Kanzlerin Merkel trägt einen Mund-Nasen-Schutz | HENNING SCHACHT/POOL/EPA-EFE/Shu

Vor Bund-Länder-Beratungen Kommen härtere Maßnahmen?

Stand: 26.10.2020 18:29 Uhr

Die Infektionszahlen steigen rasant - und die Rufe nach schärferen Auflagen werden lauter. Bei den Bund-Länder-Beratungen am Mittwoch will Kanzlerin Merkel laut Medienberichten über einen "Lockdown light" diskutieren.

Wie können Bund und Länder den exponentiell steigenden Corona-Zahlen begegnen? Am Mittwoch wollen Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder über weitere Maßnahmen beraten. Jeder Tag zähle - also rechne er auch mit Beschlüssen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Der Anteil der älteren Infizierten nehme wieder zu, die Nachverfolgung der Kontakte sei in vielen Kommunen nicht mehr möglich. Seibert sagte, der Anstieg der akuten Corona-Fälle "führt zu einer in vielerlei Hinsicht ernsten Situation".

Wieder Schließungen von Bars und Restaurants?

Welche weitergehenden Schritte für die Bundeskanzlerin derzeit sinnvoll erscheinen, wollte Seibert mit Blick auf die noch anstehenden Beratungen nicht sagen. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung drängt Merkel auf weitere Beschränkungen. So wolle die Kanzlerin einen "Lockdown light" mit den Ländern diskutieren, der auch Schließungen von Bars und Restaurants sowie Veranstaltungsverbote vorsehe.

Schulen und Kindergärten sollten geöffnet bleiben - außer in Regionen mit besonders hohen Infektionszahlen. Auch Geschäfte sollten unter Auflagen geöffnet bleiben, schreibt das Blatt unter Berufung auf "informierte Kreise". Auch der Sender n-tv berichtete entsprechend unter Berufung auf Regierungskreise.

Dreyer: "Entscheidender Wendepunkt"

Dass die Runde Beschlüsse fassen müsse, davon zeigte sich auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer überzeugt. Die Sozialdemokratin sprach von einem "entscheidenden Wendepunkt" im Verlauf der Pandemie und forderte eine Debatte über Kontaktbeschränkungen. Es müsse darüber nachgedacht werden, welche Kontakte weiter reduziert werden könnten, "ohne dass Kitas und Schulen schließen müssen und die Wirtschaft zu Boden geht", sagte Dreyer während einer Videoschalte des Corona-Bündnisses Rheinland-Pfalz.

"Fünf Minuten vor zwölf"

Derweil wächst der Druck auf die Politik, weitere Schritte zu beschließen. In Anbetracht der rasant steigenden Infektionszahlen müsse man versuchen, "die Bevölkerung endgültig davon zu überzeugen, dass es fünf Minuten vor zwölf ist", sagte der Präsident des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, den Sendern RTL und n-tv. Es sei der Politik bislang nicht gelungen, der Bevölkerung "den Ernst der Lage zu vermitteln".

Montgomery kritisierte die Uneinigkeit zwischen den Bundesländern. Ähnlich argumentiert auch Grünen-Chef Robert Habeck: Angesichts der Lage müsse es klare bundeseinheitliche Verabredungen geben, "die dann in den Ländern, in den Kommunen konkret umgesetzt" werden.

Ökonom Fratzscher bringt befristeten Lockdown ins Spiel

Der Ökonom Marcel Fratzscher hält ein zweiwöchiges Herunterfahren der Wirtschaft für sinnvoll. Der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sagte im SWR: "Aus der Perspektive der Wirtschaft wäre ein kurzer, scharfer Lockdown wahrscheinlich die beste Option." Dies sei zumindest besser als weitere wochen- oder monatelange Unsicherheit.

Je länger diese Unsicherheit andauere, desto größer sei der Schaden. "Aus wirtschaftlicher Perspektive wäre es gut zu sagen: Zwei, drei Wochen keine Umsätze - und dann kann es wieder losgehen und dann kann man auch relativ schnell wieder zur Normalität zurückkehren."

RKI verzeichnet 8685 neue Fälle

Das Robert Koch-Institut gab die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen innerhalb eines Tages mit 8685 an. Am Montag vor einer Woche hatte die Zahl noch bei 4325 gelegen. Am Samstag war mit 14.714 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert seit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland erreicht worden.

Insgesamt haben sich dem RKI zufolge seit Beginn der Pandemie bundesweit 437.866 Menschen mit dem Virus infiziert. Die Zahlen der Neuinfektionen in Deutschland liegen seit Tagen deutlich über den bisherigen Höchstständen vom Frühjahr. Allerdings sind die Zahlen schwer vergleichbar, da inzwischen deutlich mehr auf das neuartige Virus getestet wird als damals.

Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus in Deutschland stieg mittlerweile auf 10.056, so das RKI. Das sind 24 Verstorbene mehr als am Vortag. Das RKI schätzt, dass rund 321.600 Menschen inzwischen genesen sind.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. Oktober 2020 um 18:00 Uhr.