Das Triell der Kanzlerkandidaten | EPA

Bundestagswahl Flirt mit dem zweiten Platz

Stand: 20.09.2021 19:11 Uhr

Wird bei dieser Bundestagswahl der Zweitplatzierte am Ende doch der Sieger? So mancher liebäugelt mit dieser Option - doch die CSU will davon nichts wissen. Aus gutem Grund.

Von Kai Clement, ARD-Hauptstadtstudio

Das Ergebnis in der Wahlnacht könnte reichlich knapp ausfallen. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen von SPD und Union ist durchaus denkbar. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt erwartet sogar ein "Foto-Finish". Doch Dobrindt bremst erneut Überlegungen in der Schwesterpartei CDU aus, auch als Zweitplatzierter bei der Bundestagswahl eine Regierungsbildung anzustreben. "Mir fehlt dazu gerade schlichtweg die Fantasie."

Kai Clement ARD-Hauptstadtstudio

Der CDU fehlt diese Fantasie dagegen überhaupt nicht. Volker Bouffier zum Beispiel, Hessens Ministerpräsident und CDU-Bundesvize - und Laschet-Unterstützer. Er sagte zuletzt der Zeitung "Die Welt": "Ich finde es albern, dass nun darüber diskutiert wird, ob nur der Erstplatzierte die moralische Legitimation hat, den Kanzler zu stellen."

Auch Armin Laschet fehlt die Fantasie nicht - er schaut aber lieber auf den politischen Gegner als auf seine eigene Zukunft. "Selbst wenn die SPD auf Platz zwei liegen sollte, ist sie in der Lage, ein rot-rot-grünes Bündnis zu bilden. Je nachdem, wie sich das Wahlergebnis ergibt."

Der Gewählte ist vom Bundespräsidenten zu ernennen

Fakt ist: Das Grundgesetz beauftragt nicht den Wahlsieger mit der Kanzlerinnen- oder Kanzlerwahl. In Artikel 63 heißt es vielmehr: "Gewählt ist, wer die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages auf sich vereinigt. Der Gewählte ist vom Bundespräsidenten zu ernennen."

Die Mehrheit der Mitglieder: Das kann durchaus auch die der Zweit- und Drittplatzierten sein. So war es in der überschaubaren Drei-Parteienlandschaft von 1976. Die Union von Helmut Kohl erzielte mehr als 48 Prozent, Helmut Schmidts SPD 42, die FDP knapp acht. Ergebnis: Die sozialliberale Koalition machte weiter. 

FDP-Chef Christian Lindner hat Anfang des Monats SPD-Mann Olaf Scholz genüsslich daran im Bundestag erinnert. Es gehe nicht da darum, Umfragen zu gewinnen, sondern Wahlen. "Und 1976 hat Helmut Kohl sogar die Erfahrung machen müssen, dass man Wahlen gewinnen kann und danach trotzdem keine Koalition hat."

Warnung in Richtung Laschet?

Die Zweiten können die Ersten werden. CSU-Landesgruppenchef Dobrindt weiß das alles - und setzt natürlich trotzdem auf Platz eins. "Deswegen kommt es auf Motivation und Mobilisierung gerade im Schlussspurt eines Bundestags-Wahlkampfes an." Man kann Dobrindts Worte aber auch als Warnung Richtung Laschet verstehen: Der Zweite ist der erste Verlierer. Eine Umdrehung mehr also im Dauerstreit darum, ob nicht doch CSU-Chef Markus Söder der beste Kandidat gewesen wäre. Diese Lesart hat jedenfalls SPD-Co-Chef Norbert Walter-Borjans. "Ich glaube, dass das ein sehr vergifteter Hinweis ist. Und zwar nicht in unsere Richtung, sondern an die Adresse des Kanzlerkandidaten."