Die Linken-Spitze am Tag nach der Wahlniederlage. | dpa
Analyse

Nach der Bundestagswahl Warum die Linkspartei abgestürzt ist

Stand: 27.09.2021 13:44 Uhr

Die Linkspartei gehört zu den großen Verlierern dieser Wahl. Mit 4,9 Prozent hat sie ihr Ergebnis fast halbiert, nur aufgrund von drei Direktmandaten zieht sie erneut in den Bundestag ein. Woran lag der Absturz?

Eine Analyse von Uwe Jahn, ARD-Hauptstadtstudio

Am Wahlkampf der Partei habe es nicht gelegen, sagte Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler schon kurz nach 18 Uhr am Wahlabend. Er muss als erster die Niederlage einräumen. Später folgen die Parteivorsitzenden Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow, und auch Wisslers Co-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch kommt nicht darum herum. Tatsächlich hat die Linkspartei einen engagierten Wahlkampf hingelegt. Das Spitzenkandidaten-Duo Wissler und Bartsch absolvierte allein in den vergangenen fünf Wahlkampfwochen mehr als 50 Auftritte.

Uwe Jahn ARD-Hauptstadtstudio

Umso niederschmetternder das Ergebnis. Es hinterlässt eine praktisch halbierte Partei. Nur aufgrund von drei Direktmandaten kann sie in den Bundestag einziehen. Woran lag der Absturz? Fünf Gründe.

Der späte Start

Nach Jahren mit großen Reibungsverlusten zwischen Bundestagsfraktion und Parteispitze, wollten Wissler und Hennig-Wellsow einen Neuanfang einleiten. Doch der dafür nötige Parteitag musste wegen Corona zweimal verschoben werden. So kamen sie erst sechs Monate vor dem Wahltag zum Zug. Zwar schaffte die Linke es dann geschlossener aufzutreten, Parteispitze und Fraktion stimmten sich fast täglich ab. Aber um die Flügelkämpfe zu beenden und das Image einer zerstrittenen Partei zu überwinden, hätten sie mehr Zeit gebraucht.

Das Erscheinungsbild

Wenn die Vorsitzende Hennig-Wellsow das Erscheinungsbild der Partei als einen der Gründe für das schlechte Ergebnis anführt, dann ist das ein klarer Hinweis auf eine Person: Sahra Wagenknecht, die im Frühjahr ein Buch veröffentlichte, in dem sie den Linken in Deutschland Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit vorwarf. Ob sie damit nun Recht hatte oder nicht, es blieb hängen: Die prominenteste Person der Partei kann den eigenen Laden nicht leiden. Oder auch: Die Linke ist zerstritten. Wagenknecht kann nicht im Team spielen und wird es wohl auch nicht lernen. Auch deshalb kann sie ihrer Partei wohl weniger nützen, als es im Grunde ihre Absicht ist.

Der Wahlkampf ums Kanzleramt

Der Wahlkampf drehte sich vor allem um die Frage: Wer folgt auf Angela Merkel? Wenn es nur um die Großen geht, dann werden die Kleinen zerrieben, sagt Hennig-Wellsow. Und tatsächlich: Die Linke hat an zwei der Parteien verloren, die sich um das Kanzleramt beworben haben. Mehr als eine Million Wähler sind zu SPD und Grünen gegangen. Vielleicht auch, weil sie über die Regierung bestimmen wollten und nicht über die Opposition. Folgerichtig spricht Spitzenkandidat Bartsch am Tag nach der Wahl davon, dass die Wähler der Linken zu wenig "Durchsetzungskompetenz" zutrauen.

Von wegen Protestpartei

Im Osten Deutschlands ist die Linkspartei lange ein Sammelbecken der Unzufriedenen gewesen. Seit es die AfD gibt, wählen diejenigen, die mit vielem grundsätzlich nicht einverstanden sind, Tino Chrupalla und seine Parteifreunde. Auffällig auch, wie viele Direktmandate in Sachsen und Thüringen an die AfD gegangen sind. Im Vergleich mit der AfD erscheint die Linke vielen Menschen offenbar als eine der etablierten Parteien. Da hat es auch nicht geholfen, dass im Linken- Wahlprogramm der Osten ein ganzes Kapitel bekommen hat.

Die Frage der Regierungsbeteiligung

Die Linke ist als überzeugte Oppositionspartei in den Wahlkampf gegangen. Erst als die Union eine Neuauflage der Rote-Socken-Kampagne ins Spiel brachte, kam die Linkspartei als potenzieller Regierungspartner in der Diskussion vor. Zumeist als eine Art Schreckgespenst. Wäre die Linke mit dem Willen zur Regierungsbeteiligung in den Wahlkampf gestartet, hätte sie vielleicht mehr herausholen können.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau extra am 27. September 2021 um 16:00 Uhr.