Grünen-Co-Chef Habeck im August 2021 im tagesschau24-Interview.

Grünen-Co-Chef Habeck zu Klimaschutz "Wir müssen nicht alle Engel werden"

Stand: 24.08.2021 12:55 Uhr

Gute Klimapolitik ohne individuellen Verzicht - damit wirbt Grünen-Co-Chef Habeck bei tagesschau24 für die Wahlvorhaben seiner Partei. Er rechne fest mit einem starken Wahlkampf-Schlussspurt.

Mit einem Klimaschutz-Sofortprogramm inklusive eigenem Klimaschutzministerium wollen die Grünen im Wahlkampf Stimmen gewinnen. Im Interview mit tagesschau24 hat der Co-Vorsitzende der Partei, Robert Habeck versucht, Zweifel auszuräumen, dass ein hohes Maß an Klimaschutz für den Verbraucher persönliche Abstriche bedeuten könnten.

"Wir müssen nicht alle Engel werden", sagte er. Eine gute Klimapolitik wird aus seiner Sicht auf allgemeiner Ebene organisiert, ohne "individuellen Verzicht" eines Einzelnen. Es gehe darum, bessere Politik zu machen und nicht um die "Umerziehung der Menschen".

Kein höherer Strompreis durch Kohleausstieg

Als Beispiel nannte Habeck den Kohleausstieg. Den wollen die Grünen vorziehen: Derzeit soll er bis 2038 abgeschlossen sein, die Grünen halten das schon 2030 für möglich. Der Sorge, dass der Verzicht auf Kohle für Bürgerinnen und Bürger höhere Strompreise mit sich bringe, stellt sich Habeck entgegen. Der Verbraucher werde beim Stromverbrauch "gar nichts merken", sichert er zu.

Schwindende Zustimmung für Baerbock

Fünf Wochen vor der Bundestagswahl werden die Grünen-Umfragewerte schlechter - im aktuellen ARD-DeutschlandTrend verliert die Partei nochmals zwei Prozentpunkte und steht momentan nur noch bei 17 Prozent.

Noch massiver verliert allerdings Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in der Wählergunst: Gerade einmal zwölf Prozent der Deutschen würden sich derzeit für sie als Nachfolgerin Angela Merkels entscheiden.

Habeck stimmt auf Aufholjagd ein

Dies geht laut Habeck "zum Teil auf selbstgemachte Gründe" zurück. Er zeigt sich aber überzeugt, dass es am Ende nicht darum geht, "wer den Regenschirm richtig herum hält", sondern um die Frage, wer Orientierung geben könne und sich am besten vorbereitet habe. Und das seien die Grünen.

Die Kanzlerkandidaten von Union und SPD, Armin Laschet und Olaf Scholz, bezeichnete Habeck in diesem Zusammenhang als "quasi austauschbar". Der Wahlkampf gehe nun "auf die Zielgerade" und seine Partei werde alles dafür tun, "verlorenes Vertrauen zurückzuholen" und ein starkes Ergebnis einzufahren.

Hatte die Fehleinschätzung in Afghanistan politische Gründe?

Doch unabhängig davon, wer Merkel am Ende ins Kanzleramt folgt, er oder sie wird "Feuerproben ohne Ende zu bestehen haben", sagte Habeck weiter. Gerade auch im Hinblick auf die Krise in Afghanistan.

Derzeit steht die Rettung von Schutzbedürftigen im Fokus. Habeck betonte hier die "moralische Pflicht" der Bundesrepublik, diejenigen, "die im Vertrauen auf das Wort des Westens ihr Leben riskiert haben und es nun zu verlieren drohen", schnellstmöglich in Sicherheit zu bringen. Er ließ offen, wie viele Menschen aus Afghanistan Deutschland aufnehmen sollte oder könnte.

In der Frage, warum das Erstarken der Taliban so stark unterschätzt wurde, könnten laut Habeck auch politische Gründe eine Rolle spielen. Er stellte die Vermutung in den Raum, die Geheimdienste hätten in ihrer Einschätzung das wiedergegeben, "was politisch gewollt wurde". Es liege aber in der Verantwortung einer Regierung, die Dienste dazu zu bringen, einem die Wahrheit zuzumuten. Am Ende müsse also geklärt werden, ob die Geheimdienste in Afghanistan schlicht unzureichend informiert gewesen seien oder "eine Kultur des Schweigens über eine unangenehme Wahrheit" geherrscht habe.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. August 2021 um 11:30 Uhr.