Bundeswehrsoldaten sind im Feldlagers Kundus angetreten. (Archivbild: Oktober 2013) | dpa

Taliban-Vormarsch in Afghanistan Alles steht auf dem Spiel

Stand: 23.06.2021 02:01 Uhr

Die Taliban erobern in Afghanistan auch im Einsatzgebiet der Bundeswehr Bezirk um Bezirk. Was heißt der schnelle Vorstoß für die Deutschen - und den Abzug insgesamt? Heute befasst sich auch der Bundestag mit dem Thema.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

In Afghanistan passiert gerade genau das, was Kenner des Landes vorhergesagt hatten: Ziehen die internationalen Truppen und die Bundeswehr ab, werden die Taliban die Entscheidung auf dem Schlachtfeld suchen - und nur schwer zu stoppen sein.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

"Ich habe den Eindruck, dass sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten. Die Szenarien, dass die afghanischen Streitkräfte nicht in der Lage sind, im eigenen Land für Sicherheit zu sorgen, sind wahrscheinlicher geworden", sagt der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion, Tobias Lindner, im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio.

Sorge um Sicherheit der Bundeswehr-Soldatinnen und Soldaten

In die Sorge um die afghanischen Sicherheitskräfte, die man bis vor kurzem noch im Land ausbildete, und die Helfer der Bundeswehr, die nun der Rache der Taliban ausgesetzt sein könnten, mischen sich auch Befürchtungen um die Sicherheit der deutschen Soldatinnen und Soldaten selbst. Die sind im nordafghanischen Masar-i-Sharif vollauf damit beschäftigt, den Abzug von Personal und Material bereits in kürzester Zeit abzuschließen.

"Die Bundeswehr befindet sich in einer sehr heiklen Situation, denn: Je weniger Kräfte da sind, um so verwundbarer ist sie. Deshalb wird auch ein besonderes Augenmerk auf diese letzte Phase gelegt", sagt die verteidigungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Siemtje Möller.

KSK soll Abzug absichern

Fest steht, dass Soldaten der Eliteeinheit KSK vor Ort sind, um den Abzug abzusichern. Die Zahl bewege sich "im niedrigen zweistelligen Bereich", bestätigte das Einsatzführungskommando in Potsdam dem ARD-Hauptstadtstudio. Ende April waren zum Schutz der Truppe zusätzliche Kräfte nach Masar-i-Sharif verlegt worden.

"Wir sind auf alles vorbereitet“, versichert man von Seiten der Bundeswehr. Es wäre töricht von den Taliban, jetzt die Geduld zu verlieren und in den wenigen Tagen, die sie noch im Land verbleiben, die deutschen oder internationalen Truppen in ihren Lagern anzugreifen, so sehen es Afghanistan-Experten.

Auch die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann hält die Bundeswehr für gut aufgestellt: "Zumal die Taliban angekündigt haben, keine Alliierten anzugreifen, auch uns nicht. Daran haben sie sich gehalten. Das würden wir und vor allem die Amerikaner auch nicht eine Sekunde zulassen."

Extremisten auf dem Vormarsch

Trotzdem ist die Beunruhigung in Berlin spürbar, dass die Extremisten jetzt auch im ehemaligen Einsatzgebiet der Bundeswehr auf dem Vormarsch sind. In Kundus ist die Provinzhauptstadt so gut wie eingekesselt. Auch machte ein Foto eines Taliban-Kämpfers vor dem Stadttor des einst so friedlichen Masar-i-Sharif in sozialen Netzwerken die Runde.

Zwar postete die afghanische Armee Stunden später ein Foto ihrer Kämpfer vor demselben West-Tor, was die Botschaft "Wir sind zurück" aussenden sollte. Doch es ist schwer zu leugnen, dass die Extremisten derzeit im Eiltempo Bezirke sowohl im Norden als auch im Süden des Landes erobern. Nach UN-Angaben sind es 50 von insgesamt 370 allein seit Beginn des von US-Präsident Joe Biden beschlossenen Abzugs.

"Rückzug vom Rückzug" unwahrscheinlich

"So, wie die US-amerikanische Seite das gemacht hat, nämlich einen Termin festzusetzen, ist die Voraussetzung gewesen dafür, das so problematisch ablaufen zu lassen, wie es jetzt passiert", kritisiert der Linken-Abgeordnete Tobias Pflüger, der im Grunde jedoch den Abzug der internationalen Truppen befürwortet.

Dass es nun doch nochmal einen "Rückzug vom Rückzug" geben könnte, also einen Verbleib der ausländischen Soldaten wegen der verschlechterten Sicherheitslage, damit rechnet kaum jemand. Auch nicht damit, dass sich der Abzug nun entscheidend verzögert. Bereits in wenigen Tagen, Anfang Juli, könnten die letzten Deutschen das Land verlassen haben.

Schon jetzt sind vom eigentlichen Kontingent nur noch rund 530 Bundeswehr-Soldatinnen und Soldaten in Masar-i-Sharif. Schon bald sind afghanische Armee und Polizei gänzlich auf sich gestellt. Erweisen sie sich als zu schwach, und dafür spricht vieles, könnte in wenigen Monaten verspielt sein, was Afghanen und ausländische Truppen in fast 20 Jahren erreicht hatten.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 23. Juni 2021 um 07:35 Uhr.