Armin Laschet | AFP

Fünf Szenarien zur Kandidatur Und wenn Laschet nicht gewinnt?

Stand: 09.09.2021 13:44 Uhr

Laschet hat deutlich gemacht, dass er mit der Bundestagswahl nach Berlin wechseln will. Doch was, wenn es für den NRW-Ministerpräsidenten nicht für das Kanzleramt reicht? Diese Szenarien sind möglich.

Von Sabine Tenta, WDR

Szenario 1: Laschet wird Kanzler

Das erklärte Ziel von Armin Laschet ist: Die Union gewinnt die Wahl und er wird Kanzler. Dafür müsste er jedoch in den letzten Wochen des Wahlkampfs eine bemerkenswerte Aufholjagd hinlegen. Im jüngsten ARD-Deutschlandtrend liegt die CDU/CSU nur noch bei 20 Prozent, die SPD hingegen bei 25 Prozent. Für die Union ein regelrechter Absturz, für die SPD ein Höhenflug. Zum Vergleich: Am 23. Juli lag die Union in der Infratest-dimap-Sonntagsfrage bei 29 Prozent, die SPD bei 16 Prozent.

In der Rangliste der Zufriedenheit rangiert Laschet aktuell auf Platz neun hinter der Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock. Dabei musste er im Vergleich zur vergangenen Umfrage Einbußen von 13 Prozentpunkten hinnehmen.

Szenario 2: Laschet wird Vizekanzler und Minister

Denkbar ist, dass Armin Laschet zwar den Einzug ins Kanzleramt verpasst, es aber mit einem respektablen Ergebnis schafft, die CDU als Juniorpartner in eine Koalition zu führen. Nach aktuellem Stand der Umfragen käme eine sogenannte Deutschland-Koalition aus SPD, CDU und FDP rechnerisch infrage.

In diesem Bündnis könnte Laschet in der Regierung ein Ministeramt übernehmen und womöglich den Posten des Vizekanzlers. Also die Rolle, die aktuell SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz inne hat.

Doch reicht ein respektables Ergebnis wirklich aus, damit Laschet Minister wird? Hinter der SPD auf Platz zwei zu landen, würde für die Union eine empfindliche Wahlniederlage bedeuten. Der Unmut in der Union wäre groß und könnte sich im Druck auf Laschet entladen, auf einen Eintritt in die Regierung zu verzichten. 

Szenario 3: Laschet wird Oppositionsführer

Immer wieder beteuert Laschet, auch im Falle einer Wahlniederlage nach Berlin gehen zu wollen. Schafft die Union es nicht in die Regierung, dann wäre der Fraktionsvorsitz im Bundestag der wichtigste Posten innerhalb der CDU/CSU, der zu vergeben ist. Hier könnte sich die Person profilieren, die in vier Jahren die Union in den nächsten Bundestagswahlkampf führt.

Fraglich ist, ob eine empfindlich dezimierte CDU-Fraktion ausgerechnet den Kandidaten an ihre Spitze wählen würde, der ihren gerade eine historische Schlappe eingetragen hat. Möglicherweise würden dann ganz andere nach der Fraktionsführung greifen. Zum Beispiel Friedrich Merz, der die Fraktion bereits von 2000 bis 2002 führte, Jens Spahn oder der aktuelle Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus.

Hinzu kommt die Frage: Schafft es Laschet überhaupt in den Bundestag? Das ist nicht sicher, denn zur Überraschung vieler hatte er auf eine Direktkandidatur in seinem Wahlkreis in Aachen verzichtet. Jetzt kann Laschet nur als Spitzenkandidat der NRW-Landesliste in den Bundestag einziehen. Da die CDU traditionell viele Direktmandate gewinnt, ist es nicht ganz unwahrscheinlich, dass diese Liste gar nicht zum Tragen kommt. Und ohne Bundestagsmandat für Laschet würden sich die Spekulationen um den Fraktionsvorsitz ohnehin erübrigen.

Je nach dem Ausmaß der Wahlniederlage würde es für Laschet sicherlich auch schwer, sich im Amt des CDU-Bundesvorsitzenden zu halten. Gut denkbar, dass die CDU dann innerhalb von nur drei Jahren zum dritten Mal den Vorsitz neu bestimmen muss.

Szenario 4: Laschet bleibt Ministerpräsident in NRW

Kurz nachdem Laschet zum Kanzlerkandidaten der Unionsparteien gekürt worden war, betonte er noch, im Falle einer Niederlage Ministerpräsident in NRW bleiben zu wollen. Er nannte das "gelebte Staatspraxis" und verwies auf Vorbilder wie Johannes Rau (SPD), Franz-Josef Strauß und Edmund Stoiber (beide CSU). Sie blieben nach gescheiterten Kanzlerkandidaturen in ihrem Amt als Ministerpräsident.

Doch dass die Wählerinnen und Wähler diese halbherzigen Schritte nicht immer mögen, zeigte unter anderem das Scheitern von Norbert Röttgen im Landtagswahlkampf 2012. Der damalige Bundesumweltminister wollte nur als Ministerpräsident nach Düsseldorf kommen, im Falle einer Niederlage aber lieber Minister in Berlin bleiben. Dann verlor er die Wahl krachend - und er verlor obendrein sein Amt als Bundesminister, weil er sich Merkels Wunsch widersetzte, er möge die Opposition in Düsseldorf anführen.

War es also ein Akt politischer Vernunft oder echte Überzeugung, als Laschet früh im aktuellen Bundestags-Wahlkampf dazu überging, zu betonen, er gehe auf jeden Fall nach Berlin, in welchem Amt auch immer?

Laschet hat sich durch seine Parteitagsstrategie als NRW-Landesvorsitzender zumindest ein theoretisches Hintertürchen offengelassen: Denn erst nach der Bundestagswahl wird die NRW-CDU über die Laschet-Nachfolge als Vorsitzender der Landes-CDU und als Ministerpräsident entschieden. Teile des Landesverbands haben vergeblich auf eine Entscheidung vor der Bundestagswahl gedrungen.

Aber könnte Laschet als womöglich krachender Wahlverlierer wirklich in NRW einfach so weitermachen? Das ist zumindest fraglich. Bereits im Mai stehen Landtagswahlen in NRW an. Wer auch immer Laschet nachfolgt, würde leichter mit einem Amtsbonus in den Wahlkampf ziehen. Der wahrscheinlichste Kandidat in der laufenden Legislaturperiode wäre NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst. Er verfügt über das erforderliche Landtagsmandat, um sich zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen. Fiele die Entscheidung erst nach der Landtagswahl im Mai, würden die Karten neu gemischt. Dann hätte auch Ina Scharrenbach, im aktuellen Kabinett Bauministerin, eine Chance. Ihr werden ebenfalls Ambitionen nachgesagt.

Szenario 5: Laschet hört auf

Bleibt schließlich die Frage, ob es auch vorstellbar wäre, dass sich der 60-Jährige nach einer Wahlniederlage aus der Politik zurückzieht. Und vielleicht in einem ganz anderen Bereich aktiv wird. Neben den klassischen Alternativen - Wechsel in die Wirtschaft, Leitungen von Stiftungen oder Bundesbehörden - gibt es auch ungewöhnliche Wege. Annette Schavan (CDU) wählte so einen.

Nachdem sie 2013 wegen nachgewiesener Plagiate als Bundesbildungsministerin zurückgetreten war, wurde sie deutsche Botschafterin im Vatikan. Bereits mehrfach hat der tief gläubige Katholik Laschet, der in den 1990er -Jahren Chefredakteur der "Aachener Kirchenzeitung" war, den Papst besucht. Die jüngste Visite war vor einem Jahr, im September 2020.

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Moderation 09.09.2021 • 19:15 Uhr

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