Eine Mitarbeiterin des Tübinger Humangenetik-Labors CeGaT hat ein Blutentnahmeröhrchen mit einer Blutprobe für einen Corona-Antikörper-Test in der Hand | Bildquelle: dpa

Coronavirus-Studien Wie schnell nimmt die Immunität ab?

Stand: 14.07.2020 19:42 Uhr

Bislang ging man davon aus, dass Covid-19-Patienten nach einer Infektion gegen das neue Coronavirus immun sind. Doch Bluttests ergaben, dass die Zahl der Antikörper schnell abnimmt. Was heißt das?

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Im Kampf gegen das Coronvirus hoffen viele auf Immunität - nach überstandener Infektion oder durch einen Impfstoff. Doch immer mehr Studien zeigen, dass gerade bei Menschen, die nur wenige oder gar keine Symptome hatten, schon bald nach einer Infektion keine Antikörper im Blut mehr nachweisbar sind.

"Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass hier keine Immunität vorliegt, aber es ist wahrscheinlich, dass ein möglicher Schutz weniger stabil und von kürzerer Dauer ist", erklärt Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln im Gespräch mit tagesschau.de.

Antikörper wichtiger Faktor für Immunität

Antikörper sind bei den meisten Virusinfektionen der wichtigste Faktor für Immunität. "Wie hoch der Antikörperspiegel und die Neutralisationsaktivität bei Sars-CoV-2 sein muss, um einen sicheren Schutz vor der Erkrankung zu gewährleisten, wissen wir noch nicht", sagt Klein. Bei Erkrankungen anderer Coronaviren nehme man "im Durchschnitt eine Immunität von einem bis zu einigen Jahren" an. Für Sars-CoV-2 werde das noch erforscht.

Auch Bluttests der ersten Corona-Patienten in Deutschland, die Ende Januar in der München Klinik Schwabing behandelt wurden, zeigten, dass die Zahl der Antikörper mit der Zeit geringer wurde, berichtete Clemens Wendtner, Chefarzt der dortigen Klinik für Infektiologie. "Bei vier der neun Patienten sehen wir sinkende neutralisierende Antikörper." Das deute darauf hin, dass nach durchgemachter Krankheit eine Neuansteckung möglich sei, es müsse jedoch noch weiter beobachtet werden, sagte Wendtner.

Nur 16,7 Prozent haben nach drei Monaten viele Antikörper

Ähnliche Erfahrungen haben auch Wissenschaftler in anderen Ländern gemacht. Chinesische Forscher berichteten im Fachblatt "Nature Medicine", dass die Antikörper nach zwei Monaten vor allem bei Patienten mit symptomfreiem Verlauf stark zurückgingen, aber auch bei tatsächlich erkrankten Patienten fielen die Werte deutlich. Patienten mit wenig Symptomen hatten zudem weniger Antikörper und somit eine schwächere Immunantwort entwickelt.

Auch nach einer Studie des King's College in London nahm die Antikörperkonzentration im Blut von 90 untersuchten Patienten mitunter schnell wieder ab. Zwar konnten die Wissenschaftler auch nach leichten Verläufen noch Antikörper feststellen, allerdings wiesen nach drei Monaten nur noch 16,7 Prozent der Blutproben hohe Antikörper-Konzentrationen auf. Bei mehreren Patienten fanden sie nach drei Monaten überhaupt keine Antikörper mehr. Von einer Immunität gegen das Coronavirus könne daher möglicherweise nicht in jedem Fall ausgegangen werden, heißt es in der Preprint-Studie, die also noch nicht von Fachexperten begutachtet wurde.

Folgen für Massentests und Immunitätspässe

Solche Studien lassen die Aussagekraft von Antikörper-Massentests, die das Ausmaß der Corona-Infektionswelle in der Bevölkerung klären sollen, fraglich erscheinen. Außerdem wecken sie Zweifel an den immer wieder diskutierten Immunitätspässen.

Allerdings weist die Expertin Mala Maini vom University College London darauf hin, dass Immunität nicht nur auf Antikörpern beruhe. Auch Immunzellen spielten beispielsweise eine Rolle. "Selbst wenn keine Antikörper im Blut nachweisbar sind, bedeutet das nicht unbedingt, dass keine schützende Immunität besteht", sagte Maini.

"Hoffnungsvolle Erkenntnisse" an Uniklinik Köln

Auch für die Entwicklung eines Impfstoffs ist es wichtig, die Immunantwort auf Sars-CoV-2 zu kennen. In Kooperation mit Wissenschaftlern aus München, Marburg, Frankfurt, Tübingen und Israel haben die Kölner Forscher rund um Klein im Blut von zwölf genesenen Covid-19-Patienten gezielt nach Antikörpern gesucht. Es gelang ihnen, Teile der Entwicklung von Antikörpern zu entschlüsseln und neutralisierende Antikörper gegen Sars-CoV-2 zu isolieren.

Dabei kamen die Wissenschaftler zu "neuen und hoffnungsvollen Erkenntnissen", wie Clemens Wendtner, Chefarzt der Münchener Klinik für Infektiologie, berichtet, der an der Studie mitwirkte. "Es konnte gezeigt werden, dass neutralisierende Antikörper sehr rasch vom Körper hergestellt werden können, da man für die natürliche Antikörperproduktion auf ähnliche Vorstufen zurückgreifen kann, wie Personen, die nicht in Kontakt mit Covid-19 gekommen sind", erklärte Wendtner auf Anfrage von tagesschau.de. "Dies sollte bei der raschen Generierung eines Impfschutzes im Rahmen einer Impfung gegen Covid-19 helfen."

Die Forscher konnten außerdem 255 neutralisierende Antikörper im Labor nachbauen. Diese können nun in unbegrenzter Menge künstlich hergestellt und etwa bei einer aktiven Covid-19-Infektion als Therapie eingesetzt werden. Das sei von großer Bedeutung, "um lokalisierte Ausbrüche zu stoppen und schwere Krankheitsverläufe zu verhindern, zum Beispiel bei Risikopersonen", so Klein. Erste klinische Prüfungen sollen Ende des Jahres beginnen.

Florian Klein Virologie | Bildquelle: MedizinFotoKoeln
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Dem Virologen Florian Klein und seinem Team gelang es, Corona-Antikörper im Labor nachzubauen. Er ist zuversichtlich, dass bald ein Impfstoff gefunden wird.

Hoffnung auf baldigen Impfstoff

Der Virologe ist zuversichtlich, dass es bald ein Impfstoff geben wird. Mittlerweile seien über 150 Impfstoffe entwickelt worden. Etwa 15 von diesen würden bereits in klinischen Studien getestet. "Wenn man bedenkt, dass wir mit diesem Virus erst seit Anfang des Jahres arbeiten, sind die erreichten Fortschritte erheblich. Es gibt keine andere Infektionserkrankung, bei der es eine vergleichbare Entwicklung gegeben hat."

Klein weist aber auch darauf hin, dass es bis zu einer Zulassung noch länger dauern könnte: "Am Ende will man einen Impfstoff für die Behandlung von Hunderten von Millionen beziehungsweise Milliarden von Menschen haben. Da muss sichergestellt sein, dass dieser keine negativen Effekte hat", so Klein. "Aber die Geschwindigkeit, die jetzt vorgelegt wurde, ist extrem hoch und nicht schneller machbar. Das macht Mut, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft Impfstoffkandidaten in der breiteren Anwendung haben."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Juli 2020 um 16:42 Uhr.

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