen sehr gefährlich sind, darüber sind sich alle Sicherheitsbehörden einig. Und zwar "wegen ihrer Kampferfahrung, wegen ihrer militärischen Vorbildung, wegen ihrer Affinität zu Waffen, aber auch wegen ihrer ethno-kulturellen Homogenität", so Jörg Müller Chef des Verfassungsschutzes in Brandenburg.

Einen ungewöhnlichen Zusammenhalt, eine hohe Gewalt- und Waffenaffinität, einen ausgeprägten Ehrbegriff und eine bemerkenswerte Vernetzung und geringe Akzeptanz staatlicher Autoritäten bescheinigt den Tschetschenen auch das LKA Berlin. Und Koths vom BKA ergänzt, "auch Polizeibeamte und Beamtinnen sind gefährdet. Bürgerinnen und Bürger, die in solche Auseinandersetzungen hineingeraten können, sind gefährdet. Und diese gesamte Entwicklung ist durchaus auch in der Lage, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung in erheblichem Maße zu beeinträchtigen".