Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock bei einem Wahlkampfauftritt in Berlin. | AFP
Analyse

Bundestagswahl Was vom grünen Aufbruch bleibt

Stand: 17.09.2021 13:09 Uhr

Sie konnten bereits auf das Kanzleramt hoffen, doch dann ging es bergab. Für die Grünen lief der Wahlkampf alles andere als ideal. Auf eine Regierungsbeteiligung können sie dennoch hoffen.

Eine Analyse von Claudia Plaß und Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Aufbruch. Das Wort fällt oft bei den Grünen, zum Beispiel wenn Bundesgeschäftsführer Michael Kellner nach dem zweiten Triell Annalena Baerbock lobt. Sie habe gezeigt, dass sie "für Aufbruch, für Erneuerung" stehe. Es ist eine zentrale Botschaft, die die erste grüne Kanzlerkandidatin von Anfang an sendete. Sie werben für eine grundlegende Veränderung im Land.

Claudia Plaß ARD-Hauptstadtstudio
Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

Doch wie viel Einfluss werden die Grünen nach der Wahl haben? Vermutlich nicht wenig, aber doch weniger als noch vor Monaten erhofft. Im ARD-DeutschlandTrend ging es nach einem kurzen Höhenflug wieder bergab. Bei der Sonntagsfrage kommen die Grünen jetzt auf 15 Prozent, das ist ein Punkt weniger als bei der Befragung Anfang September. Im Vergleich zum Ergebnis der Bundestagswahl 2017 wäre das immer noch eine deutliche Steigerung für die momentan kleinste Oppositionspartei im Bundestag.

Hochphase im Frühjahr

Doch die Träume vom grünen Kanzleramt halten wohl nur noch die allergrößten Optimisten für erfüllbar. Es gab diese Phase im Frühjahr, da schien für die Grünen alles zu passen. Unter der Führung von Annalena Baerbock und Robert Habeck trat die Partei geschlossen auf wie kaum zuvor. Der Klimaschutz, das Ur-Thema der Partei, stand hoch auf der Agenda. 16 Jahre Merkel würden zu Ende gehen. Alles schien zu passen für den selbstbewussten nächsten Schritt: die erste grüne Kanzlerkandidatur. "Man muss es mal aussprechen: Wir reden hier über einen Moment, den Lauf der Geschichte zu verändern", sagte Habeck vor der Nominierung dem "Spiegel".

Abwärtsspirale der Grünen

Die Grünen gestatteten ihren Vorsitzenden sogar, die Kandidaturfrage unter sich auszumachen. Als Kontrastprogramm zur geräuschlosen und damit professionell wirkenden Entscheidungsfindung stritt die Union auf offener Bühne. Plötzlich wuchs der grüne Balken in Umfragen auf bis zu 28 Prozent. Die Zeichen standen auf "Aufbruch". An den Grünen schien kein Weg vorbeizuführen. Schon zu dieser Zeit war vielen in der Partei klar, dass ein Dämpfer kommen könnte. Er kam, und das hohe Zwischenhoch ließ den folgenden Weg abwärts in den Umfragen umso drastischer aussehen.

Einen Großteil der Abwärtsspirale hatten sich die Grünen selbst zuzuschreiben: zu spät gemeldete Nebeneinkünfte der Kanzlerkandidatin, ihr mehrfach korrigierter Lebenslauf, ein eilig zusammengeschriebenes Buch. Plagiatsvorwürfe. Baerbock entschuldigte sich, doch die Fehler kratzten an ihrer Glaubwürdigkeit. Darüber hinaus tat sich die Partei zunächst schwer, die eigenen Ideen verständlich zu machen - zum Beispiel wie ein "Energiegeld" höhere CO2-Preise abfedern soll.

Die Partei sieht Chancen

Jetzt sind es nur noch wenige Tage bis zur Wahl. Die ganz große Aufbruchstimmung ist verflogen. Die Grünen geben sich trotzdem weiter kämpferisch. Die Auseinandersetzung hat sich verändert. Es geht im Wahlkampf mittlerweile deutlich mehr um Inhalte. Und auch wenn sich das ARD-Triell stellenweise mehr wie ein Duell anfühlte - die Grünen sehen in dieser veränderten Konstellation durchaus Chancen: Da seien auf der einen Seite die beiden Männer, die sich gegenseitig die Schuld für Versäumnisse der Großen Koalition in die Schuhe schieben würden. Baerbock dagegen schaue in die Zukunft und trete für Erneuerung ein. So die Lesart im grünen Unterstützer-Lager.

Zumindest in den Kategorien Sympathie und Tatkraft belegte sie in einer Blitzumfrage den ersten Platz. Aber reicht das? Nur weil man jemanden als besonders tatkräftig erlebe, so die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio, bedeute das noch lange nicht, "dass ich ihm auch die fachliche Kompetenz zuschreibe, diese Dinge dann tatsächlich auch umzusetzen". Was nützt der Ruf nach Aufbruch, wenn er in breiten Teilen der Gesellschaft nicht verfängt?

Zustimmung bei den Jüngeren

Bei den Jüngeren gibt es viel Zustimmung, doch die etwa 2,8 Millionen Erstwählerinnen und Erstwähler machen nur einen Anteil von 4,6 Prozent aller Wahlberechtigten aus. Bei manchen Wählerinnen und Wählern löst die Vorstellung von zu viel Veränderung vor allem Bedenken aus. Zu spüren war das beispielsweise in der ZDF-Sendung "Klartext". Während Baerbock dafür wirbt, beim Klimaschutz "keine halben Sachen" zu machen, sorgen den einen oder anderen Fragesteller steigende Benzinpreise oder zu hohe Windräder. Kosten durch den Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft stehen häufig mehr im Mittelpunkt als spätere Kosten durch einen ungebremsten Klimawandel.

Im Wahlkampf ist deutlich geworden: Es gibt keine Gewissheit, das gilt auch für die Grünen. Dennoch: Sollte das Wahlergebnis ähnlich ausfallen wie die aktuellen Umfragen, bleibt die Chance auf eine Regierungsbeteiligung gut. Die Grünen können neben der FDP entscheidend sein. Es gibt schlechtere Startpositionen für sicher nicht einfache Sondierungen. "Spielen Sie noch auf Sieg oder doch eher auf Platz?", wurde Baerbock am Abend gefragt. Sie entscheidet sich für das kämpferisch klingende "Klar", verweist auf sehr viele noch unentschlossene Wählerinnen und Wähler. Es gehe jetzt um eine Auswahl: "Weiter so" oder "echter Aufbruch". Da ist er wieder: der Begriff, in dem bisher vor allem Hoffnung steckt.