Verkehrszeichen zur Geschwindigkeitsbegrenzung neben der Autobahn | dpa
Analyse

Bundestagswahl Was bringt ein Tempolimit?

Stand: 21.08.2021 05:25 Uhr

Bei kaum einem Wahlkampfthema sind die Fronten so verhärtet wie beim Tempolimit: Welchen Effekt hätte es auf Sicherheit und Umwelt? Wie groß wäre der Nutzen tatsächlich?

Eine Analyse von Vera Wolfskämpf und Markus Sambale, ARD-Hauptstadtstudio

Ein Blick in die Wahlprogramme zeigt: Zu Tempolimits hat jede Partei etwas zu sagen. CDU/CSU, AfD und FDP lehnen sie generell ab. SPD, Grüne und Linkspartei sind in unterschiedlichen Abstufungen dafür, aber alle drei Parteien wollen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Wenn im Herbst eine neue Regierung gebildet wird, könnte es durchaus ein Streitthema für den Koalitionsvertrag werden.

Vera Wolfskämpf ARD-Hauptstadtstudio
Markus Sambale ARD-Hauptstadtstudio

Ein bisschen Klimaschutz

Eines der Argumente ist der Klimaschutz. Denn langsamer fahren verbraucht nicht nur weniger Sprit, es produziert auch weniger CO2. Allerdings geht es um keine großen Einsparungen, betonen Tempolimit-Gegner. Laut Berechnungen des Umweltbundesamtes würde Tempo 130 auf den Autobahnen 1,9 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Im vergangenen Jahr hat der gesamte Verkehrsbereich einen CO2-Ausstoß von 146 Millionen Tonnen produziert.

Auch wenn diese Mengen nicht ausreichen, um die Klima-Krise zu lösen, befürwortet Miriam Dross vom Umweltbundesamt ein Tempolimit. "Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutz müssen die Emissionen jetzt noch schneller gesenkt werden als ursprünglich gedacht", sagt sie. "Dafür könnte ein Tempolimit einen guten Beitrag leisten, weil es praktisch sofort wirkt."

Saubere Luft und weniger Lärm in den Städten

Im Stadtverkehr ist unklar, was eine Drosselung von 50 auf 30 km/h fürs Klima bewirkt. Da hänge vieles davon ab, wie oft die Autos bremsen und anfahren müssten, sagt sie. Allerdings gibt es einige Hinweise, dass die Luft sauberer wird. Dross verweist auf eine dreijährige Messreihe in Berlin, wonach die Feinstaubkonzentration um ein Fünftel sank, die Konzentration des Stickoxids NO2 in der Luft sogar um ein Drittel. Das Umweltbundesamt lässt die tatsächlichen Effekte derzeit in einem Forschungsprojekt untersuchen.

Außerdem würde es wohl ruhiger in den Städten. Tempo 30 führe zu einer Minderung des Schallpegels um drei Dezibel, sagt Dross. "Das entspricht einer Wahrnehmung, als wenn nur die Hälfte der Fahrzeuge auf einer Straße fahren." Alltagsgespräche könnten wieder in normaler Lautstärke geführt werden. Und es habe auch einen sozialen Effekt: Denn besonders Menschen mit niedrigem Einkommen wohnten öfter an stark befahrenen Straßen und würden unter Lärm leiden.

Weniger Lärm und weniger CO2-Ausstoß - das erübrige sich spätestens mit mehr Elektroautos auf deutschen Straßen, findet Unionskanzlerkandidat Armin Laschet. Er hält die Debatte für "unsinnig".

Weniger schwere Unfälle

Ein weiteres Argument ist die Sicherheit. Ein Grund, warum etwa Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock für ein Tempolimit ist. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) glaubt nicht, dass es deshalb weniger Unfällen geben würde. In einem aktuellen Thesenpapier heißt es: "Die Autobahnen sind hierzulande nicht nur die sichersten Straßen. Sie werden zudem von Jahr zu Jahr immer sicherer. Von 2000 bis 2020 ging die Zahl der auf Autobahnen tödlich Verunglückten um fast zwei Drittel zurück."

Das führt der VDA auf verbesserte Fahrerassistenzsysteme zurück. Ein Tempolimit würde hingegen zu mehr Stress und Frust führen. Wenn alle maximal 130 km/h fahren würden, könnte der Verkehrsfluss harmonischer und die Unfallgefahr geringer werden, halten Befürworter dagegen. Zu ihnen gehört inzwischen der Deutsche Verkehrssicherheitsrat.

Höhere Überlebenschance

Dort ist Christopher Spering, Unfallchirurg an der Universitätsmedizin Göttingen, Mitglied: "Die Chance, zu überleben, ist mit einer niedrigeren Aufprallgeschwindigkeit deutlich höher als bei einer sehr hohen Geschwindigkeit." Es würde natürlich weiterhin Verletzungen geben, aber mit einem Tempolimit wären diese nicht so schwer, sagt Spering. Er erlebt täglich aus nächster Nähe, wie Unfallfolgen die ganze Familie und die Gesellschaft mit betreffen: neben den schweren Verletzungen die psychischen Folgen, auch der Arbeitsausfall. 

Der "Spiegel" hat in einer Datenanalyse errechnet, dass ein Tempolimit etwa 140 Tote jährlich verhindern könnte. Bei 409 Toten im Jahr 2017 ist das mehr als ein Drittel. Wie viel weniger Unfälle es konkret geben würde, ist schwer zu sagen. Denn es spielen viele andere Faktoren hinein, vom Verkehrsaufkommen bis zum Wetter, weshalb der VDA für situationsabhängige Tempolimits auf digitalen Anzeigen ist.

Freie Fahrt für freie Bürger?

Deutschland ist das einzige Land in der EU mit Autobahnen ohne Tempolimits. 70 Prozent der Strecken sind nicht dauerhaft geschwindigkeitsbeschränkt. Einige wollen die Freiheit, schnell zu fahren, nicht aufgeben. Doch inzwischen sieht es eine Mehrheit anders, wie eine Umfrage von Infratest dimap im vergangenen Jahr ergeben hat: 59 Prozent der Befragten waren für Tempo 130.

Noch im vergangenen Jahr scheiterte Bündnis 90/Die Grünen mit einem entsprechenden Antrag. Die SPD stimmte aus Koalitionsdisziplin dagegen. Im Wahlprogramm steht eine andere Position. Nur Tempo 30 in der Innenstadt, was Grüne und Linke fordern, will SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz auf keinen Fall. Es ist absehbar: Nach der Bundestagswahl kommt das Thema wieder auf die politische Tagesordnung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. August 2021 um 10:08 Uhr.