Wahlplakat Scholz und Laschet

Bundestagswahl SPD und Union gleichauf, Grüne auf Platz 3

Stand: 26.09.2021 18:41 Uhr

Die Union stürzt auf ein Rekordtief, die SPD legt deutlich zu. Doch wer stärkste Kraft wird, ist unklar. Beide liegen gleichauf. Die Grünen erobern Platz 3 vor der FDP. Die AfD bleibt zweistellig, die Linkspartei muss zittern.

Nach 16 Jahren ununterbrochen an der Macht muss die Union um ihre Position als stärkste politische Kraft im Bund bangen. Bei der Bundestagswahl liefern sich CDU/CSU mit Kanzlerkandidat Armin Laschet und die SPD mit Kanzlerkandidat Olaf Scholz ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen.

Nach der ARD-Prognose von Infratest dimap erreicht die SPD 25 Prozent. Sie legte damit eine Aufholjagd hin, noch im Juli rangierte sie in Umfragen bei 15 Prozent. Auch im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 verbessert sich die SPD deutlich. Damals holte sie mit 20,5 Prozent ihr bislang schlechtestes Ergebnis. 

Die SPD-Kampagne war komplett auf Scholz zugeschnitten, der bereits im August 2020 als Kanzlerkandidat gekürt worden war. Im Wahlkampf profitierte die Partei von dessen vergleichsweise hohen Kompetenz- und Beliebtheitswerten und seinem Image als verlässlicher Krisenmanager, Vizekanzler und Finanzminister. Inhaltlich setzte die SPD vor allem auf ihre einstigen Kernthemen wie soziale Gerechtigkeit, Mindestlohn und höhere Steuern für Vermögende.

SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil sprach in der ARD von einem "grandiosen Erfolg" und einem "Vertrauensbeweis der Bürgerinnen und Bürger für Olaf Scholz". "Die SPD ist zurück", jubelte auch Generalsekretär Lars Klingbeil.

Union verliert stark

Die seit 2005 regierende Union muss einen historischen Absturz verkraften, kann sich aber weiter Hoffnung auf Platz 1 machen. CDU und CSU kommen gemeinsam auf 25 Prozent. Damit unterbietet die Union nochmal ihren Minusrekord von 2017 deutlich - damals war sie erneut mit Amtsinhaberin Angela Merkel angetreten und auf 32,9 Prozent gekommen. 

In diesen Bundestagswahlkampf ging die Union ohne Amtsbonus. Laschet hatte sich erst spät nach parteiinternen Machtkämpfen als Kanzlerkandidat durchsetzen können. Zweifel an seiner Eignung konnte er nie ganz ausräumen, seine Umfragewerte blieben mäßig. Es gelang der Union kaum, inhaltliche Akzente zu setzen, stattdessen wurde ihr Wahlkampf immer wieder von Personaldiskussionen überlagert. Im Endspurt des Wahlkampfs verstärkte sie die Attacken auf den politischen Gegner - vor allem die SPD - erklärte die Wahl zur Richtungswahl und beschwor die Gefahr einer linken Regierung.

Die Union will nach den Worten von Generalsekretär Paul Ziemiak trotz des schwachen Abschneidens eine unionsgeführte Regierung ausloten. Er warb für eine "Zukunftskoalition" der Union mit Grünen und FDP. Zugleich räumte er ein: "Die Verluste sind herb, sie sind bitter."

Die Option aufs Kanzleramt wahren SPD und Union auch als Zweitplatzierte, da nicht automatisch die stärkste Partei den Kanzler oder die Kanzlerin stellt. Allerdings dürfte die stärkste politische Kraft für sich einen Auftrag zur Regierungsbildung ableiten.

Grüne legen stark zu

Die Grünen steigen zur drittstärksten politischen Kraft in Deutschland auf. Mit 15 Prozent verfehlen sie zwar ihr Wahlziel einer grün geführten Regierung. Gemessen an ihren hohen Erwartungen zu Beginn des Jahres würden sie daher wohl zu den Wahlverlierern gehören. Gemessen am Wahlergebnis von 2017 zählen sie hingegen zu den großen Gewinnern - damals waren sie mit 8,9 Prozent als kleinste Fraktion in den Bundestag eingezogen. 

Beflügelt von den hohen Umfragewerten zu Jahresbeginn und dem hohen Stellenwert für ihr Kernthema Klimaschutz gingen die Grünen erstmals mit einer Kanzlerkandidatin ins Rennen. Doch handwerkliche und auch persönliche Fehler von Annalena Baerbock kosteten Glaubwürdigkeit. Inhaltlich versuchten die Grünen, sich breiter aufzustellen, um sich für weitere Wählerschichten zu öffnen. Schwerpunktthema blieb aber der Umwelt- und Klimaschutz, hier erreichen sie laut Infratest dimap auch die höchsten Kompetenzwerte. Die Grünen haben nun beste Aussichten, künftig mitregieren zu können - mehrere Konstellationen sind möglich.

FDP hinter Grünen

Die FDP kann nur leicht zulegen und bleibt damit hinter ihren Erwartungen zurück. Die Partei mit Spitzenkandidat Christian Lindner kommt auf 11 Prozent - nach 10,7 Prozent bei der vergangenen Bundestagswahl. Im Wahlkampf setzte die FDP auf ihre Kernkompetenz rund um die Wirtschafts- und Steuerpolitik. Deutlich wandte sie sich gegen Steuererhöhungen, beim Klimaschutz warb sie für Innovationen statt Verbote. Bei der Regierungsbildung dürfte die FDP eine gewichtige Rolle spielen, nach den abgebrochenen Sondierungen mit Union und Grünen 2017 möchte die Partei diesmal unbedingt mitregieren. Am liebsten mit der Union. "Wir wollen mitregieren. Wir sind zu Gesprächen bereit", bekräftigte Vize-Chef Wolfgang Kubicki in der ARD.

AfD verschlechtert sich

Die AfD verliert Prozentpunkte, kann aber ihr zweistelliges Ergebnis von 2017 halten. Mit 11 Prozent verliert sie jedoch ihre Position als drittstärkste politische Kraft im Bundestag. Vor vier Jahren hatte sie noch 12,6 Prozent der Stimmen geholt. Angetreten war sie diesmal mit den Spitzenduo Alice Weidel und Tino Chrupalla. Ein zentrales Wahlkampfthema hatte die AfD nicht, sie positionierte sich als Gegnerin der staatlichen Corona-Maßnahmen, blieb bei ihrem Anti-Migrationskurs und bezweifelte den menschengemachten Klimawandel. Alle Parteien haben eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen, sie wird also in der Oppositionsrolle bleiben.

In einer ersten Reaktion sprach AfD-Co-Chef Chrupalla von einem soliden Ergebnis für seine Partei. "Sicherlich schmerzen auch die Verluste" sagt er im ZDF.

Linkspartei muss zittern

Die Linkspartei peilte ursprünglich ein zweistelliges Wahlergebnis an, muss aber nun um den Einzug ins Parlament bangen. Die ARD-Prognose sieht sie bei 5 Prozent. 2017 hatte die Linke noch 9,2 Prozent der Stimmen geholt. Sollte sie aber mindestens drei ihrer zuletzt fünf Direktmandate verteidigen, kann sie laut Grundmandatsklausel entsprechend ihres Zweitstimmenergebnisses ins Parlament einziehen. Spitzenkandidat und Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch, sprach dennoch von einem "enttäuschenden Abend".

Das Spitzenduo Bartsch und Janine Wissler gelang es nicht, die Partei aus dem Umfragetief zu holen. Inhaltlich setzte die Linke auf klassische Sozial-Themen, auch beim Klimaschutz gab sie sich weiter gehende Ziele als die Grünen. Außenpolitische Zielsetzungen wie die Auflösung der NATO und ihr Nein zu Bundeswehreinsätzen im Ausland machen sie für andere Parteien jedoch kaum zu einem verlässlichen Koalitionspartner. Die Linke wirbt dennoch vehement für Rot-Grün-Rot.

Wer künftig regiert? Unklar

Welches Parteienbündnis Deutschland künftig regiert und unter wessen Kanzlerschaft, ist bis auf Weiteres unklar. Erwartet werden komplizierte und vermutlich langwierige Sondierungen und Koalitionsgespräche. So viele Bündnisse wie nie sind möglich. Am wahrscheinlichsten sind wohl eine SPD-geführte Regierung mit Grünen und FDP oder eine Unions-geführte Regierung mit Grünen und FDP. Als Zweierbündnis käme eine erneute Große Koalition infrage, was jedoch aus mehreren Gründen als unwahrscheinlich gilt. Weitere denkbare Optionen: Rot-Grün-Rot (wenn die Linke den Sprung ins Parlament schafft) oder SPD und Union wahlweise mit FDP oder Grünen als drittem Partner. 

Auf jeden Fall ist diese Bundestagswahl eine Zäsur. Die Ära Merkel endet nach 16 Jahren - etwas Neues beginnt. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik bewarb sich kein Amtsinhaber oder Amtsinhaberin um weitere vier Jahre im Kanzleramt. Drei Parteien konnten sich mit ihren Spitzenleuten berechtigte Hoffnungen auf die künftige Regierungsführung machen. Die Corona-Pandemie dominierte zwar thematisch nicht den Wahlkampf, wirkte sich aber natürlich auf ihn aus. Auch auf die Art und Weise der Stimmabgabe. So wird mit einem Rekord an Briefwählern gerechnet, was die Prognose und die Hochrechnungen ungenauer machen könnte und zudem das Endergebnis verzögern dürfte. Insgesamt waren 60,4 Millionen Menschen zur Stimmabgabe aufgerufen. 2017 lag die Wahlbeteiligung bei 76,2 Prozent.

Gewählt wurden heute außerdem in zwei Bundesländern: In Berlin fand die Abgeordnetenhauswahl statt, in Mecklenburg-Vorpommern wurde ein neuer Landtag gewählt.

Über dieses Thema berichtete Das Erste am 26. September 2021 ab 17:15 Uhr.