Bundesarbeitsminister Hubertus Heil | dpa

Ende der Homeoffice-Pflicht Zurück auf Anfang

Stand: 30.06.2021 08:13 Uhr

Ab heute müssen Firmen kein Homeoffice mehr ermöglichen. Doch der Politik bleibt das Thema erhalten: SPD, Grüne und Linke wollen einen rechtlichen Anspruch auf das mobile Arbeiten durchsetzen - doch die Union macht nicht mit.

Von Kai Clement, ARD-Hauptstadtstudio

Das Arbeiten im Homeoffice wird die Politik weiter beschäftigten. Zu viele Menschen haben es - wenn auch nur unter Pandemie-Bedingungen - kennengelernt. Viele von ihnen zum ersten Mal: Bislang Unmögliches wurde auf einmal Alltag. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat im Februar ermittelt, dass zu Jahresanfang etwa jede und jeder Vierte ganz oder überwiegend von zu Hause aus arbeiteten.

Kai Clement ARD-Hauptstadtstudio

Mitte April war es knapp jeder Zweite - zumindest stundenweise, so hat es das Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in einer repräsentativen Befragung für das Arbeitsministerium ermittelt. Offenbar hat die Homeoffice-Verordnung der Bundesregierung gewirkt.

Wie geht es weiter?

Damit aber ist nun erstmal Schluss. Die Pflicht, Homeoffice wann immer möglich anzubieten - also natürlich nicht für Bäcker oder Stahlwerkerinnen - endet. Bei den niedrigen Infektionszahlen könne man das nicht mehr begründen, sagt Peter Weiß, Arbeitsmarkt-Experte der Union. Deshalb heißt es jetzt: zurück auf Anfang, zurück zu freiwilligen Vereinbarungen. Weiß glaubt aber, dass sich das Arbeiten von daheim generell im Wirtschaftsleben ausbreiten werde.

Wie das umgesetzt wird, hängt jedoch von der künftigen Regierungskonstellation ab. SPD, Grüne und Linke setzen auf einen Rechtsanspruch auf Homeoffice, mit Union und FDP ist der jedoch nicht zu machen. Die AfD würde am liebsten alles so lassen, wie es vor Corona war.

"Ungeplanter Großversuch"

Für das Homeoffice in den Zeiten von Corona gibt es viele Namen: Probelauf oder doch nur ein Pandemie-Phänomen? "Ungeplanter Großversuch", so nennt es Arbeitsminister Hubertus Heil im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Er findet, man müsse daraus nun die Lehre ziehen und die lautet: "Wir brauchen einen Rechtsrahmen für mobiles Arbeiten". Heils Partei, die SPD, hat diesen Rechtsrahmen bereits in der Schublade liegen und das schon seit Ende Oktober, als die Infektionszahlen begannen, sich zur zweiten Welle aufzutürmen. Titel: "Das Mobile-Arbeit-Gesetz". Dazu steht der Arbeitsminister weiterhin. Der Gesetzesentwurf sei eine gute Grundlage, "die wir gleich nach der Bundestagswahl mit anderen Mehrheiten umsetzen können".

Vorausgesetzt, die SPD sitzt nach dieser Wahl überhaupt weiter auf der Regierungsbank und die anderen Mehrheitsbeschaffer sind eher links oder grün. Denn was Heil will, war und ist mit der Union nicht zu machen: ein gesetzlicher Anspruch auf 24 Tage Homeoffice pro Jahr, wenn der Job dafür geeignet ist. Außerdem sollten Arbeitgeber begründen, warum sie einen Wunsch auf mobile Arbeit oder Homeoffice ablehnen. Tun sie dies innerhalb einer Frist nicht, wäre Homeoffice automatisch für ein halbes Jahr bewilligt.

Die Grünen finden einen solchen Rechtsanspruch richtig, verbunden mit Freiwilligkeit und einem Rückkehrrecht. Am besten sei ein Wechsel zwischen häuslichem und betrieblichem Schreibtisch, sagt Beate Müller-Gemmeke. So seien Beschäftigte weiter in die Abläufe in ihrem Betrieb eingebunden und würden "nicht unsichtbar", wenn es etwa um Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten geht.

Linkspartei: Anspruch auf Homeoffice und festen Arbeitsplatz

Die Linkspartei möchte beides garantieren: einen Anspruch auf Homeoffice genauso wie den auf einen festen Arbeitsplatz im Betrieb. Ein Zurück zu Verhältnissen vor der Pandemie könne es nicht geben, sagt Sabine Zimmermann. Zugleich müsse der Betrieb als zentraler Arbeitsort erhalten bleiben. Dahinter steckt auch die Befürchtung, dass Arbeitgeber sonst aus Kostengründen oder zwecks verlängerter Arbeitszeiten Beschäftigte ins Homeoffice drängen könnten. "Nicht-Erreichbarkeit" müsse es auch dann geben, wenn der Arbeitsplatz mitten in der eigenen Wohnung steht.

Man dürfe den Arbeitgebern nicht reinreden, wie sie ihre Unternehmen organisieren, hält die Union dagegen. Peter Weiß verweist auf die Niederlande als Modell. Dort gebe es einen so genannten Erörterungsanspruch, so dass der Arbeitgeber "nicht nur einfach mürrisch nein sagen kann, sondern sich mit diesem Wunsch des Arbeitnehmers auseinandersetzen", also eine Begründung liefern muss.

Da kann die FDP gut mitgehen. Auch Johannes Vogel führt die Nachbarn als Vorbild an. Grundsätzlich wünscht er sich eine stärkere Homeoffice-Kultur nach der Pandemie.

Belastung des Homeoffices

Zumindest in dem Punkt sind also alle Parteien einigermaßen einig - bis auf die AfD. Jürgen Pohl findet, Homeoffice sollte nicht zum Normalfall werden, es gebe "keinen Anlass für grundstürzende arbeitsrechtliche Veränderungen". Auch weil es sonst die Gefahr gebe, Vollzeitarbeit und Kinderbetreuung zu vermischen, wenn beides von zu Hause aus stattfindet.

Dass Homeoffice auch belasten kann, steht außer Frage - und hat eine Studie der Techniker Krankenkasse im März bestätigt. So fühlte sich mehr als die Hälfte der befragten Erwerbstätigen im Homeoffice mit mindestens einem Kind im Haushalt von der Coronasituation stark oder sehr stark belastet.