Angela Merkel, Armin Laschet und Markus Söder | EPA
Analyse

Wahlkampfauftakt der Union Attacke nach außen, nur nicht nach innen

Stand: 21.08.2021 18:43 Uhr

Beim Wahlkampfauftakt der Union gibt es reichlich Lob für Laschet und Kritik an der politischen Konkurrenz. Der bange Blick der CDU-Spitzen richtet sich aber auch in die eigenen Reihen - und nach Bayern.

Eine Analyse von Kristin Schwietzer und Kirsten Girschick, ARD-Hauptstadtstudio

Als Merkel im Tempodrom die Bühne betritt, ist zu spüren, worum es hier für die Union geht: um alles. Was sie 16 Jahre lang geschafft hat, wird für ihren Nachfolger, für ihre Partei kein Selbstläufer. Das wissen sie hier. Die Umfragewerte sind wie Nackenschläge für die ans Regieren gewöhnten Schwesterparteien. Macht erhalten - nur wie?

Merkel lobt den Kandidaten, die Erfolge der Partei. Fast wirkt es wie eine Bilanz ihrer eigenen Kanzlerschaft - 16 Jahre Merkel. Merkel weiß, dass Ihr Abgang die Partei vor Probleme stellt. Historisch sei das, ruft die Kanzlerin den Zuhörern zu. Armin Laschet sei ein Brückenbauer, der künftige Kanzler der Bundesrepublik.

Merkel fordert Demut

All das könnte an einem vorbeiplätschern, denn jeder weiß, der Kandidat muss es am Ende selbst schaffen. Wohl deshalb ist ein Satz wichtiger als alles Lob. Mehr als 50 Jahre habe die Union den Kanzler gestellt, sagt Merkel und fügt hinzu: "Das ist nicht Anlass zum Stolz. Das ist Anlass zur Demut den Wählern und Wählerinnen gegenüber."

Demut. Die Botschaft: Der Souverän hat die Macht, und der will Angebote. Wofür steht die Union nach Merkel? Diese Frage müssen sie in den kommenden Wochen selbst beantworten.

Laschet liefert Themen

Laschet muss das beantworten. Der Kanzlerkandidat wirkt schweigsam an diesem Vormittag, konzentriert auf seine Rede. Wie reagieren, wenn alles beäugt wird? Eine dreiviertel Stunde lang redet sich Laschet in Wahlkampftemperatur. Fast scheint es, als würde er sich frei reden, von den Fehlern, die er und sein Team bisher gemacht haben, von den falschen Schuhen im Hochwasser, den missglückten Gesichtsausdrücken, den inhaltlichen Leerstellen.

Jetzt also liefert er Themen: schnellere Planfeststellungsverfahren, weniger Bürokratie, um die Wirtschaft nach der Pandemie wieder in Schwung zu bringen. Keine Steuererhöhungen, mehr Unterstützung für Familien, Vorratsdatenspeicherung - auch um Kindesmissbrauch zu verhindern -, bessere Ausstattung für Polizei und Bundeswehr.

Laschet will sich ein stärkeres Profil geben beim Thema Sicherheit. "Wir müssen zur Sicherheit Deutschlands in dieser instabilen Welt unseren Beitrag leisten." Gemeint ist, eine Konsequenz aus Afghanistan ziehen. Auch Europa müsse in der Lage sein, einen Flughafen wie Kabul zu sichern. Europa, Außenpolitik - auch hier will Laschet punkten.

Attacken gibt es auch auf SPD und Grüne. Nur der Kandidat der SPD wird nicht direkt angegriffen, lediglich aufgefordert, eine Koalition mit der Linkspartei auszuschließen. Da schielen sie doch auf mögliche Koalitionsverhandlungen.

Banger Blick nach Bayern

Attacke nach außen, nur nicht nach innen. Da geht der bange Blick der CDU-Spitze nach wie vor nach Bayern und in die eigenen Reihen. Mancher Direktkandidat verzweifelt am eigenen Kanzlerkandidaten. Gestern erst hatten einige in der Bundestagsfraktion offen damit gedroht, den Kandidaten auszutauschen. Und Söder hat so etwas bisher immer genüsslich ausgeschlachtet.

Noch am Donnerstag hatte Söder die niedrigen Umfragewerte der Union klar im Bund - also bei der CDU - verortet. Davon könne sich auch die CSU in Bayern nicht abkoppeln. Am Ende käme es auf den Kandidaten an.

Heute fordert er: "Wir müssen unseren Kanzlerkandidaten unterstützen, gegen viele Angriffe". Kritik an dessen bisheriger Performance kommt eher indirekt - etwa als Söder betont, es gehe für die Union nicht mehr nur um die Frage, wie und mit wem sie regieren wolle, sondern darum, ob sie überhaupt noch regieren werde. "Es ist knapp, es wird sehr knapp werden, und jeder muss kapieren, mit dem heutigen Tag, dass es echt um alles geht. (…) Lasst uns endlich vernünftigen Wahlkampf machen, nicht über Nebensächlichkeiten reden."

Ein Signal zum Aufbruch

Ausführlich lobt Söder Merkel, greift den politischen Gegner an - den Grünen wirft er Doppelmoral vor -, um schließlich auch noch mal kurz die Differenzen von CDU und CSU bei Mütterrente und Steuersenkungen zu streifen. Doch da werde er sich mit dem "lieben Armin" schon noch einigen. Er spricht sich für Laschet als Kanzler aus und versichert: "Du kannst dich dabei auf meine Unterstützung verlassen, dies ist ehrlich gemeint."

Das Publikum im Berliner Tempodrom - wegen Corona eher spärlich vertreten - ist mit der heutigen Veranstaltung zufrieden. Doch eine solche Rede ihres Kandidaten hätten sich einige hier früher gewünscht.

Für die Union ist der Wahlkampfauftakt heute das Signal zum Aufbruch. Eine Garantie aufs Kanzleramt ist es nicht. Das haben sie wohl verstanden.

Über dieses Thema berichtete am 21. August 2021 tagesschau24 um 15:00 Uhr und die tagesschau um 20:00 Uhr.