Eine leere Straße in Wuhan | Bildquelle: REUTERS

Coronavirus in Wuhan Tagebuch aus einer abgeriegelten Stadt

Stand: 02.06.2020 07:47 Uhr

Ende Januar: Die zentralchinesische Stadt Wuhan wird abgeriegelt - ein bisher unbekanntes Virus ist ausgebrochen. Die Autorin Fang Fang hält alles in einem Online-Tagebuch fest - auch gegen den Willen der Behörden.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Am 25. Januar 2020 beginnt Fang Fang mit ihrem Online-Tagebuch. Es ist der Tag, an dem die chinesischen Behörden ihre Heimatstadt Wuhan abriegeln: "Alle sollen erfahren, was sich in Wuhan gerade tatsächlich abspielt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dieser Eintrag durchgeht."

Fangs Skepsis ist berechtigt. Chinas Staats- und Parteiführung kontrolliert nicht nur die Inhalte der klassischen Medien seit Jahren vollständig, auch online zensieren die Behörden konsequent vermeintlich kritische Texte. Und so passiert genau das, was die Autorin vermutet: Ihre Blog-Einträge verschwinden zunächst, kurz nachdem sie sie online gestellt hat. Trotzdem verbreiten sich die Texte der 65-Jährigen landesweit, denn sie werden so schnell kopiert und neuveröffentlicht, dass die staatliche Zensur nicht überall hinterherkommt.

Probleme des chinesischen Systems

"26. Januar. Die Achtlosigkeit und Untätigkeit der Wuhaner Behörden in der Frühphase der Epidemie und die Hilflosigkeit und Unfähigkeit der Funktionäre vor und nach der Verhängung der Abriegelung haben eine gewaltige Panik ausgelöst und allen Wuhanern Schaden zugefügt."

Mit Beschreibungen wie diesen zeigt Fang die systemischen Probleme Chinas auf, die zu Beginn der Coronavirus-Krise besonders drastische Folgen hatten. Nach fast 71 Jahren kommunistischer Herrschaft sind Eigeninitiative und Mitdenken in China oft nicht vorhanden - und auch nicht erwünscht. Man verlässt sich stattdessen auf Ansagen von höherer Stelle. "Beamte halten sich an schriftliche Anweisungen; sobald die ausbleiben, wissen sie nicht, was sie tun sollen", schreibt Fang.

Differenzierte Darstellung der Lage

Trotz deutlicher Kritik an den Behörden: Fangs Tagebucheinträge folgen keinem simplen Schwarz-Weiß-Muster. Stattdessen beschreibt sie die Lage in Wuhan stets differenziert, sie bemüht sich um Fairness. Als Dissidentin oder Aktivistin gegen die Staatsführung sieht sich Fang ausdrücklich nicht. So zeigt sie in ihrem Tagebuch nicht nur Missstände auf, sondern lobt die chinesischen Behörden auch, wenn es angebracht ist.

"21. Februar. Seit der Ankunft eines neuen Leiters der Provinzregierung unterscheidet sich die Epidemiebekämpfung deutlich von der vorherigen Schlamperei. Couragiertes Handeln hat eine Umkehr bewirkt."

Insgesamt riegeln die Behörden Wuhan und Umgebung fast 80 Tage lang ab. Währenddessen sammelt Fang systematisch Informationen und schreibt sie auf. Ihre Quellen sind befreundete Medizinerinnen, Behördenmitarbeiter, eigene Beobachtungen und Internet-Postings: "26. Februar. Woher kommen die ganzen Neuinfektionen? Eine befreundete Ärztin ist der Meinung, dass es viele tote Winkel gibt. In Gefängnissen oder Pflegeheimen komme es gehäuft zu Ansteckungen."

Fang Fang erreicht Millionen

Als die Coronavirus-Epidemie in China im Frühjahr ihren Höhepunkt erreicht, lesen Millionen Menschen Fangs Online-Tagebuch aus Wuhan. Es macht die Autorin landesweit berühmt - und zur Zielscheibe nationalistischer Chinesinnen und Chinesen. Ebenfalls online ergießen sich wütende und oft beleidigende Kommentare und es ist ganz offensichtlich, dass staatliche Stellen diese Hetz-Kampagne zumindest dulden, wenn nicht sogar unterstützen.

"Fang Fangs Tagebuch besteht aus aufgeschnappten Geschichten und Informationen aus zweiter Hand," kritisiert zum Beispiel ein Video-Blogger. "Die Texte sind sehr düster, nicht positiv. Das hat keinen Wert. Es kann von Ausländern genutzt werden, um China anzugreifen."

Veröffentlichung nur im Ausland

Teilweise ist die Kritik an Fangs Tagebuch sogar noch deutlich aggressiver, unsachlicher und beleidigender. Die Autorin wird als ausländische Agentin gebrandmarkt und bekommt Morddrohungen. Trotzdem hat sich Fang entschlossen, ihre Beobachtungen als Buch zu veröffentlichen. In China selbst wird es in absehbarer Zeit nicht erscheinen: Längst sind in der Volksrepublik alle Verlage auf Linie der Staats- und Parteiführung. Kritische Texte werden nicht mehr veröffentlicht - so auch Fangs.

"China trägt Verantwortung für die Zögerlichkeit und Verschleppung in der Anfangsphase und der Westen für die Weigerung, Chinas Erfahrungen bei der Eindämmung der Epidemie Vertrauen zu schenken."

Leider lesen sich Fangs Beschreibungen in der deutschen Übersetzung etwas mühsam. Das liegt am Nominalstil, der bei der Übersetzung ins Deutsche in diesem Fall häufig herausgekommen ist. Der wirkt leider nicht immer besonders elegant, sondern hölzern und statisch. Trotzdem ist Fangs Tagebuch lesenswert: Ihre Beobachtungen aus Wuhan sind detailreich, nachdenklich, einfühlsam und vor allem ganz nah dran.

Die Chronik des Corona-Ausbruchs in China: Fang Fangs Wuhan-Tagebuch
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
02.06.2020 06:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Juni 2020 um 13:26 Uhr.

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