ARD-Wahlarena mit Grünen-Spitzenkandidatin Baerbock | dpa
Analyse

Baerbock stellt sich Publikum Raus aus der Klimaschutz-Ecke?

Stand: 06.09.2021 23:43 Uhr

Endlich über Inhalte reden, wird sich Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock gedacht haben. Kritische Fragen weiß sie in der ARD-Wahlarena eher für ihre Sache zu nutzen. Nur ein Thema fehlte dann doch.

Eine Analyse von Corinna Emundts, tagesschau.de

Es ist schließlich die Frage eines Steuerprüfers aus Warendorf in Westfalen, mit der die grüne Kanzlerkandidatin so richtig in Fahrt kommt. Eine Stunde Wahlarena ist da bereits herum, es geht schon auf den Endspurt zu. Vorher hatte Annalena Baerbock Pflegern, einer Heilpraktikerin und Sozialpädagogin stets konzentriert zugehört, oft nachgefragt und mit bemüht zupackender Tonlage geantwortet - ohne erkennbare Patzer.

Corinna Emundts tagesschau.de

Aber jetzt scheint sie richtig in ihrem Element zu sein: Der Wirtschaftsprüfer hatte gefragt, wie sie ihre Vorhaben denn finanzieren wolle ("jedes Mal sind das Multimilliarden" ) und wie Unternehmer bei ihren Vermögenssteuerplänen denn Geld übrig haben sollten, auch noch in ihre Altersvorsorge zu investieren. Die Frage nach der Finanzierung ihrer Politikideen aus den Wahlprogrammen sind immer die heikelsten für alle Parteien. Denn dort sind Maximalforderungen versammelt, die sich nicht bis ins kleinste gegenrechnen lassen.

Baerbock lässt sich von der Frage offenkundig nicht verunsichern. Dies lasse sich durch verschiedene Elemente erreichen, die Vermögenssteuer sei nur eines davon, aber natürlich seien Betriebsvermögen freigestellt. Zudem wolle man mehr Geld durch Bekämpfung von Milliarden-Steuerbetrug in die Kasse holen. Der Mann ist noch nicht überzeugt. "Sie schütteln schon leicht mit dem Kopf", sagt Baerbock zu ihm - und lässt sich nicht beirren: "Für mich ist der Punkt: Was ist die Alternative? Wir wollen ja investieren!" Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und ein besseres Bildungs- und Betreuungsystem kosteten eben Geld.

Die 40-Jährige tritt als erste der drei Kandidaten um das Kanzleramt bei der diesjährigen ARD-Wahlarena an. Dort stehen Publikumsfragen im Vordergrund, nicht die Fragen der Moderatoren wie bei den Triellen. Das Moderatorenteam Andreas Cichowicz und Ellen Ehni hat alle Hände voll zu tun, dem stetig anwachsenden Fragebedarf an die Grünen-Politikerin gerecht zu werden. Vor den Besucherinnen und Besuchern kann sie nun eine Seite ausspielen, die ihre Konkurrenten Olaf Scholz und Armin Laschet nicht haben: Sie kann immer wieder sagen "Wir haben seit 16 Jahren nicht regiert" - und damit quasi auf jede Frage, jede Sorge ihres Publikums so eingehen, dass daraus eine prioritäre Politikaufgabe für die nächste Bundesregierung wird. Sei es die Reform der gesetzlichen Rentenversicherungen, sei es Energiesicherheit.

In dem Sinne hat sie es in diesem Format leichter. Und doch sind da auch die schwierigeren Fragen: Die rot-grüne Regierung vor Angela Merkels Kanzlerschaft habe einiges liegen lassen, wie etwa den Abzug von US-Atomwaffen aus Deutschland, sagt ein Zuschauer aus München und fragt, wie sie dazu stehe. Darüber geht Baerbock in ihrer Antwort einfach hinweg - für Rot-Grün unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder scheint sie sich nicht zuständig zu fühlen.

Sie nutzt es für einen außenpolitischen Exkurs

Sie nutzt es eher für einen außenpolitischen Exkurs, dass Deutschland künftig gerade dort eine aktivere Rolle spielen müsse - und mit den Amerikanern natürlich über einen Abzug der Atomwaffen aus Europa reden. Sie nutzt erkennbar Fragen zu nicht traditionell urgrünen Themen wie der Außenpolitik oder eben der Wirtschaft, um zu signalisieren, dass die Grünen 2.0 aus der reinen Klimaschutz-Ecke deutlich heraus wollen und ein Konzept für jedes politische Problem in der Tasche haben.

Dabei bleibt sie erkennbar bei sich und ihrem Publikum, belässt es bei wenigen Angriffen auf SPD oder Union. Nur ein-, zweimal erwähnt sie ihre Kontrahenten Scholz und Laschet namentlich. Einmal durchaus ein wenig herablassend, als es um die Corona-Politik geht und eine junge Frau aus der Lübecker Gegend nach der 2G-Regeln fragt : "Es reicht nicht, wie Herr Laschet zu sagen, dass es keinen neuen Lockdown gibt - da wird das Virus nicht darauf hören". Man müsse jetzt alles dafür tun, damit Schulen, Kitas, Kunst, Kultur und Restaurants offen bleiben könnten.

Kaum Angriffsmodus, sie bleibt bei sich

Am deutlichsten grenzt sie sich beim Kohleausstieg von den regierenden Parteien ab - im Gegensatz zu ihnen wollen die Grünen diesen um acht Jahre auf 2030 vorziehen. "Der Punkt ist doch: Wenn wir jetzt weiter nichts tun werden, werden wir die Klimaschutzziele nicht erreichen und das Land mit Blick auf die Industrie nicht erneuern." Man meint ihr die Erleichterung anzumerken, dass es in diesen 73 Sendeminuten nur um politische Inhalte geht.

Keine Frage kommt zu ihrem Lebenslauf oder fehlenden Quellen in ihrem Buch - was die erste Phase ihrer Kandidatur stark beschwert hatte. Der spontane Auftritt sei eine ihrer Stärken, heißt es in ihrem Umfeld. Insofern liegen nach der schlechten Startphase und sinkenden Umfragewerten gerade bei den Grünen große Hoffnungen auf den Diskussionsrunden mit Baerbock, sei es hier oder auch bei den kommenden Triellen.

Nach Annalena Baerbock tritt SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz am Dienstag, den 7. September in die Wahlarena - und Unions-Kandidat Armin Laschet am 15. September, ebenfalls um 20.15 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete die ARD-Wahlarena am 06. September 2021 um 20:15 Uhr.