Sechs Buntstifte in den Farben der im Bundestag vertretenen Parteien auf einem Stimmzettel | picture alliance
Analyse

Koalitionsoptionen Wer könnte mit wem regieren?

Stand: 06.08.2021 10:09 Uhr

Regiert nach der Bundestagswahl erstmals ein Dreierbündnis? Oder reicht es doch wieder für ein Zweierbündnis? Und unter wessen Führung? Vier bis fünf Szenarien sind denkbar.

Von Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio

Im sechsten Stock des Kanzleramts kommt immer mittwochs das Kabinett zusammen. Wird es dort weiterhin eine Chefin geben? Welche Parteien werden am Tisch vertreten sein? Kurz: Wer mit wem? Die Möglichkeiten für Koalitionen seien vielfältig wie nie, meint der Wahlforscher Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin. Er vergleicht die Situation mit der spielerischen "Reise nach Jerusalem". Beteiligte: Union, Grüne, SPD und FDP: "Einer kriegt am Ende keine Stühle am Kabinettstisch, die anderen schon."  

Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

 

Koalitionsoptionen zu diskutieren, ist ein beliebter Zeitvertreib im Regierungsviertel - in der Politik, aber auch in den Medien. Auf was läuft es hinaus? Stand lange Zeit Schwarz-Grün hoch im Kurs, war es mit dem Höhenflug der Grünen plötzlich Grün-Schwarz. Zwischenzeitlich rückte die Ampel aus Grün, Rot und Gelb in den Fokus. Längst ist zusätzlich Schwarz-Rot-Gelb als zusätzliche Variante in der Diskussion. Also eine sogenannte Deutschland-Koalition, die sich in Sachsen-Anhalt abzeichnet.

Es mag wie eine Binsenweisheit klingen: Entscheidend ist das konkrete Wahlergebnis am 26.September. Umfragen können Anhaltspunkte liefern. Sie sind jedoch keine Prognosen, sondern Momentaufnahmen zum Zeitpunkt der Befragung. Das gilt auch für die aktuellen Zahlen des ARD-DeutschlandsTrends.

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Die Ergebnisse des DeutschlandTrends vom 05. August 2021

Vier bis fünf realistische Szenarien

Nimmt man die aktuellen Umfragen als Grundlage, reichen zusammengerechnet auch weniger als 50 Prozent für eine Mehrheit. Grund: acht Prozent entfallen aktuell auf die Parteien, die es wohl nicht über die Fünfprozent-Hürde schaffen werden. Politikwissenschaftler Faas sieht derzeit vier oder fünf realistische Szenarien. Im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio sagt er: "Die Koalitionsvielfalt ist eine große Herausforderung für alle beteiligten Akteure, also Parteien, Politikerinnen und Politiker, aber auch Wählerinnen und Wähler." 

Bisher regierten im Bund nach 1961 immer Zweierbündnisse - CDU und CSU als Einheit betrachtet. So sehr sich Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet und FDP-Chef Christian Lindner eine Wiederauflage einer schwarz-gelben Koalition auch wünschen mögen, die Zahlen sprechen aktuell nicht dafür. Aber auch für Schwarz und Grün - lange mit komfortablem Vorsprung ausgestattet - steht eine Mehrheit auf der Kippe. Und so richtet sich der Blick auf Dreier-Konstellationen. Die sind in Landesregierungen längst Alltag, wären aber im Bund Neuland. 

Jamaika oder doch eine Deutschland-Koalition?

Union, Grüne und FDP könnten einen neuen Versuch unternehmen, in Richtung Jamaika aufzubrechen. 2017 war dieses Vorhaben nachts und im Regen mit einem Abbruch durch Lindner geendet: "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren." Dass der FDP-Chef ein weiteres Mal eine Regierungsoption ausschlägt, gilt als wenig wahrscheinlich. Allerdings müssten auch die Grünen entscheiden, wie wohl sie sich mit diesem Bündnis fühlen. 

Alternativ wäre das denkbar, was gerade als Deutschland-Koalition diskutiert wird: Schwarz-Rot-Gelb. Allerdings hatte sich die SPD nach der Wahl 2017 nur mühsam und mit lautestem Zähneknirschen zu einer Großen Koalition durchringen können. Noch mal weitermachen? Mit den Liberalen als Ergänzung? Harte parteiinterne Diskussionen dürften garantiert sein. Statt mit der FDP könnte sich die bisherige GroKo auch mit den Grünen ergänzen. 

Eine Ampel mit vielen Fragezeichen

Bliebe noch die Ampel. Doch unter welcher Führung? Eine grüngeführte Ampel würde Annalena Baerbock tatsächlich den Weg ins Kanzleramt ermöglichen. Aber würde die SPD erneut den Juniorpartner spielen? "Entweder führen oder nichts", hieß es im Juli von Parteichef Norbert Walter-Borjans. Es ist eine Äußerung, die bei vielen Grünen übel aufstößt.  

Allerdings: Die Kurven von Rot und Grün nähern sich im DeutschlandTrend zurzeit sehr an. Die deutliche Führung der Grünen schmilzt. Das nährt bei den Sozialdemokraten die Hoffnung, mit Olaf Scholz das Kanzleramt erobern zu können. Die Grünen hätten in einer rot-geführten Ampel ihr Ziel erreicht, die Union von der Macht zu vertreiben.  

Spannender Endspurt

Für eine grün-rot-rote Koalition würde es nach den aktuellen Zahlen nicht reichen. Eine solches Bündnis mit der Linkspartei müsste vorher aber auch erhebliche inhaltliche Unterschiede überbrücken. 

Alle Szenarien bleiben aktuell theoretische Farbspiele auf der Basis von Momentaufnahmen. Bis zum Wahlsonntag sind es noch knapp acht Wochen. Viel Zeit für Bewegung und Überraschungen. Und, so sagt Wahlforscher Faas: "Die Zeit nach der Wahl könnte mindestens so spannend werden wie die Zeit vorher."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. August 2021 um 22:15 Uhr.

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Moderation 06.08.2021 • 14:12 Uhr

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