Unterlagen und eine Wahlurne des Meinungsforschungsinstitutes Infratest dimap | picture alliance / dpa

Bundestagswahl Hochrechnung, Prognose - was ist was?

Stand: 25.09.2021 15:11 Uhr

Was unterscheidet Hochrechnungen von Prognosen? Weshalb sind Umfragen keine Vorhersagen? Und was waren gleich Exit-Polls? Unterschiede, die man kennen sollte.

Von Jörg Schönenborn, WDR

Warum sind Umfragen keine Vorhersagen?

Wer seine Wetter-App öffnet, dem fällt es gar nicht schwer, zwischen den aktuellen Messwerten und der Vorhersage für den nächsten Sonntag zu unterscheiden. Man käme gar nicht auf die Idee, das zu verwechseln. Denn es reicht ja, aus aus dem Fenster zu schauen, um zu beobachten, wie sich das Wetter stündlich und täglich verändert. Es ist völlig klar: Die aktuelle Wetterbeobachtung ist das eine, die Vorhersage das andere.

Jörg Schönenborn

Bei Wahlumfragen hingegen hält sich hartnäckig das Gerücht, sie sollten eine "Prognose" sein, eine Vorhersage auf den tatsächlichen Ausgang der Wahl. Dass das nicht so ist, wird bei jeder Veröffentlichung betont. 

Infratest dimap hat von der ARD ausdrücklich den Auftrag, die politische Stimmung zu messen und daraus Anteilswerte für die Parteien zum Zeitpunkt der Messung zu errechnen. Während man die aktuelle Temperatur auf Zehntelgrade genau messen kann, bleibt bei Wahlumfragen immer eine statistische Abweichung. Die tatsächliche Stimmung am Tag der Umfrage könnte für eine Partei auch zwei bis drei Punkte höher oder niedriger liegen als der angegebene Wert.

Theoretisch kann es natürlich passieren, dass eine Umfrage eine Woche vor der Wahl im späteren Ergebnis beinahe entspricht. Aber dies wäre reiner Zufall und keine Absicht. Denn rund ein Drittel der späteren Wählerinnen und Wähler entscheidet sich erst in den letzten Tagen, nimmt vielleicht das Ergebnis der Umfrage noch mit in die Abwägung, neigt mal zu dieser, mal zu jener Entscheidung. Hunderttausende dieser persönlichen Entscheidungsprozesse folgen zwar bestimmten Mustern, lassen sich aber unmöglich vorhersehen.

Wie entsteht die Prognose?

Anders als telefonische Wahlumfragen beruht die 18-Uhr-Prognose auf einer Nachwahlerhebung unter Wählerinnen und Wähler im Wahllokal. Die sogenannte Exit-Poll ist eine der aufwändigsten Operationen, die es in der Demoskopie gibt. Infratest dimap sucht bei der Bundestagswahl 560 Wahllokale aus, nach statistischen Kriterien verteilt über die Republik - über Stadt und Land, über Hochburgen und Diaspora der einzelnen Parteien. Diese 560 Stimmbezirke sollen exakt die Bundesrepublik im Kleinen nachbilden.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts sprechen dann ab 8 Uhr morgens den ganzen Sonntag über die Wählerinnen und Wähler an und bitten darum, nach der Stimmabgabe noch einen weiteren "Wahlzettel" für die ARD auszufüllen. Auf der Vorderseite sieht er ähnlich aus wie das Original. Zusätzlich wird noch nach Alter und Geschlecht gefragt. Ein Teil der Fragebögen hat auch noch eine Rückseite. Dort wird auch nach anderen Dingen gefragt: der Berufstätigkeit zum Beispiel und danach, wo man bei der Bundestagswahl 2017 das Kreuz gemacht hat.

Über den kommenden Wahlsonntag hinweg entstehen so mehr als 100.000 Interviews, die nicht erst um 18 Uhr, sondern stündlich ausgewertet werden. Von Sonntagvormittag an laufen die Daten im Computer des Instituts ein, werden den ganzen Tag über von Expertinnen und Experten beobachtet. Ausgeklügelte Rechenmodelle führen schließlich zur Prognose, die gegen 17:40 Uhr festgelegt wird. Manchmal ändert sich sogar noch ganz kurzfristig vor 18 Uhr der Wert für die eine oder andere Partei. Wenn sie um 18 Uhr auf dem Bildschirm erscheint, kennt aber nur ein sehr kleiner Kreis von Eingeweihten die präzisen Zahlen.

Was sind Hochrechnungen und was ist der Unterschied zur Prognose?

Die Prognose basiert auf den Interviews im Wahllokal. Ab 18 Uhr beobachten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts, die vorher die Interviews für die Nachwahlerhebung durchgeführt haben, die öffentliche Auszählung der Stimmen. Die Ergebnisse melden sie sofort in das Computersystem. In kleinen Stimmbezirken geht das sehr schnell, in größeren kann es auch mal Stunden dauern. Aus den ersten schnellen Meldungen entsteht dann die erste Hochrechnung.

Das Fundament der Hochrechnungen wird durch Briefwahlergebnisse verbreitert. Zur Bundestagswahl hat Infratest dimap 205 Briefwahlbezirke ausgesucht. Auch dorthin schickt das Institut Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Auszählung beobachten und die Ergebnisse sofort melden. Später am Abend fließen dann auch die Resultate aus den Wahlkreisen in die Berechnungen mit ein.

Das Computersystem vergleicht sie mit den entsprechenden Ergebnissen der letzten Wahl, berechnet die Veränderungen, bewertet, zieht daraus Schlüsse auf die noch ausstehenden Ergebnisse. So werden die Hochrechnungen über den Abend immer präziser und weichen am Ende in der Regel nur noch um höchstens 0,1 Punkte vom vorläufigen amtlichen Endergebnis ab.

Was ist besonders in diesem Jahr?

Corona wird auch diese Bundestagswahl prägen. Das beginnt schon beim Auszählen unter Pandemiebedingungen. Der Wahlvorstand schützt sich mit Masken und Handschuhen und muss je nach Räumlichkeit Lüftungspausen machen. Das kann dauern. Wie schon bei den Landtagswahlen im Frühjahr werden die Hochrechnungen etwas später kommen als gewöhnlich.

Noch größere Auswirkungen dürfte der erwartete Rekord bei der Briefwahl bei einer Bundestagswahl haben. 2017 stimmten bereits knapp 29 Prozent der Wählerinnen und Wähler per Brief oder im Amt ab. Die Zahl dürfte diesmal deutlich höher sein, womöglich die Hälfte überschreiten.

Das hat Auswirkungen auf Prognose und Hochrechnungen. Denn wie geschildert finden die Befragungen ja nur im Wahllokal statt. Zum Glück gibt es viel Erfahrung mit der Briefwahl. Die Wahlforscher wissen, wie sich das Stimmverhalten an der Urne und per Brief in bestimmten Regionen bei der letzten Wahl unterschieden hat und versuchen die Verschiebungen, die sich daraus ergeben, in die Prognose einzurechnen. Bei den sehr hohen Briefwahlanteilen im Frühjahr in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ist das ganz gut gelungen. Allerdings wichen die Prognosen etwas stärker vom späteren Endergebnis ab als bei den Wahlen zuvor.