Kevin Kühnert wirft Wahlwerbung in Briefkästen. | Iris Sayram / RBB
Reportage

Haustürwahlkampf in Berlin Kühnert, Künast und der unsichtbare Dritte

Stand: 11.08.2021 14:50 Uhr

Künast gegen Kühnert. Die Grüne gegen den Sozi. Im Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg buhlen sie um jede Stimme und klopfen dafür an viele Türen. Denn auch wenn beide wohl sicher in den Bundestag einziehen, geht es für sie um viel. Favorit ist jedoch jemand anderes.

Von Iris Sayram, RBB

"Unterhosen." Kevin Kühnert muss nicht lange nachdenken. Der SPD-Kandidat ist im klassischen Haustürwahlkampf, und da sehe er "alle möglichen Formen". Vor Tausenden Wohnungstüren hat der frühere Juso-Chef in seinem Berliner Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg schon gestanden. An diesem Tag ist es ein Wohnhaus im Stadtteil Alt-Mariendorf. Ein pragmatischer, unauffälliger Bau. Unter dem Dach hält ein Bewohner eine kleine Taubenzucht, drei Rollatoren stehen vor dem Haus. Kühnert hat sich inzwischen auf die dritte Etage vorgearbeitet. "Willkommen" steht auf der Fußmatte, "Für Elise" ertönt, als er an einer Haustür klingelt. "Eine sehr beliebte Melodie", sagt Kühnert. Niemand macht auf. 

Iris Sayram

Weiter zur nächsten Tür. Hier öffnet ein großer Mann - er trägt nur eine Unterhose. Etwas verdutzt schaut er auf den Kandidaten, der ihm gerade bis zur Brust reicht. Kühnert legt sofort los. "Entschuldigen Sie die Störung", sagt er hastig. "Wir sind von der SPD in Mariendorf und stellen uns für die Wahlen im September vor und wollten fragen, ob wir unser Programm dafür da lassen dürfen." Kühnert händigt Postkarte und Broschüre aus und verabschiedet sich schnell. Etwas irritiert schließt der Mann die Tür.

"Das ist die beste Art, um mit den Menschen in Kontakt zu treten", sagt Haustürwahlkämpfer Kühnert. Und wohl auch die direkteste. Ausweichen oder ignorieren ist kaum möglich.

Er trifft im Haus auch auf eingefleischte SPD-Fans. "Man weiß ja gar nicht, wen man sonst wählen soll", sagt eine ältere Dame, die sich über die kleine Rente und immer höhere Mieten beklagt. Themen, die viele hier umtreiben. Kühnert will unbedingt ihre Erststimmen gewinnen. Eigentlich steht er für die SPD in Berlin bereits auf dem erfolgversprechenden dritten Listenplatz. Auch ohne das Direktmandat im Wahlkreis dürfte sein Einzug in den Bundestag damit sicher sein. Doch Kühnert will mehr. Er will auch bei den Erststimmen an der Spitze sein.    

Einst GroKo-Schreck, jetzt SPD-Vize

Kühnert, 32 Jahre alt, ohne Studienabschluss und mit abgebrochener Ausbildung hat unter anderem berufliche Erfahrung in einem Callcenter gesammelt. Als Juso-Vorsitzender machte er sich Ende 2017/ Anfang 2018 mit scharfen Attacken auch gegen die damalige eigene Parteiführung und ihren GroKo-Kurs einen Namen. Auch an der Wahl von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken an die SPD-Spitze haben Kühnert und die Jusos wohl einen gewissen Anteil.

Inzwischen ist er Vize-Parteichef. Er gehört damit irgendwie auch zum Partei-Establishment. Einer Bundestagswahl hat er sich aber noch nicht gestellt. "Die Frage, ob jemand wie ich, der sich auch mal gern pointierter äußert, auch in der in der Lage ist, so eine breite Schicht an Leuten zu vertreten, da werden sich schon viele meine Erststimmen ansehen", sagt Kühnert. "Daher rackere ich mich hier so ab." Er könnte recht haben. Kühnert muss beweisen, dass er Wahlen gewinnen kann - selbst wenn erstmal bloß sein Wahlkreis ist.

Lars Rauchfuß und Kevin Kühnert | Iris Sayram / RBB

Haustürwahlkämpfer: Lars Rauchfuß will für die SPD ins Berliner Abgeordnetenhaus, Kevin Kühnert will in den Bundestag. Bild: Iris Sayram / RBB

Auch Künast ist im Wahlkreis 081 auf Stimmenfang

Den gleichen Anspruch hat auch Renate Künast. Sie ist die Direktkandidatin der Grünen und damit Kühnerts prominente Mitbewerberin im Wahlkreis 081, zu dem auch Schöneberg zählt. Hier teilten sich einst David Bowie und Iggy Pop eine Wohnung. Unweit davon ist Künast nun auf Stimmenfang. Erste Station: ein arabischer Buchladen. Aufmerksam geht sie die Auslage ab. Bei der arabischen Übersetzung von Pipi Langstrumpf stockt sie. "Ah, das ist doch toll", ruft sie und spricht von einem Rolemodel. "Sei wie Pipi. Die geht nicht suchen, sie geht finden", sagt Künast begeistert. An dieser Haltung müsse man sich ein Beispiel nehmen.  

Renate Künast im Bücherladen | Iris Sayram / RBB

Vorbild Pipi Langstrumpf: Renate Künast auf Wahlkampfstation im arabischen Buchladen. Bild: Iris Sayram / RBB

Künast ist von Haus aus Rechtsanwältin, vorher studierte sie Sozialarbeit und arbeitete unter anderem in der JVA Berlin-Tegel. Für die Grünen ist die 65-Jährige seit 2002 im Bundestag. Im Kabinett von Kanzler Gerhard Schröder war sie einst Landwirtschaftsministerin. Nun hört sie aufmerksam zu, welche Probleme Buchhändler Fadi Abdelnour plagen. "Raubkopien sind für uns ein Thema, aber auch Mieten", sagt Abdelnour. Vor allem letzteres erregt Künast. Das Thema brenne einfach sehr vielen unter den Nägeln. Die aktuelle Mietenpolitik sei unzureichend. Der Mietpreisbremse sei "vor Inkrafttreten sämtliche Zähne gezogen worden", so die Grünen-Kandidatin. Ob Abdelnour es aber den Grünen zutraut, das Problem zu lösen? Da muss er schmunzeln. "Die hören uns gerade nicht zu, oder?", fragt er zurück. Wie ein überzeugter Grünen-Wähler klingt das nicht. 

"Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Genau wie Konkurrent Kühnert ist auch Künast über den Listenplatz drei ihrer Partei ziemlich sicher wieder im Bundestag. Doch auch sie will bei den Erststimmen punkten. "Wenn jetzt nicht, wann dann?", fragt sie. Sie wolle es jetzt endlich wissen. 2013 und 2017 landete sie auf Platz drei, hinter den Bewerbern von CDU und SPD.

Renate Künast im Bücherladen | Iris Sayram / RBB

Sie will kein viertes Mal ihren Wahlkreis verlieren: Renate Künast. Bild: Iris Sayram / RBB

Kühnert nennt sie eine "radikale Type, der sehr große Vorschläge hat für die SPD". Man müsse sehen, welche Vorschläge er für den Bezirk habe. Aber es ist ein anderer Name, der bei ihr häufiger fällt: Jan-Marco Luczak. Drei Mal trat Künast schon gegen den CDU-Mann hier im Berliner Süden an - und verlor.

Vor allem bei der Wohnungspolitik gibt es politische Differenzen zwischen den drei Kontrahenten. Luczak klagte mit seiner Fraktion und mit der FDP im Bundestag erfolgreich gegen den Berliner Mietendeckel beim Bundesverfassungsgericht. Künast macht ihn für die ihrer Meinung nach zu vermieterfreundliche Mietenpolitik mitverantwortlich. SPD-Mitbewerber Kühnert sieht das offenbar ähnlich. Mit einer Fotomontage, die Luzcak als "Miethai" darstellt, protestierte er vor seinem Wahlkreisbüro.

Aber, auch das muss Künast einräumen: "Luzcak hat diesen Wahlkreis bislang immer gewonnen." Konkret: 2009, 2013 und 2017. Ein viertes Mal will sie nicht gegen ihn verlieren.