Theaterstück über das Sondertribunal gegen Kriegsverbrechen | Bildquelle: WDR / Caroline Hoffmann

Zentralafrikanische Republik Lachen gegen Kriegsverbrechen

Stand: 28.07.2019 15:57 Uhr

Sohn mit durchtrennter Kehle, vergewaltigte Frau, verlorener Bruder: Das Publikum eines Theaterstücks in Zentralafrika hat Albträume durchlebt. Das humorvolle Stück zeigt ihnen einen Weg zu Gerechtigkeit.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Laute Musik dröhnt über den kleinen Marktplatz. Ein fetter Beat. Aus allen Ecken des Stadtviertels strömen die Kinder, barfuß, verstaubt und mit großen Augen. Boniface Watanga empfängt sie mit offenen Armen. Und legt mit seinen Kollegen gleich los mit dem Entertainment. Ein Tanzwettbewerb, ein Quiz - schnell sind bestimmt 150 Kinder da, quietschen, grooven, johlen. Es wird wohl ein lustiger Abend im Bezirk Sieben der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui.

Lustig ja, aber ernst zugleich, denn Watanga geht es eigentlich um Schreckliches: Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder gezielten Mord an Bevölkerungsgruppen. "Kommen die Kinder, dann kommen ihre Eltern hinterher", sagt Watanga. Das habe er gelernt. Denn Plakate aufstellen, Einladungen verteilen - so etwas klappt nicht in einem der ärmsten Länder der Welt, in dem niemand wirklich weiß, was morgen ist.

Stattdessen funktioniert das Anlocken durch die Kinder hervorragend - auch heute. Bald sitzen die Erwachsenen des Viertels erwartungsfroh in den bunten Plastikstühlen. "Wir sind hier, um die Zentralafrikaner zu informieren", sagt Watanga und verteilt Info-Flyer. "Vor allem die Opfer von Kriegsverbrechen, die bei den Krisen seit 2003 in unserem Land passiert sind. Es gibt jetzt einen neuen Sonderstrafgerichtshof."

Zentralafrikanische Republik: Theaterstück will mit Humor zur Verarbeitung von Kriegsverbrechen beitragen
tagesthemen 23:40 Uhr, 28.07.2019, Caroline Hoffmann, ARD Nairobi

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Sondertribunal für Aufklärung von Kriegsverbrechen

Der jüngste Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik begann vor sechs Jahren. Rund 100.000 christliche und muslimische Rebellen bedrohen seitdem den Frieden. Es geht um Religion, Land, Macht und Rohstoffe. Im Frühjahr wurde ein Friedensvertrag geschlossen, doch der ist brüchig. Der Konflikt schwelt weiter im Land. Ein neues Sondertribunal - unterstützt von der Regierung, den UN, dem Internationalen Strafgerichtshof und beispielsweise der Europäischen Union - soll jetzt helfen, die Kriegsverbrechen im Land selbst aufzuklären, mit internationalen und zentralafrikanischen Juristen. Seit Oktober vergangenen Jahres ist es im Amt.

Doch wie kann man Menschen, die auch Tür an Tür mit ihren Peinigern leben, dazu bringen, diese anzuzeigen? Watanga und seine Kollegen sind Schauspieler - und auf Werbetour durchs Land für das Gericht.

Damit jeder von seiner Existenz erfahre und erkenne, wie wichtig es sei, Gerechtigkeit zu bekommen. "Das Theater ist ein wichtiges Mittel, eine sehr dynamische Art der Kommunikation, um die Menschen in unserem Land zu sensibilisieren", sagt er.

Theaterstück in Bangui | Bildquelle: WDR / Caroline Hoffmann
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Theaterstück in Bangui: Schwere Kost, leicht verdaulich.

Unterhaltung gegen das Leid

Die Aufführung geht los. Watanga zieht sich schnell eine alte Mütze und ein Hemd an, dann ist er dran. Er hat das Theaterstück selbst geschrieben. Vor seinem Auftritt erzählt eine Frau im Stück von ihrer Tochter, zeigt ein Foto. Sie wurde umgebracht. Lautstark und schrill klagt die Frau den Zuschauern ihr Leid. So schrill, dass dann doch alle lachen müssen. Denn lustig müsse es schon sein, findet Watanga. Komisch. Kabarett. Schwere Kost, leicht verdaulich. Sonst wolle ja keiner zuhören und an das eigene Schicksal erinnert werden.

Seine Szene spielt in der Kneipe. "Wer etwas Neues hören will in unserem Land, der kann das in den Bars und in den Nachtlokalen. Hier werden die wichtigen Informationen weitergegeben", erklärt der Schauspieler, wie es in der Republik funktioniert. Dort gibt es oft auch Radios. "Deshalb habe ich mich entschieden, das im Theaterstück auch so zu inszenieren." Und so torkelt er als Betrunkener über den Platz, diskutiert mit den anderen Bar-Besuchern in seiner Szene lautstark und grölend, wie denn wohl so ein Gericht funktionieren kann. Die Zuschauer amüsieren sich prächtig über die Saufkumpane. Lachen gegen Kriegsverbrechen.

Zuschauer eines Theaterstück über das Sondertribunal gegen Kriegsverbrechen | Bildquelle: WDR / Caroline Hoffmann
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Zuschauer eines Theaterstück über das Sondertribunal gegen Kriegsverbrechen.

Sohn tot, selbst vergewaltigt worden

Der Konflikt im Land hat viele Opfer gefordert. Dörfer wurden niedergebrannt, viele Bewohner vertrieben. Mehr als eine Million Menschen sind laut UNICEF auf der Flucht. Die Hälfte der Bevölkerung hat keinen geregelten Zugang zu Nahrungsmitteln.

Wir treffen eine Frau, die bereit ist, ausführlicher über ihr Schicksal zu sprechen. Ihren Namen dürfen wir nicht nennen, sie möchte nicht erkannt werden. "Meinem Sohn wurde die Kehle von einer bewaffneten Gruppe durchgeschnitten", sagt sie. Später sei sie vergewaltigt worden. Sie überlegt noch, ob sie vor Gericht gehen soll. Jetzt bekommt sie erst einmal über einen Juristinnen-Verband psychologische Hilfe. In diesem Land nur eine traurige Geschichte von vielen.

Finanzierung noch nicht gesichert

Nach dem Theaterstück können die Menschen im Stadtviertel Fragen stellen. Wie kann ich jemanden anklagen? Wo werden Beweise gesammelt? Denn auch ihnen ist viel Leid widerfahren. Carole Yaonomos jüngerer Bruder wurde getötet und sie geschlagen. "Wir sind froh über das Sondertribunal, wir haben sehr gelitten", sagt sie. "Aber werden wir die nötige Unterstützung bekommen?" Sie hofft, dass das Gericht wirklich helfen kann.

Längst sind noch nicht alle Fragen geklärt. Für fünf Jahre soll das Sondertribunal erstmal eingesetzt werden, doch die Finanzierung für 2019 steht noch nicht vollends. Das juristische System in der Republik sei extrem fragil, schreibt Human Rights Watch in einem Report, es fehlten Ressourcen. Kein Wunder in einem Land, in dem der Konflikt immer noch präsent und Gewalt an der Tagesordnung ist.

Zentralafrikanische Republik

1960 wird die Zentralafrikanische Republik im Herzen des afrikanischen Kontinents unabhängig. Seitdem versinkt sie immer wieder in Gewalt. Seit 2003 gibt es verstärkte Aufstände. Vor sechs Jahre versinkt das Land nach dem Sturz des Präsidenten Francois Bozizé in einem blutigen Konflikt. Unzählige Rebellengruppen, unter anderem die christliche Anti-Balaka und die muslimisch-geprägten Seleka liefern sich Gefechte. Seit 2014 ist die UN mit der Operation MINUSCA im Land, derzeit mit etwa 12.000 Soldaten. Trotz mehrerer Versuche, Frieden zu schließen, kommt die Republik kaum zur Ruhe. Die Regierung hat im Moment nur die Kontrolle über rund 20 Prozent des Territoriums. Im Frühjahr ist ein Friedensvertrag zwischen Regierung und 14 Rebellengruppen geschlossen worden. Doch er ist brüchig. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt.

Straflosigkeit für bestimmte Gruppen?

Und eine Frage beschäftigt die Menschen im Land besonders: Was ist mit denjenigen, die seit dem Friedensvertrag mit oder für die Regierung arbeiten? Wird es Straflosigkeit und eine Amnestie geben? "Es existiert keinerlei Amnestie", sagt Nelly Mandengue, Sprecherin des Sondertribunals. "Das Gericht hat das Mandat, über jeden ein Urteil zu sprechen - ohne Ausnahme."

Im Bezirk Sieben von Bangui endet die Veranstaltung. Es wird dunkel, und der Stromgenerator läuft schon lange. Ein Drehteam ist da, interviewt noch schnell die Zuschauer, denn das Theaterstück soll bald als Film durch die Republik ziehen. Watanga ist zufrieden, dass er und seine Kollegen heute wieder viele Menschen erreicht haben. Er glaubt an den neuen Sonderstrafgerichtshof. "Ich finde das sehr wichtig. Ohne Gerechtigkeit gibt es keine Sicherheit. Und wir können nicht in Harmonie und sozialem Frieden zusammen leben." Und das wünschen sich viele Menschen im Land.

Theaterstück über das Sondertribunal gegen Kriegsverbrechen | Bildquelle: WDR / Caroline Hoffmann
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Theaterstück über das Sondertribunal gegen Kriegsverbrechen: Watanga ist zufrieden, dass er und seine Kollegen heute wieder viele Menschen erreicht haben.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 28. Juli 2019 um 23:40 Uhr.

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