Porträt-Zeichnung von Dschochar Zarnajew vom Dezember 2014

Prozess um Boston-Attentat Ein rätselhafter Angeklagter

Stand: 05.01.2015 14:08 Uhr

Wenn Dschochar Zarnajew wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an dem Attentat von Boston vor Gericht steht, muss er mit einer drakonischen Strafe rechnen. Doch bis heute ist ungeklärt, wie und wieso er sich zum Islamisten wandelte.

Von Jan Bösche, ARD-Hörfunkstudio Washington

Die einen halten ihn für einen überzeugten Islamisten, die anderen für einen haltsuchenden Studenten, verleitet von seinem Bruder. Leute, die Dschochar Zarnajew kennen, versuchen, sich einen Reim zu machen: wie der Mensch, den sie erlebt haben, zu dem mutmaßlichen Attentäter passt.

Peter Payack war der Wrestling-Trainer von Zarnajew. Er hatte sich intensiv um ihn gekümmert - und war erschüttert, als er nach dem Anschlag erfuhr, dass Dschochar einer der Täter gewesen sein soll. Payack erzählte der BBC, das passe nicht zu dem Jungen, den er gekannt hat. "Er war so respektiert, dass er zum Team-Kapitän erkannt wurde."

Boston Marathon Explosion
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Die Bombe explodierte zu einem Zeitpunkt, als Freizeitläufer ins Ziel kamen.

Schnelle Integration nach Startschwierigkeiten

Zarnajew stammt aus einer tschetschenischen Familie. Er war 2002 in die USA gekommen, als seine Eltern hier Asyl suchten. Der Achtjährige sprach zunächst kein Englisch, schaffte es dann aber schneller als seine Familienmitglieder, sich an das Leben in den USA zu gewöhnen. Schließlich wurde er US-Staatsbürger.

Er fand Freunde, war beliebt bei seinen Mitschülern, feierte und lernte, wenn es darauf ankam. So formuliert es Marc Fisher von der Washington Post, der das Leben der Familie recherchiert hat: "Er war ein Witzbold, er ging auf viele Partys, er war ein fauler Schüler, seine Eltern ermahnten ihn oft, aber er widersetzte sich."

Einer wie viele

Dschochar schaffte die Schule, wechselte auf eine Universität in Massachusetts. Zuerst studierte er Ingenieurwesen, später Biologie. Dort soll es durchaus Probleme gegeben haben - Zarnajew schaffte Kurse nicht, gleichzeitig wuchs der Berg der Bildungsschulden. Kommilitonen beschreiben ihn trotzdem als relaxed, er rauchte wie viele Marihuana. Religion und seine islamischer Glauben sollen kaum eine Rolle gespielt haben.

Freunde erzählten dem Journalisten Fisher, buchstäblich wenige Wochen vor den Anschlägen habe es überraschende Gespräche gegeben. "Darin habe er sich bestürzt geäußert über den normalen Weg zum Erfolg. Alle würden betrügen, das einzige, was zähle, seien Religion und Gott und darum würde er sich um seine Kurse nicht mehr kümmern."

Die Familie wendet sich von den USA ab

Alle Versuche, diesen augenscheinlichen Sinneswandel zu erklären, landen bei der Familie. Die Eltern waren mit großen Hoffnungen in die USA gekommen, allerdings schafften sie nie den wirtschaftlichen Durchbruch. Der Vater ging schließlich zurück in den Kaukasus, die Mutter Zubeidat folgte später. Nachdem die Eltern zurückgekehrt waren, war Dschochar Zarnajew auf sich alleine gestellt - zusammen mit seinem älteren Bruder Tamerlan.

Auch Tamerlan hatte seine Probleme mit dem Leben in den USA. Eine Karriere als Boxer war nicht erfolgreich gewesen. Er suchte Antworten im Glauben, radikalisierte sich, und verlangte schließlich auch von seinem jüngeren Bruder, das Leben eines strengen Muslimen zu führen.

Die beiden Verdächtigen kurz vor dem Bombenanschlag von Boston.
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Eine Kamera filmte die beiden Zarnajew-Brüder kurz vor der Explosion.

Wann begann die Radikalisierung?

Wie groß der Einfluss des Bruders war, oder ob Dschochar schon länger insgeheim mit extremistischen Ideen sympathisierte, das ist eine der Fragen, die der Prozess klären muss. Wichtiger Beweis der Anklage: Als Dschochar sich kurz vor seiner Festnahme in einem Boot versteckte, ritzte er radikale Sprüche in das Boot: Die US-Regierung töte ihre unschuldige Zivilisten, oder: Die Muslime seien ein Körper, wer einen verletzte, verletze alle.

Die Verteidiger wollen sich über ihre Strategie noch nicht äußern, aber Beobachter gehen davon aus, dass sie die Hauptschuld auf den Bruder schieben werden, der bei einer Schießerei nach dem Anschlag ums Leben kam. Damit könnten sie versuchen, zumindest die Todesstrafe zu vermeiden.

Den Eltern und vielen Unterstützern ist das nicht genug. Sie glauben an die Unschuld Dschochars und fordern einen Freispruch.

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