#Hass | Bildquelle: dpa

Nach Attacke in Frankfurt Fake-Account schürt gezielt Hass

Stand: 31.07.2019 16:25 Uhr

Die Attacke von Frankfurt hat für Entsetzen gesorgt. In sozialen Medien facht ein Fake-Account den Hass gezielt an - ebenso wie ein Zitat, in dem Gesundheitsminister Spahn angeblich die Tat verharmlost.

Von Karolin Schwarz und Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Der tödliche Angriff in Frankfurt hat in den sozialen Medien heftige Debatten ausgelöst. Insbesondere ein Tweet von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sorgte für viel Zustimmung aber auch heftige Kritik. Weidel machte die "grenzenlose Willkommenskultur" für den Vorfall verantwortlich. Der mutmaßliche Angreifer lebt allerdings seit dem Jahr 2006 in der Schweiz, wie die Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main mitteilte.

Auch viele weitere Konten verbreiteten hasserfüllte Postings auf Facebook, Twitter und in Chatkanälen. Noch am Abend des Angriffs veröffentlicht eine "_Naschkatze88_" - angeblich eine junge Frau - mehrere Tweets, die sich auf den getöteten Achtjährigen und den mutmaßlichen Täter bezogen.

Screenshot | Bildquelle: Naschkatze88/twitter.com
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Tweet eines Fake-Kontos, das den Hass weiter anfachen soll. Das Foto wurde von einer jungen Frau gestohlen.

In den Tweets wird Verständnis für den Verdächtigen geäußert - und behauptet, er sei psychisch krank. Während die Ermittlungen nach derzeitigem Stand noch keine solche Aussage zulassen, heißt es auf dem Twitter-Profil: "Der Afrikaner hat noch sein Leben vor sich, mit ihm kann man arbeiten." Mehrere der Tweets zeigen Fotos einer jungen Frau, es soll sich dabei um "_Naschkatze88_" handeln. Damit soll Authentizität suggeriert werden.

Gestohlene Bilder

Tatsächlich handelt es sich bei "_Naschkatze88_" nicht um die junge Frau, die auf den Fotos zu sehen ist. Unbekannte kopierten die Bilder von den Twitter- und Instagram-Profilen einer anderen Person. Darauf wies die Nutzerin, deren Bilder verwendet worden waren, schon kurze Zeit später auf Twitter hin.

Dennoch machen die Bilder und Screenshots von den Tweets von "_Naschkatze88_" schnell die Runde im Netz, verschiedene Nutzer verbreiten sie in Blogs, auf Twitter, Facebook und in rechtsradikalen Kanälen im Chatprogramm Telegram - versehen mit Drohungen und Hass-Kommentaren. Unter anderem die AfD Nürnberg teilte einen Screenshot, es folgten allein hier Hunderte Kommentare, darunter viele mit Beleidigungen.

Drohungen auch gegen eine Unbeteiligte

Verschiedene Nutzer drohen "_Naschkatze88_" körperliche Gewalt an und versuchen, ihren Klarnamen und die Adresse herauszufinden. Die Suche löst falsche Verdächtigungen aus: Rechte Nutzer verbreiten das Facebook-Profil einer jungen Mutter, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der jungen Frau auf den Fotos hat und einen ähnlichen Nickname auf Facebook benutzt. Auch sie wird daraufhin in Kommentaren bedroht.

Unter den Tweets der falschen "_Naschkatze88_" finden sich ebenfalls Dutzende gewaltverherrlichende Kommentare, ihre Tweets werden von verschiedenen rechten Accounts verbreitet und als vermeintlicher Beleg für ein Desinteresse am Schicksal des in Frankfurt getöteten Achtjährigen genutzt. Die Stimmung heizt sich weiter auf.

Aktion erinnert an Fake-Zitate nach Köln

Das gefälschte Profil und die angeblichen Forderungen nach mehr Verständnis für Täter erinnern an Fake-Zitate, die Politikerinnen nach der Kölner Silvesternacht 2016 zugeschrieben wurden. Damals verbreitete unter anderem Erika Steinbach ein Fake-Zitat, das angeblich von Claudia Roth stammte. Zudem kursieren seit Jahren weitere gefälschte Zitate, die beispielsweise von Renate Künast stammen sollen.

False-Flag-Aktionen

Die gezielte Stimmungsmache mit erfundenen Zitaten bezieht sich oft auf die Themen Flüchtlinge oder Straftaten nichtdeutscher Täter. Vor allem Politiker der Grünen stehen dabei im Fokus. Es wurden sogar Profile von nicht-existenten grünen Politikern erschaffen, um ihnen erfundene Zitate in den Mund zu legen, die auf rechten Blogs dann immer wieder skandalisiert werden.

Solche Strategien werden als False-Flag-Aktionen bezeichnet - Rechtsradikale agieren unter falscher Flagge und geben sich als Linke oder Grüne aus.

Fake-Accounts im US-Wahlkampf

Auf falsche Social-Media-Konten zur Stimmungsmache setzte auch eine Trollfabrik in Sankt Petersburg im US-Wahlkampf 2016. Die Fake-Profile gaben sich als weiße Rechtsradikale oder schwarze Bürgerrechtler aus, um bestehende Konflikte anzuheizen.

Auch vor der Bundestagswahl 2017 wurden solche Profile eingesetzt, etwa von dem rechten Netzwerk "Reconquista Germanica", das die AfD unterstützte und politische Gegner attackierte.

Das Konto von "_Naschkatze88_" ist mittlerweile von Twitter gesperrt worden. Doch der Hass in den sozialen Medien wird weiter geschürt, insbesondere mit Themen, die viele Menschen emotional stark aufwühlen - wie das Verbrechen vom Frankfurter Hauptbahnhof.

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