Eine Teilnehmerin einer Protestkundgebung der Initiative "Querdenker" trägt auf dem Cannstatter Wasen ein Schild gegen Impfungen auf ihrem Rücken. | dpa
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Corona-Pandemie Impfskepsis als globale Gefahr

Stand: 03.11.2021 12:54 Uhr

In vielen Staaten gibt es mittlerweile genügend Impfstoff - doch fast überall sind die Impfquoten nicht hoch genug, um Covid-19 zu besiegen. Ein Grund: Impfskepsis. Die WHO warnt, diese sei eine globale Gefahr.

Von Patrick Gensing und Carla Reveland, tagesschau.de

Europa und die USA haben sich mit Impfstoff gegen Covid-19 eingedeckt - dennoch steigen die Infektionszahlen in vielen Staaten erneut stark an. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Viele Schutzmaßnahmen gelten nicht mehr, die Delta-Variante dominiert das Infektionsgeschehen - und der Impfschutz - vor allem bei den Älteren - lässt nach einer gewissen Zeit nach. Dazu sind in vielen Ländern die Impfquoten nicht hoch genug, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Positive Ausnahmen in Europa sind Portugal, Spanien, Italien und die nordischen Staaten, die hohe Impfquoten und moderate bis niedrige Infektionszahlen vorweisen können. Doch viele andere Länder hinken hinterher. In Deutschland sind derzeit zwei Drittel der Bevölkerung doppelt geimpft - damit liegt die Bundesrepublik knapp über dem EU-Durchschnitt.

Niedrige Impfquoten, viele Krankheitsfälle

In Osteuropa liegen die Quoten teilweise deutlich niedriger - und die Infektionszahlen deutlich höher. So weisen Rumänien und Russland sehr niedrige Impfquoten und viele Covid-19-Fälle auf. Mittlerweile werden beispielsweise Covid-19-Patienten von Rumänien zur Versorgung nach Deutschland gebracht, Russland beklagt täglich mehr als 1000 Todesfälle von Corona-Infizierten, den Kliniken gehen die Betten aus.

Anteil der vollständig geimpften Bevölkerung (Stand Ende Oktober)
Land Anteil
Portugal 87,2%
Spanien 79,8%
Dänemark 75,9%
Italien 71,4%
Finnland 69,7%
Norwegen 68,5%
Schweden 67,8%
UK 67%
Deutschland 66,1%
EU insgesamt 65,2%
Israel 65,2%
Schweiz 63,4%
Österreich 62,2%
Griechenland 61,2%
Estland 62,2%
USA 56,9%
Tschechien 56,8%
Europa insgesamt 54,9%
Lettland 54,2%
Slowenien 53,8%
Polen 52,8%
Serbien 43,5%
Asien (China meldet nur unregelmäßig) 42,5%
Rumänien 32,8%
Russland 32,6%
Bulgarien 21,9%
Afrika insgesamt 6%
Quelle: Our World in Data

WHO warnt vor Impfskepsis

Für die großen Unterschiede bei den Durchimpfungsraten gebe es diverse unterschiedliche Gründe, schreibt das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in einem Fachbericht, mit dem die Akzeptanz und Inanspruchnahme der Impfungen in der EU gefördert werden soll. Dazu zählen "die Dynamik der Impfstoffversorgung, die Art der Impfangebote seitens der Gesundheitssysteme sowie die Überzeugungen, Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen".

Diese Einstellungen umfassen Ablehnung und generelle Skepsis, was Impfstoffe betrifft. Die WHO führt diese Impfskepsis bereits seit 2019 unter den zehn größten Gefahren für die globale Gesundheit. Das Problem hat sich mit Ausbruch der Pandemie sowie der Entwicklung von Impfstoffen gegen Corona noch verschärft. So spricht die Weltgesundheitsorganisation von einer "Infodemie" rund um die Pandemie - und meint damit eine globale Welle von Desinformation und gezielten Falschmeldungen zu dem Virus selbst, aber auch zu den Impfstoffen.

Mehr als eine Milliarde Menschen lehnen Impfung ab

Die WHO definiert Impfskepsis als Widerwillen oder Verweigerung einer Impfung, obwohl der Impfstoff verfügbar ist. Das internationale Markt- und Meinungsforschungsinstitut Gallup kommt im Mai 2021 zu dem Ergebnis, dass sich weltweit 32 Prozent der Erwachsenen nicht gegen COVID-19 impfen lassen möchten. Das sind rund 1,3 Milliarden Menschen, welche die Impfung ablehnen.

Impfungen sind laut WHO die kosteneffektivste Methode zur Vermeidung von Krankheiten. Durch konsequentes Impfen gegen Infektionskrankheiten werden laut WHO zwei bis drei Millionen Todesfälle pro Jahr verhindert. Wenn sich die weltweite Verbreitung von Impfungen weiter verbessern würde, könnten weitere 1,5 Millionen Menschenleben gerettet werden.

So habe mangelnder Impfschutz laut den Vereinten Nationen zu einer starken Ausbreitung der Masern geführt. Bereits 2019 gab es weltweit so viele Masernfälle wie nie zuvor, 207.000 Menschen starben an der Erkrankung. Die meisten davon seien laut WHO Kinder unter fünf Jahren. In Deutschland, wo seit März 2020 das Masernschutzgesetz gilt, sind die Zahlen weiterhin rückläufig.

"So alt wie das Impfen selbst"

Neu ist die Angst vor Impfungen nicht. Der Medizinhistoriker Malte Thießen erklärte im faktenfinder-Podcast, die Skepsis vor dem Impfen sei so alt wie das Impfen selbst. Schon bei der Pockenimpfung sei die Sorge vor Genveränderungen durch den Impfstoff groß gewesen. "Mit jedem neuen Impfstoff, der kommt, sind erst einmal die Bedenken groß und das ist ja auch nachvollziehbar", sagte Thießen. Absurderweise würden die Sorgen vor Nebenwirkungen immer weiter zunehmen, obwohl die Impfungen im Laufe des 20. Jahrhunderts immer sicherer geworden seien.

Impfungen seien quasi ein Stück weit Opfer ihrer eigenen Erfolge, so Thießen. "Weil sie eben so gut wirken, gehen die Krankheiten zurück. Und dadurch vergessen wir letztlich die Bedrohung, gegen die wir uns impfen lassen." Für uns sei es so selbstverständlich, dass wir gegen einen Großteil der Infektionskrankheiten geimpft sind, dass wir Pandemien vergessen hätten. "Wir leben mittlerweile in einem immunisierten Zeitalter", sagt der Medizinhistoriker. Das könne ein Grund dafür sein, warum viele die Gefahr von Corona gerade zu Beginn unterschätzt hätten.

"Impfen ist immer politisch und deshalb ist Skepsis oder Impfgegnerschaft und Impfkritik eine Sache, die uns immer begleiten wird, weil Impfungen eben immer die Projektionsfläche für ganz andere Themen sind", meint der Historiker Thießen.

5C-Modell

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten schreibt in seinem Bericht, Probleme bei der Akteptanz von Impfungen könnten entstehen durch "mangelndes Vertrauen in den Staat, die Risikowahrnehmung bezogen auf die Krankheit, historische Ereignisse wie Angst vor Impfstoffen, die praktischen Hürden der Impfung, die Unsicherheit bezüglich der Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe und die politische Entscheidungsfindung im Bereich des Pandemiemanagements".

Die Fachleute setzen auf das sogenannte 5C-Modell, dessen Komponenten die Faktoren bei der Akzeptanz von Impfungen beschreiben sollen. Dies sind Confidence (Vertrauen), Constraints (praktische Barrieren), Complacency (Risikobewusstsein), Calculation (Ausmaß der Informationssuche) und Collective Responsibility (Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft).

"Dringende und unmittelbare Priorität"

In dem ECDC-Bericht warnen Fachleute, da Herbst und Winter kurz bevorstehen, sei die Gefahr hoher Fallzahlen und hoher Sterblichkeitsraten in ungeimpften Bevölkerungsgruppen "sehr real". Die Förderung der Akzeptanz und Inanspruchnahme der Impfung habe "daher dringende und unmittelbare Priorität".