Ex-Audi-Chef Rupert Stadler | dpa

Strafprozess im Dieselskandal Ex-Audi-Chef Stadler will aussagen

Stand: 30.09.2020 18:14 Uhr

Ex-Audi-Chef Stadler und drei weitere Angeklagte müssen sich von nun an vor Gericht verantworten. Es ist der erste Strafprozess im Dieselskandal. Der Vorwurf: Betrug. Zu Beginn verpasste das Gericht der Anklage einen Dämpfer.

Der erste Tag des Strafprozesses um den Dieselskandal ist mit einer guten Nachricht für den angeklagten Ex-Audi-Chef Rupert Stadler zu Ende gegangen: Nach Einschätzung des Landgerichts München kommt bei den ihm zur Last gelegten Taten nur Unterlassen infrage, kein aktives Tun. Die Staatsanwaltschaft war in der Anklage unter anderem von Betrug in mittelbarer Täterschaft und durch Unterlassen ausgegangen. Bei Taten durch Unterlassen kann der Strafrahmen reduziert werden.

Angeklagt ist Stadler wegen des Verkaufs von Dieselautos mit geschönten Abgaswerten, zusammen mit dem ehemaligen Audi-Motorenchef und Porsche-Technikvorstand Wolfgang Hatz und zwei Ingenieuren. Theoretisch drohen ihnen bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Stadler will aussagen

Stadler werfen die Ermittler allerdings ausschließlich vor, nach Aufdeckung der Manipulationen im September 2015 die Produktion und den Verkauf von Autos mit der Betrugs-Software nicht gestoppt zu haben. Mehr als 120.000 Fahrzeuge mit überhöhtem Stickstoff-Ausstoß seien so noch auf die Straße gekommen. Den Käufern sei damit ein Schaden in Höhe von 28 Millionen Euro entstanden.

Der frühere Vorstandschef will nach Angaben seines Anwalts im Prozess aussagen. Von 2007 an war er fast zwölf Jahre Audi-Chef - bis 2018, als er in einem abgehörten Telefonat über die Beurlaubung eines Mitarbeiters sprach und wegen Verdunkelungsgefahr vier Monate lang in U-Haft kam. Er sieht sich zu Unrecht angeklagt. Journalisten hatte er gesagt:

Was soll ich machen, wenn mir gesagt wird, der Sechszylinder ist sauber?

Weit schwerer wiegen die Vorwürfe gegen die drei Mitangeklagten: Laut Anklage haben sie die illegalen Abgas-Tricksereien von 2007 an organisiert und dafür gesorgt, dass entsprechende Motoren in 434.420 Autos eingebaut wurden.

Schadenshöhe nicht ganz klar

Bei der Schadenshöhe ist sich die Staatsanwaltschaft selbst nicht ganz sicher: Vielleicht 3,2 Milliarden Euro, weil die Autos in den USA praktisch Schrottwert hatten. Vielleicht auch nur 170 Millionen Euro - so viel hat die Beseitigung der Manipulationen gekostet.

Chef dieses Trios war Hatz, von 2001 bis 2009 Leiter der Motorenentwicklung bei Audi, anschließend bei VW. Er weist die Anklage zurück. Allerdings haben die beiden anderen Ingenieure bereits gestanden.

Ankläger erklärten den Weg zum Betrug

Die Ankläger erklärten beim Prozessauftakt zunächst, wie die Idee entstand, die Abgaswerte zu schönen. Demnach rechnete im Jahr 2006 der Abteilungsleiter für Abgasnachbehandlung, Henning L., aus, dass ein Liter Adblue-Harnstofflösung reiche, um den Stickoxid-Grenzwert 1000 Kilometer lang einzuhalten. Daraufhin wurden die Autos mit 23-Liter-Tanks konstruiert - scheinbar genug bis zum nächsten Wartungsintervall.

Aber bei Testfahrten stellte sich Ende 2007, Anfang 2008 heraus: Das reicht nicht. Dabei wollten doch Audi und VW ab November 2008 den US-Markt erobern mit ihrem "Clean Diesel", dem "saubersten Diesel der Welt". Ein Techniker schrieb im Januar 2008 an Henning L. und dessen Chef Giovanni P.:

Ganz ohne Bescheißen werden wir es nicht schaffen.

Laut Anklage forderte Giovanni P. "intelligente Lösungen" und ordnete schließlich den Einbau der Testerkennung an.

"Eindeutig nicht zulässig"

So funktionierte die Abgasreinigung auf dem Prüfstand tadellos - auf der Straße aber wurde sie gedrosselt. Giovanni P., von 2002 bis 2015 Hauptabteilungsleiter, sieht sich als bloßen Befehlsempfänger. Laut Anklage hat er alle Manipulationen mit Hatz abgestimmt "und ließ sich diese absegnen". Henning L. soll Hatz auf den Gesetzesverstoß hingewiesen haben. Und ein Mitarbeiter soll Giovanni P. gewarnt haben: "Dies ist ein eindeutiges Defeat Device und nicht zulässig."

Der ehemalige Audi-Motorenchef Wolfgang Hatz | LUKAS BARTH-TUTTAS/POOL/EPA-EFE/

Der Angeklagte Wolfgang Hatz war von 2001 bis 2009 Leiter der Motorenentwicklung bei Audi. Bild: LUKAS BARTH-TUTTAS/POOL/EPA-EFE/

Gut zwei Jahre lang soll der Prozess dauern, bis Ende 2022. In den nächsten Wochen werden zunächst die Verteidiger, dann die Angeklagten selbst zu Wort kommen. Allen wirft die Staatsanwaltschaft Betrug, irreführende Werbung und mittelbare Falschbeurkundung vor. Drei ehemalige Vorstandskollegen von Stadler und Hatz' Vorgänger als Audi-Motorenchef hat sie auch angeklagt.

Welche Autos fahren die Richter?

Optisch ging Stadler zum Prozessauftakt übrigens auf Distanz zur Marke mit den vier Ringen, wo er fast sein ganzes Berufsleben verbracht hat: Er fuhr in einer Mercedes-S-Klasse vor, dem Wagen seines Verteidigers.

Im Gerichtssaal lenkte der Anwalt das Augenmerk dann auf die Autos der Richter - mit einem Befangenheitsantrag: Gleich zu Beginn wollte er wissen, ob die Richter oder ihre Ehepartner nach 2009 Dieselautos aus dem VW-Konzern gefahren haben. Das könnte zum Ausschluss wegen Befangenheit führen. Das Gericht will darauf "zu gegebener Zeit" antworten.

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KOMMENTARE

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DrBeyer 30.09.2020 • 20:38 Uhr

@6X66 20:21

"Bei Euro 10 darf nur noch pupwarme Luft aus dem Auspuff kommen" Wo ist das Problem? Wir haben doch angeblich die besten Ingenieure der Welt! Wenn die Politik die Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet, ist das mit der "pupwarmen Luft" (oder sogar ohne sie!) doch auch jetzt schon möglich!