Ein Zettel an der Tür weist in der Potsdamer Max Dortu Schule auf den Wahlraum hin zur Bundestagswahl 2021. | dpa

Bundestagswahl Die Wahl, bei der vieles anders ist

Stand: 26.09.2021 12:02 Uhr

Fehlende Bündniszusagen, eine Kanzlerin, die von sich aus geht, und ein Rekord-Anteil von Briefwählern: Diese Bundestagswahl ist besonders. Auch deshalb sind Vorhersagen über den Ausgang schwierig.

Von Jörg Schönenborn, WDR

Das Wort des Tages in Berlin heißt "spannend". Egal ob Passanten auf der Straße oder Kolleginnen hier im Team: Alle haben das Bedürfnis zu betonen, wie spannend es am Abend wird. Tatsächlich steckt aber hinter der Spannung maximale Verunsicherung - und zwar auf allen Seiten.

Jörg Schönenborn

Bei den Parteien, weil sie trotz aller Umfragen nicht wissen, wer am Ende die Nase vorn hat, geschweige denn welche Koalition irgendwann zustande kommt.

Und bei den Wählerinnen und Wählern, denen zwei wichtige Orientierungsanker fehlen, die es bei früheren Wahlen fast immer gab. Zum einen konnte man sich in der Geschichte der Bundesrepublik bisher immer für oder gegen eine amtierende Kanzlerin oder einen Kanzler entscheiden. Zum anderen gab es meist klare Bündnisversprechen wie einst die Klassiker "Rot-Grün" gegen "Schwarz-Gelb". Diesmal kann es gut sein, dass drei, sogar vier Parteien zusammenarbeiten müssen, um eine Regierung zu bilden. Da verliert man, wenn man taktisch wählen möchte, leicht den Überblick.

Viele sorgen sich um eigenen Wohlstand

Bei der gesellschaftlichen Stimmung ergibt sich in den Befragungen von Infratest dimap ein etwas anderes Bild als vor vier Jahren. Damals hatte die die Bundesrepublik einen langen kräftigen Aufschwung hinter sich. Nun hat die Sorge um den eigenen Wohlstand zugenommen. Die Wirtschaftslage wird nach anderthalb Jahren Pandemie verhaltener bewertet als 2013 und 2017 - aber immer noch deutlich besser als in den 2000er-Jahren.

Nach eigenem Empfinden lebt die Mehrheit der Befragten immer noch in einem Land, in dem die Demokratie gut funktioniert und in dem es alles in allem gerecht zugeht. Das Ringen um die eigene Wahlentscheidung ist bei vielen von der Frage geprägt, mit welcher Partei dies auch so bleiben kann. Die Daten deuten nicht - wie oft kritisiert - auf einen inhaltsleeren Wahlkampf hin, im Gegenteil. Mit sozialer Sicherheit, der Wirtschaftslage und dem Klimawandel gibt es gleich drei große Themen, die besondere Bedeutung für die Entscheidung der Wählerinnen und Wähler haben.

Fokus auf Spitzenpersonal - auch weil Merkel geht

Die Kandidatinnen und Kandidaten haben dennoch eine große Rolle gespielt, weil der Stuhl im Kanzleramt auf jeden Fall neu besetzt wird. Alle drei, Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz, haben in jeweils einer Phase des Wahlkampfs das Feld in der sogenannten Direktwahlfrage angeführt. Baerbock ging nach ihrer Nominierung im Mai in Führung, Laschet übernahm, als Baerbock sich für ihren Lebenslauf und ihr Buch rechtfertigen musste. Und Scholz liegt vorn, seit Laschet in der Flutkatastrophe unglücklich agierte.

Ob die SPD ihren Umfragevorsprung von wenigen Punkten ins Ziel tragen kann, lässt sich mit den Mitteln der Demoskopie nicht vorhersehen. Der Abstand liegt innerhalb der statistischen Fehlertoleranz. Außerdem dürfte sich ein erheblicher Teil der Wählerinnen und Wähler erst in den vergangenen Tagen oder sogar heute entschieden haben. Es wäre also ein Wunder, wenn das Ergebnis heute Abend dem entsprechen würde, was die Institute vor einigen Tagen, also vor der finalen Entscheidungsphase, erhoben haben.

Höchster Briefwähleranteil bisher

Hinzu kommt der höchste Briefwähleranteil aller bisherigen Bundestagswahlen. Zwischenmeldungen der Wahlämter lassen darauf schließen, dass 40 bis 50 Prozent der Beteiligten ihre Stimme bereits per Brief abgegeben haben, irgendwann zwischen Ende August und heute. Wer wann in welcher politischen Lage entschieden hat, lässt sich gar nicht nachvollziehen und kann für weitere Überraschungen sorgen.

Keine Überraschung ist es hingegen, wenn am Ende der Auszählung in der kommenden Nacht der größte Bundestag aller Zeiten steht. Den Parteien ist es nicht gelungen, das Wahlrecht so zu verändern, dass das Parlament zumindest in die Nähe der im Grundgesetz vorgesehenen 598 Abgeordneten kommt. Die von Union und SPD im vergangenen Jahr gegen die Stimmen der Opposition verabschiedete Wahlrechtsreform wird das Anwachsen der Mandate nur leicht bremsen.

Mandatszahl wird wohl deutlich wachsen

Eigentlich können Überhangmandate derselben Partei zwischen verschiedenen Landeslisten verrechnet werden. Das soll die Größe des Parlaments dämpfen. Bei der CSU bleibt diese Regelung aber wirkungslos, weil sie ja nur in einem Bundesland, eben in Bayern antritt und sie ihre Überhangmandate deshalb nicht mit der CDU in anderen Ländern verrechnen muss. Sollte ihr Ergebnis auch nur in der Nähe der Umfragen liegen, dürfte sie einige Überhangmandate erhalten, die jeweils 20 oder mehr Ausgleichsmandate bei anderen Parteien nach sich ziehen. Allein das Ergebnis in Bayern könnte also für einen Bundestag sorgen, der die bisherige Mandatszahl von 709 deutlich übersteigt.

Und noch eine Bestimmung der Wahlrechtsreform könnte von Bedeutung sein. Union und SPD haben festgelegt, dass bis zu drei Überhangmandate nicht ausgeglichen werden. So kann für eine Partei mit vielen Überhangmandaten ein rechnerischer Vorteil gegenüber dem Zweitstimmenergebnis entstehen, der im zugespitzten Fall sogar über die Bildung von Mehrheiten entscheiden kann.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. September 2021 um 13:00 Uhr.