5G-Antenne und Display | Bildquelle: picture alliance/dpa

Neue Mobilfunktechnik Ist 5G gefährlich?

Stand: 12.06.2019 20:52 Uhr

Die neue Mobilfunktechnik 5G ist eine Gefahr für die gesamte Menschheit - diesen Eindruck bekommt man, wen man einschlägige Internetseiten besucht. Doch was ist wirklich dran?

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

"Strahlen-Tsunami", "Gefahr für Leib und Leben", "Wir werden alle gegrillt", "Verstrahlung im Namen der Neuen Weltordnung", "Gedankenkontrolle"- mit der Versteigerung der 5G-Frequenzen begann für manche Menschen der Countdown für den Weltuntergang durch die neue Mobilfunktechnik. Auf YouTube findet man zahlreiche Videos mit entsprechenden Inhalten - oft mit hunderttausenden Aufrufen.

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Massenabschlachtung der Weltbevölkerung ...

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.. oder sogar Krieg gegen die Menschheit? Auf YouTube dominiert die Panikmache gegen 5G.

Solche Panikmache ist nicht neu: Ähnliche Befürchtungen hatte es bei der Einführung von Mobilfunk und WLAN bereits gegeben. Neu ist jedoch die Intensität, nicht zuletzt durch Kampagnen in sozialen Medien.

Vögel vom Himmel gefallen?

So wurden zuletzt Videos verbreitet, denen zufolge in Den Haag während eines 5G-Tests "hunderte Vögel vom Himmel gefallen" waren. In der Tat gab es in der niederländischen Stadt ein Vogelsterben bei Staren, allerdings über mehrere Wochen hinweg, wie die örtliche Vogelschutzorganisation Vogelopfang de Wulp meldet:

Nur existiert laut der niederländischen Behörde Antennebureau in der Umgebung des Parks keine 5G-Anlage, geschweige denn ein Test der Technik. Vogelopfang de Wulp ließ inzwischen einige der Tiere untersuchen - laut den Ergebnissen ist eine Vergiftung durch Eibenschnitt die wahrscheinlichste Todesursache.

5G womöglich tödlich - aber nur woanders

Der vom russischen Staat finanzierte Auslandssender RT warnt derweil vor "versteckten Gefahren" der Mobilfunktechnik, die "einen töten könnten": Dort ist von einem der "größten Experimente an der Menschheit" die Rede.

In Russland selbst erklärte Präsident Wladimir Putin derweil den schnellen 5G-Ausbau in seinem Land zur Priorität. Dort ist es das Militär, das das Projekt verzögert, weil es weite Teile des dafür relevanten Frequenzsspektrums weiter für sich beanspruchen will.

Was ist anders bei 5G?

Die 5G-Mobilfunktechnik nutzt generell höhere Frequenzen,  die eine kürzere Reichweite haben. Sie erfordert daher eine deutlich größere Anzahl von Antennenanlagen. Dafür werden nicht nur neue Funktürme, sondern insbesondere in Städten auch Minisender errichtet.

Diese werden viel näher an den Nutzern angebracht werden,  allerdings mit deutlich geringerer Leistung als große Antennenantennenanlagen. "Die reale Belastung durch viele 5G-Antennen könne derzeit noch nicht abgeschätzt werden", sagt Expertin Sarah Drießen von der Uni-Klinik der RWTH Aachen. "Aber natürlich müssen auch bei 5G die Grenzwerte eingehalten werden."

5G-Systeme arbeiten mit dem sogenannten Beamforming, bei dem die Ausstrahlungen mehrerer Antennen gebündelt auf den Empfänger ausgerichtet werden können - eine Technik, die auch moderne WLAN-Router nutzen. Tatsächlich wird die Strahlenbelastung dadurch aber tendenziell verringert, weil sie die Signalnutzung effektiver macht. Eine laserartige Strahlenkanone, die von jedem Punkt der Welt auf einen einzelnen Menschen gerichtet werden kann, bietet 5G natürlich nicht.

Perspektivisch soll 5G auch in höheren Frequenzbereichen genutzt werden, für die weniger Untersuchungsergebnisse vorliegen. Das Bundesamt für Strahlenschutz sieht hier noch Forschungsbedarf in Bezug auf die gesundheitliche Auswirkungen, vor allem im Bereich Haut und Augen, da die höherfrequenteren Strahlen nicht so weit in den Körper eindringen.

Die Welt vernetzen

Installation einer 5G-Antenne in der Schweiz | Bildquelle: dpa
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In der Schweiz werden bereits 5G-Antennen installiert.

Die 5G-Technologie soll nicht nur Daten, Audio und Video übertragen, sondern auch Geräte verbinden, die bisher wenig oder nicht vernetzt sind: Autonomes Fahren, das "Internet der Dinge" und "Industrie 4.0" seien so erst möglich, so die Protagonisten der Mobilfunktechnik.

Es ist also nachvollziehbar, dass zwangsläufig viel mehr Daten übertragen und gesammelt werden, auch über Personen, die 5G nicht absichtlich oder auch nur bewusst anwenden - zum Beispiel dadurch, dass sie vernetzte Geräte oder Fahrzeuge nutzen. Experten fordern daher, den Datenschutzbegriff neu zu definieren und auszuweiten.

Risikofaktor Huawei

Im Zuge der 5G-Ausschreibung warnten Experten zudem davor, wichtige Bestandteile der notwendigen Infrastruktur durch chinesische Netzwerkausrüster liefern zu lassen. Insbesondere der Huawei-Konzern steht hier in der Kritik: Er gilt als innovativster, erfahrenster und preisgünstigster Anbieter der 5G-Technologie, steht aber im Verdacht, mit Chinas Geheimdiensten zusammenzuarbeiten.

Mehrere Staaten haben deshalb den Einsatz von Huawei-Technik in ihren 5G-Netzen untersagt. Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Experten des Bundes haben dagegen allerdings keine Bedenken. Zudem ist Huawei-Technik bereits in dem bestehenden Netzen im Einsatz - sowohl in den Handys als auch in der Netzinfrastruktur.

Nur Indizien für Gesundheitsgefahren

Bisher konnten Gesundheitsbeeinträchtigungen durch Mobilfunkstrahlung nicht wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen werden. Allerdings gibt es Studien, die auf mögliche Gefahren hinweisen: So stufte die Weltgesundheitsorganisation 2011 präventiv alle Strahlungen mit der Frequenz von 30 kHz - 300 GHz als möglicherweise krebserregend ein - somit auch Radio- und Fernsehsignale sowie praktisch sämtliche moderne drahtlose Geräte.

Studien weisen auf mögliche Gefahren hin

Mobilfunkkritiker führen Forschungen des National Toxicology Program in den USA und des italienischen Ramazzini-Institut an, bei denen Laborratten, die lebenslang hochfrequenten elektromagnetischen Feldern ausgesetzt waren, vermehrt bestimmte Tumorarten ausbildeten.

Sowohl die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel wie auch das deutsche Bundesamt für Strahlenschutz sehen allerdings in den Studien aufgrund methodischer Schwächen keinen klaren Beweis für ein erhöhtes Krebsrisiko durch Mobilfunkstrahlung.

Zu geringe Strahlungsenergie

Strahlen im Mikrowellenbereich haben zwei bekannte Effekte: Zunächst einmal erwärmen sie Körper, indem sie die darin enthaltenen Wassermoleküle zum Schwingen anregen. Laut Bundesamt für Strahlenschutz wird eine vorübergehende Körpererwärmung um maximal ein Grad als gesundheitlich unbedenklich erachtet. Eine solche Temperaturerhöhung ist jedoch selbst kurzzeitig mit modernen Mobiltelefonen kaum erreichbar.

Weiterhin können komplexe Moleküle wie der Erbgutträger DNA durch Strahlung verändert und zerstört werden, was zum Beispiel Krebs zur Folge haben kann. Die Energie von Mobilfunkstrahlung reiche jedoch nicht aus, um DNA-Strangbrüche hervorzurufen und so das Erbgut direkt zu schädigen, erklärt Sarah Drießen vom Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit (femu) an der Uni-Klinik der RWTH Aachen gegenüber tagesschau.de.

Allerdings werden in der Fachwelt indirekte erbgutschädigende Wirkungen diskutiert, zum Beispiel über die Bildung freier Radikale. "Erwiesen ist das jedoch nicht", sagt Drießen. Zudem gibt es Versuche, die zum Teil auf ein erhöhtes Risiko für bestimmte Hirntumor-Arten bei intensiver Mobiltelefonnutzung hindeuten.

Mögliche Auswirkung auf Hirntätigkeit

Mobilfunksysteme arbeiten mit gepulster Mikrowellenstrahlung. Unser Nervensystem nutzt winzige elektrische Impulse, was nahelegen mag, dass diese durch die Strahlung gestört werden können. "Frühere Studien haben leichte, aber relativ konsistente Wirkungen auf die Hirnaktivität durch Mobilfunk-relevante hochfrequente elektromagnetische Felder gefunden", sagt Expertin Drießen. Eine ausreichende Evidenz für gesundheitlich relevante Wirkungen wurde aber nicht nachgewiesen.

Eher Entwarnung...

5G-Testantenne in Hamburg | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Erste 5G-Anlagen werden bereits in Deutschland getestet - wie hier in Hamburg.

Also: Auch wenn Anhaltspunkte für mögliche Gesundheitsgefahren durch 5G und andere Mobilfunktechnik durchaus vorhanden sind, gibt die Mehrzahl der Experten eher Entwarnung. "Zusammengefasst besteht nach derzeitigem Kenntnisstand unterhalb der empfohlenen Grenzwerte kein gesundheitliches Risiko dieser hochfrequenten Felder", erklärt Drießen.

... aber letzte Sicherheit fehlt

Die EU-Kommission hält das Risiko ebenfalls für vertretbar und weist Forderungen, das Vorsorgeprinzip walten zu lassen und den 5G-Ausbau zu stoppen, zurück. Dies sei "eine zu drastische Maßnahme", erklärt EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis. Das Bundesamt für Strahlenschutz rät immerhin zur Vorsorge und will die neue Technik genau beobachten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Juni 2019 um 16:36 Uhr.

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