Ein Mann hält einen Kugelschreiber über dem Stimmzettel. | picture alliance / CHROMORANGE

Bundestagswahl Taktisch wählen - geht das?

Stand: 18.09.2021 09:33 Uhr

Koalieren die Grünen mit der Union? Mit der SPD? Oder sind sie am Ende ganz raus, weil Schwarz-Rot-Gelb zusammen gehen? Taktisches Wählen ist bei so vielen denkbaren Konstellationen schwierig. Funktioniert es überhaupt?

Von Kai Clement und Moritz Rödle, ARD-Hauptstadtstudio

Die SPD schließt nicht kategorisch aus, auch mit der Linkspartei zu koalieren. Die Grünen äußern sich hier auch nicht eindeutig. Die FDP hält sich offen, mit SPD und Grünen eine Regierung zu bilden. Ob die Union notfalls auch als Juniorpartner in eine Große Koalition eintreten würde, ist ebenfalls offen. Für die SPD gilt das Gleiche. Kurz: Alles ist offen, wenig ist ausgeschlossen - es ist also kompliziert. Nicht nur, was die Regierungsbildung nach dem 26. September angeht, sondern vorher schon für die Wählerinnen und Wähler. Sie schaffen mit ihrer Stimme sozusagen die Ausgangslage für alles, was dann passiert. Und das ist aus den oben genannten Gründen ziemlich unvorhersehbar. Schwierige Zeiten für eine taktische Wahl.

Kai Clement ARD-Hauptstadtstudio
Moritz Rödle ARD-Hauptstadtstudio

Was heißt taktisches Wählen?

"Aufrichtiges Wählen" heißt: Wer eine Partei bevorzugt, der stimmt auch für sie. Im Gegensatz dazu ist das taktische oder das strategische Wählen ein "Um-die-Ecke-Wählen". Ein Beispiel: Ein CDU-Anhänger will etwa keine Große Koalition - und wählt deshalb mit der Erststimme den CDU-Kandidaten in seinem Wahlkreis und mit der Zweitstimme die FDP.

Was ist bei dieser Bundestagswahl für taktische Wählerinnen und Wähler anders?

Viel. Kanzlerin Angela Merkel tritt nicht mehr an, die Union und die Grünen sind in den vergangenen Wochen abgerutscht, die SPD hat sich berappelt, der Wahlausgang ist tatsächlich offen wie selten. "Schwierig kann taktisches Wählen nur dann werden, wenn es wirklich von Relevanz ist, andernfalls ist es bedeutungslos", sagt Albrecht von Lucke von den "Blättern für deutsche und internationale Politik". "Es könnte tatsächlich - wenn denn die Drohkulisse Rot-Rot-Grün aufgeht - der Vorsprung von Olaf Scholz egalisiert oder gar eingeholt werden." Taktisches Wählen könnte also durchaus eine Rolle spielen, wenn etwa AfD-Anhänger aus Sorge vor einem linken Bündnis zur Union umschwenkten.

Skeptischer sieht das Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin. "Strategisch zu wählen, war nie unmöglicher als bei dieser Wahl", twitterte er. Im Phoenix-Podcast "Unter 3" begründet er das damit, dass es selten so offen gewesen sei, wer mit wem ein Regierungsbündnis bilde. "Es geht eigentlich nicht. Du kannst nicht sagen, wenn ihr den wählt, dann passiert das. Das gibt die Koalitionslage einfach nicht her."

Wie ist denn die Koalitionslage?

Über die Lagergrenzen hinweg sind nach der Bundestagswahl verschiedene Bündnisse denkbar. Am wahrscheinlichsten läuft es derzeit auf zwei Konstellationen hinaus: ein Bündnis aus Union, Grünen und FDP. Oder eine Koalition aus SPD, Grünen und FDP. Weniger wahrscheinlich, aber doch möglich, sind weitere Bündnisse: Zum Beispiel eine erneute Große Koalition oder eine Koalition aus SPD, Union und FDP. Ebenso: ein rot-grün-rotes Bündnis. Und vielleicht reicht es sogar für eine rot-grüne-Koalition. Nur die AfD hat keine Bündnisoption.

Und wenn Wählerinnen und Wähler vor allem den Kanzler oder die Kanzlerin indirekt bestimmen wollen?

Ist es dem Wähler wichtiger, die Person zu unterstützen, die es ins Kanzleramt schaffen soll, ist die Entscheidung schon schwieriger. Wer einen Kanzler Laschet möchte, dem bleibt im Prinzip nichts anderes übrig als CDU oder CSU zu wählen. Die FDP hat zwar angekündigt, auch am liebsten mit Laschet zu regieren. Sie hat es aber nicht ausgeschlossen, auch Scholz zum Bundeskanzler zu wählen.

Ähnlich sieht es beim Kandidaten Scholz aus: Wer Scholz als Kanzler sehen will, muss wohl die SPD wählen. Allerdings könnte auch eine Stimme für die Linkspartei bei Kanzler Scholz landen - durch ein dazugehöriges rot-grün-rotes Bündnis, welches allerdings immer noch sehr unwahrscheinlich ist. Und sollte es die Linkspartei nicht erneut in den Bundestag schaffen, steigt die Möglichkeit, dass Scholz an der Spitze eines rot-grünen Bündnisses Kanzler werden könnte.

Politologe Faas twitterte dazu: "Wenn man eine Partei wählt, nützt man ihr. Wenn man sie nicht wählt, schadet man ihr (oder nützt ihr nicht). Mehr geht nicht."

Eine Stimme für die Grünen dürfte in erster Linie die Kandidatin Baerbock unterstützen. Die aktuellen Umfragen deuten aber darauf hin, dass die grüne Spitzenkandidatin eher nicht ins Kanzleramt einziehen wird. Albrecht von Lucke verweist deshalb auf die sogenannte Wasted-Vote-Strategie. Wählerinnen und Wähler, die davon ausgingen, dass ihre Partei bei der Bildung einer Koalition nicht zum Zuge kommt, würden ihre Stimme durch eine Präferenz bei der Partei des möglichen Kanzlers "dann doch noch werthaltig machen".

Und das Risiko?

"Das taktische Wählen ist immer eine Wette auf die große Zahl", sagt Lucke. "Wenn die anderen nicht meinem Anliegen folgen, dann bin ich mit der taktischen Wahl in die Irre gegangen", sagt Lucke. Und diese Fehleranfälligkeit dürfte dieses Jahr besonders hoch sein.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 15. September 2021 um 13:20 Uhr.

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KOMMENTARE

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harry_up 18.09.2021 • 13:43 Uhr

@ Karl Maria Jose..., um 11:19

re 10:05 von Hador Goldscheitel “um einen Kanzler scholz/baerbock zu vermeiden, muss man FDP wählen, nur FDP, sonst stürzt unser land ins elend.“ ...oder AfD, dann passiert das Gleiche, nur schneller.