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Bundestagswahl Wie der Wunsch nach Wandel die Wahl prägte

Stand: 26.09.2021 23:45 Uhr

Warum lief es für die Union dermaßen desaströs? Konnte ihre "Roten Socken"-Kampagne noch etwas retten? Hätte die SPD ein Bündnis mit der Linkspartei ausschließen sollen. Umfragen liefern hier interessante Erkenntnisse. Eine Analyse auf Basis der Daten von infratest dimap.

Von Holger Schwesinger, tagesschau.de, zzt. Berlin

Deutschland ist politisch gespalten - das dürfte eine der zentralen Erkenntnisse dieses Wahlabends sein. Indiz dafür ist nicht nur das knappe Rennen, das sich Union und SPD laut Hochrechnungen liefern. Auch die Umfragen, die infratest dimap am Wahltag und den Tagen davor durchgeführt hat, belegen die Spaltung. Sie zeigt sich vor allem an zwei Dingen: an der Bereitschaft der Menschen zum Wandel und an den Themen, die als wichtig angesehen werden.

Holger Schwesinger

Wunsch nach Wandel deutlich stärker als 2017

Ein "Weiter so" wollte kaum ein Wahlberechtigter in Deutschland. Doch bei der Frage, wie weitreichend der Wandel sein soll, gibt es ganz klar zwei Lager: 51 Prozent finden, einige Kurskorrekturen würden reichen. Immerhin 40 Prozent sagen aber, sie wünschen sich einen grundlegenden Wandel.

Auffallend sind dabei zwei Dinge: Zum einen hat sich die Zahl derjenigen, die sich einen grundlegenden Wandel wünschen, im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 verdoppelt. Zum anderen sind sie vor allem unter den Anhängern von drei Parteien zu finden: Linke, AfD und Grüne - wobei deren Anhänger unter Wandel vermutlich sehr unterschiedliche Dinge verstehen.

Bild: "Ich wünsche mir für unser Land in Zukunft einen grundlegenden Wandel."

Drei Lager - drei dominierende Themen

Auch beim Blick auf die wahlentscheidenden Themen lassen sich klar Lager erkennen. Ein dominierendes Thema gab es bei dieser Wahl nicht, sondern drei, die ähnlich wichtig waren: soziale Sicherheit, Umwelt/Klima und Wirtschaft/Arbeit. Für Wähler der Grünen war - wenig überraschend - Umwelt besonders wichtig, für Wähler von Union und FDP Wirtschaft und Arbeit und für Wähler von SPD und Linken die soziale Sicherheit.

Hier findet sich auch schon eine der Erklärungen dafür, warum die Union im Vergleich zur Wahl 2017 so massiv verloren hat und das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte einfährt. Denn offenbar hat sie viele Wähler verloren, denen die Themen soziale Sicherheit und Klima durchaus wichtig sind - und die sich nun bei SPD oder Grünen besser aufgehoben fühlen. Das zeigt sich, wenn man diejenigen fragt, die 2017 Union gewählt haben, diesmal aber nicht. Bei ihnen ist die Reihenfolge der wichtigsten Themen eine andere: Soziale Sicherheit steht oben.

Bild: Welches Thema spielt die größte Rolle?

SPD bei wichtigen Aufgaben vor der Union

Doch die Hauptprobleme der Union sind andere: Sie hat in allen Politikbereichen in der Wahrnehmung der Wähler massiv Vertrauen in ihre Kompetenz zur Lösung der jeweiligen Probleme verloren - auch bei ihren "Kernthemen". Fragt man die Wähler, welche Partei in Feldern wie Wirtschaft oder Kriminalitätsbekämpfung besonders kompetent ist, liegt die Union mit 32 bzw. 35 Prozent zwar noch vorne.

Der entscheidende Punkt ist aber, dass sie im Vergleich zu 2017 hier - wie in allen Feldern - massiv verloren hat: Im Bereich Wirtschaft beträgt der Rückgang sogar 25 Prozentpunkte. Und die Union ist nicht mehr die Partei, der am ehesten zugetraut wird, die aktuell wichtigen Aufgaben und Deutschland zu lösen - hier ist sie hinter die SPD zurückgefallen.

Bild: Welcher Partei trauen Sie am ehesten zu, die wichtigsten Aufgaben in Deutschland zu lösen?

Gezerre um Kandidatur schadet Union massiv

Klar wird auch, dass der Union das Gezerre um die Kanzlerkandidatur massiv geschadet hat. Schon lange vor der Wahl hatte sich abgezeichnet, dass ihr Kanzlerkandidat Armin Laschet die Wähler nicht überzeugt. Das bestätigen auch die Umfragen rund um den Wahltag nochmal. Nur 27 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland glauben, dass Laschet dem Amt des Kanzlers gewachsen wäre. Und von denjenigen, die 2017 Union gewählt haben, diesmal aber nicht mehr, sagten 86 Prozent, dass ihnen ein anderer Kanzlerkandidat lieber gewesen wäre.

Dieser andere Kandidat wäre vermutlich CSU-Chef Markus Söder gewesen. Doch auch dessen Verhalten nach seiner Niederlage um die Kandidatur wird sehr negativ bewertet. 45 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland sagen, das habe der Union geschadet. Auch 41 Prozent der CDU-Wähler sehen das so - allerdings nur zehn Prozent der CSU-Wähler.

Bild: "… ist Amt des Bundeskanzlers gewachsen."

Mehrheit wünscht sich SPD-geführte Regierung

Dass die Union in den letzten Tagen vor der Wahl doch noch etwas aufholen und an die SPD heranrücken konnte, könnte auf ihre "Rote Socken"-Kampagne zurückzuführen sein. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hatten Unions-Spitzenpolitiker vor einem möglichen Bündnis von SPD, Grünen und Linkspartei gewarnt. Das kam offenbar bei vielen Stammwählern - die eher älter und weniger veränderungsbereit sind - an. 71 Prozent der Unions-Wähler sagen, sie hätten ihr Kreuz vor allem deshalb bei CDU oder CSU gemacht, um ein Linksbündnis zu verhindern.

Die SPD hat zwar massiv dazugewonnen und ist einer der großen Wahlsieger. Ob sie die künftige Regierung anführen wird, ist aber noch nicht klar. Im Sinne der meisten Deutschen wäre das aber: 38 Prozent der Wahlberechtigten sagen in den Umfragen, die SPD sollte die künftige Regierung führen - unabhängig davon, ob sie sie tatsächlich gewählt haben. Nur 28 Prozent wünschen sich eine Unions-geführte Regierung. In beiden Fällen sind das überwiegend die Älteren. Jüngere hingegen würden sich eine von den Grünen geführte Regierung wünschen. Doch die Jüngeren sind in Deutschland in der Minderheit.

Bild: Welche Partei sollte nächste Regierung führen?

Auch SPD-Wähler hadern mit Linksbündnis

Mit einem möglichen Bündnis unter Einbeziehung der Linkspartei hadern übrigens auch viele SPD-Wähler. Immerhin 40 Prozent hätten sich gewünscht, dass die Parteiführung dies vor der Wahl klar ausgeschlossen hätte.

Zugpferd der Partei - das hatte sich schon in den Wochen vor der Wahl klar gezeigt - war ihr Kanzlerkandidat. 37 Prozent sagen, Olaf Scholz war der wichtigste Grund, die Partei zu wählen. 43 Prozent sagen, das Programm der Partei sei für sie entscheidend gewesen, die langfristige Parteibindung, die früher für die SPD wichtig war, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.

Beim Blick auf die Kompetenzen hat die SPD in nahezu allen Bereichen zugenommen. Sie kämpft nicht mehr so stark mit dem Problem, dass selbst ihre Wähler nicht wissen, wofür sie eigentlich steht. Und sie wird wieder stärker als "sozialdemokratisch" wahrgenommen.

Bild: Ansichten über die SPD

AfD erreicht ihr Kernklientel, sonst aber niemanden

Die AfD hat im Vergleich zur Wahl 2017 Stimmen verloren und landet ungefähr dort, wo Umfragen sie bereits seit Monaten sehen: im Bereich knapp oberhalb der 10 Prozent. Das deutet darauf hin, dass sie ihr Kernklientel erreicht, darüber hinaus aber niemanden.

Dafür spricht auch, dass sie mit ganz anderen Themen punkten kann als andere Parteien. Das mit Abstand wichtigste Thema für AfD-Wähler bleibt auch bei dieser Wahl die Zuwanderung, für Wähler anderer Parteien spielt das aktuell hingegen praktisch keine Rolle. Und auch der Blick auf die Kompetenzzuschreibung bestätigt diese These: Die AfD hat hier in mehreren Bereichen - auf niedrigem Niveau - klar hinzugewonnen. Auf zweistellige Werte kommt sie in zwei Feldern: Bei der Bekämpfung der Kriminalität, wo 13 Prozent der Wahlberechtigten sagen, das kann die AfD am besten, und bei der Zuwanderung, wo es 14 Prozent sind - Werte, die in etwa ihrem Wahlergebnis entsprechen.

Bild: "Zuwanderung spielt bei meiner Wahlentscheidung die größte Rolle."

Personalprobleme bei der Linkspartei

Am anderen Ende des Parteienspektrums bewegt sich Die Linke im Bereich der Fünf-Prozent-Hürde. Obwohl eines ihrer "Kernthemen" - die Soziale Sicherheit - von vielen Wählern als sehr wichtig eingeschätzt wird, verliert sie im Vergleich zur Wahl 2017 deutlich. Das hat zum einen mit dem Erstarken der SPD zu tun, zum anderen aber auch mit hausgemachten Problemen. 70 Prozent der Wahlberechtigten sagen, der Linkspartei fehlt überzeugende Führungspersonal - und selbst von den Linken-Wählern sagt das noch fast jeder Zweite.

Bild: Wahlverhalten nach Altersgruppen

Grüne und FDP haben die jüngsten Wähler

Interessant ist auch ein Blick auf die Frage, in welchen Altersgruppen die Parteien stark sind: Union und SPD können vor allem bei Älteren punkten, zwei andere Parteien hingegen vor allem bei Jüngeren: Die Grünen und die FDP.

Die FDP hat hinzugewonnen und profitiert natürlich von der Schwäche der Union. Sie punktet aber - auch außerhalb des eigenen Lagers - mit ihrem Pochen auf Freiheit und Entbürokratisierungen. Trotzdem wird sie noch immer stark als Klientelpartei wahrgenommen. 61 Prozent sagen, sie setze sich zu sehr für Gutverdiener ein. Dass sie diese Gutverdiener steuerlich nicht stärker belasten will, kommt aber auch bei den eigenen Wählern nur bedingt gut an.

Bild: Steuern nach der Wahl …

Nur zehn Prozent wählen wegen Baerbock grün

Und die Grünen? Sie sind - gemessen an den Zugewinnen - einer der großen Wahlgewinner. Doch die Freude darüber dürfte sich in Grenzen halten, hatte es zeitweise in Umfragen doch sogar so ausgesehen, als könnten sie die Kanzlerin stellen.

Auch die Umfragen rund um den Wahltag bestätigen nochmals, dass ihre Kandidatin nicht überzeugt hat. Nur 20 Prozent der Wahlberechtigten glauben, dass Annalena Baerbock dem Amt gewachsen wäre - noch weniger als bei Unions-Kandidat Laschet. Und nur zehn Prozent der Grünen-Wähler habe ihr Kreuz wegen der Kandidatin bei der Partei gemacht.

Bild: Grünen-Wählende: "Wichtig für meine Wahlentscheidung"

Grüne mit besten Antworten auf Zukunftsfragen

Inhaltlich hingegen sind die Grünen gut aufgestellt. Sie sind die Partei, bei der die Wähler am besten wissen, wofür sie steht. Sie wird als besonders glaubwürdig wahrgenommen und bei der Frage nach den Kompetenzen konnte sie in fast allen Bereichen zulegen. Nur bei ihrem Kernthema Umwelt und Klima ging es leicht zurück - was aber daran liegt, dass andere Parteien dieses Thema auch entdeckt haben, und nichts daran ändert, dass den Grünen hier bei weitem die höchste Kompetenz zugesprochen wird.

Mit Blick auf ihre Wahlchancen in der Zukunft dürften sich die Grünen aber vermutlich über zwei Erkenntnisse des heutigen Abends freuen: Sie haben die jüngsten Wähler und sie gelten als die Partei, die die besten Antworten auf Zukunftsfragen hat.

Bild: Welche Partei hat die besten Antworten auf die Fragen der Zukunft?