Armin Laschet in der ARD-Wahlarena
Analyse

Laschet stellt sich Publikum Seelsorge statt Attacke

Stand: 16.09.2021 07:46 Uhr

Unionskanzlerkandidat Laschet gibt sich in der ARD-Wahlarena auf der Zielgeraden des Wahlkampfes mehr verbindend als angreifend. Er versucht, mit Leutseligkeit zu punkten, ohne bei politischen Fragen allzu konkret zu werden.

Eine Analyse von Corinna Emundts, tagesschau.de

Dafür, dass die Union im jüngsten ARD-DeutschlandTrend in Umfragen vor einem halben Monat auf ein Rekordtief gerutscht war, sieht Armin Laschet in dieser Wahlarena recht entspannt aus. Anders als beim Triell am Sonntag tritt er ohne Krawatte in die Runde, trägt sein Hemd leicht aufgeknöpft und gibt sich als Versteher und als Kümmerer. Diesmal muss er keine politischen Gegner attackieren, seine Mitbewerber ums Kanzleramt sind fern. In der Wahlarena stehen die Fragen des Publikums im Vordergrund. Diese Rolle des zuhörenden Landesvaters liegt ihm spürbar mehr als die des Angreifers.

Corinna Emundts tagesschau.de

Da ist die junge Frau, die von ihm eine Antwort hören will für all die jungen Paare, die sich wegen der Erderwärmung nicht trauen, Kinder in die Welt zu setzen. "Das geht natürlich ans Persönlichste und ans Herz, wenn ein junger Mensch sagt: Ich weiß nicht, ob ich da noch Kinder kriegen kann." Er nutzt den Moment - wie öfter in diesen rund 75 Sendeminuten - um aus seiner Biografie etwas Passendes beizusteuern: Er habe als junger Mensch Angst vor dem Atomkrieg gehabt.

Dann fragt er nochmals bei der Stuttgarterin nach und wirkt in diesem Moment eher wie ein Seelsorger: Ob sie sich selbst diese Sorge bezüglich des Kinderkriegens mache? Sie nickt. Das müsse man ernst nehmen, so Laschet weiter: "Ich würde Ihnen gern die Zuversicht geben und sagen: Wir kriegen das hin."

Zuvor führte er aus, dass es keinen Dissens gebe zwischen den Parteien über Klimaschutz. Die Kernfrage sei nur das Wie. Später, bei der Frage einer Klimaaktivistin von "Fridays for Future", betont er erneut, Klimapolitik sei zu schaffen, wenn "wir über Parteigrenzen hinweg" Handlungsfelder definieren. Etwa schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren für den Bau von Bahnstrecken und Stromtrassen: "Das dauert viel zu lange."

Scheut offenbar klare Festlegungen

Die Rolle scheint er sich für diesen Auftritt vorgenommen zu haben: Der integrative, verbindende Politiker zu sein, ohne sein Publikum mit allzu viel Konkretem zu behelligen. Auch die Frage einer Studentin, ob er für ein bundesweites Antidiskriminierungsgesetz sei, beantwortet er ausweichend, aber zugleich ausschweifend: Schließlich sei ihm das Thema als ehemaligem Integrationsminister sehr wichtig.

Laschet scheut offenbar zu klare Festlegungen, die ihn in den Augen mancher Kernwähler als zu progressiv erscheinen lassen könnten. Die, so heißt es in der Union, darf er keinesfalls verlieren. Und so ist er auch bei der Personalie Maaßen, nach der ihn ein türkisch-stämmiger Anwalt fragt, erneut recht wolkig.

"Wahlarena"-Fragestellerinnen für Medienauftritte geschult

Zwei Fragestellerinnen in der ARD-"Wahlarena" wurden von einer Hamburger Agentur in einem Seminar für Medienauftritte geschult: eine "Fridays for Future"- und eine Antirassismus-Aktivistin. Das schreiben die beiden Akivistinnen und Emily Laquer von der Agentur bei Twitter. Laquer war vor allem rund um den Hamburger G20-Gipfel als Vertreterin der "Interventionistischen Linken" bekannt geworden, die der Verfassungsschutz als linksextrem einstuft. Nach Angaben von "Fridays for Future" wurde ihr Mitglied aber nicht explizit für die ARD-"Wahlarena" geschult; sie habe sich außerdem selbst beworben und sei nicht "geschickt" worden, wie es in Medienberichten heißt.

Laschet bleibt bei kurzen, eingängigen Sätzen - steigt nicht tiefer ein in komplizierte Klimaschutz-Themen wie die CO2-Bepreisung oder Emissionshandelszertifikate - und bleibt somit noch unkonkreter, als es das Unionswahlprogramm schon ist. "Wir müssen da überall mehr machen", sagt er zu der Stuttgarterin wie der Klimaaktivistin.

Und einem Busfahrer aus Augsburg, der hören will, was er gegen steigende Mieten zu tun gedenke, antwortet der nordrhein-westfälische Ministerpräsident: "Ich finde, wir brauchen einfach mehr Wohnungen." Er plane 1,5 Millionen mehr in den "nächsten Jahren" - genauer wird er nicht. Auch nicht, als Moderator Andreas Cichowicz nachfragt, wieviel davon sozialer Wohnungsbau sein solle. Der Anteil müsse steigen, so Laschet - ganz Meister der einfachen Sätze.

Auffallend ist, dass er bei fast jeder Antwort einen Satz mit der Selbstprojektion "Ich als Bundeskanzler" unterbringt, auch das scheint er sich vorgenommen zu haben. Ob es um die Flutopfer im Ahrtal geht, um behinderte Menschen oder solche mit Migrationshintergrund: "Ich würde denen sagen: Ich bin auch euer Bundeskanzler."

Zentrale Botschaft fehlt

Was auch an diesem Abend - wie schon bei bisherigen Laschet-Auftritten - fehlt, ist die zentrale Botschaft, weswegen ausgerechnet er in den nächsten vier Jahren für einen Aufbruch sorgen möchte - und wie. Das Wort "Modernisierungsjahrzehnt", mit dem er sich noch gemeinsam mit Gesundheitsminister Jens Spahn um den CDU-Vorsitz beworben hatte, kommt ihm in dieser Runde nicht über die Lippen. Vielmehr betont er oft, dass bei all den anstehenden Veränderungen hin zum klimaneutralen Industrieland, "zu denen uns der Klimawandel zwingt", Empathie und Sozialverträglichkeit gelten müsse für die, die es betrifft - etwa den ihn ansprechenden, besorgten jungen Familienvater aus dem Braunkohle-Tagebau in der Lausitz.

Laschet hat allerdings vielleicht auch die schwierigste Aufgabe im Vergleich zu Olaf Scholz und Annalena Baerbock: Der 60-Jährige kann einerseits das politische Erbe der Ära Merkel nicht schlecht machen und muss doch signalisieren, dass jetzt vieles anders werden soll. An diesem Abend scheint er sich eher dafür entscheiden zu haben, eine Kontinuität zu vermitteln, die nicht zu viele Zumutungen für die Zukunft mit sich bringt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. September 2021 um 22:15 Uhr.

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KOMMENTARE

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Francis Ricardo 16.09.2021 • 13:48 Uhr

@ 13:44 von Zuschauer49

Da haben sie recht, genau das ist sein Problem, er kann seine eigenen Ansichten nicht gegen Kritik verteidigen, da fällt er lieber um …