Rute Zuñiga (rechts) und Mitstreiterinnen | ARD-Studio, Rio
Reportage

Weltspiegel Perus Frauen brechen ihr Schweigen

Stand: 17.02.2019 01:59 Uhr

Hunderttausende indigene Frauen wurden in den 1990er-Jahren in Peru zwangssterilisiert. Die Begründung: Armutsbekämpfung. Bis heute warten sie auf Entschädigung.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro, zzt. Cusco

Die Krankenschwestern kamen in Begleitung von Polizisten und schlugen die Tür von Rute Zuñigas Lehmhütte auf. Kurz darauf saß die Quechua-Frau aus einem Andental bei Cusco im örtlichen Gesundheitszentrum. Im Behandlungszimmer erklärten ihr die Ärzte, dass Zuñiga jetzt zwangssterilisiert werde - während ringsherum miserable hygienische Bedingungen herrschten.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro
Blick auf die peruanische Andenhauptstadt Cusco | ARD-Studio, Rio

In der Region der peruanischen Andenhauptstadt Lima wurden viele Frauen zwangssterilisiert. Bis heute gibt es weder Aufklärung noch Entschädigung. Bild: ARD-Studio, Rio

Hände und Beine festgebunden

Als sich die damals 28-Jährige wehrte, band man ihr Hände und Beine fest, bevor die Operation losging. Weil die Betäubung offenbar nicht stark genug war, spürte Zuñiga, wie am Ende ihre Wunde zusammengenäht wurde.

All das passierte am 10. Februar 1999 - ein Datum, welches Zuñiga nie mehr vergessen wird. Die Bäuerin hatte bereits vier Kinder und ihr Mann gibt ehrlich zu, dass er heute froh ist, dass die arme Familie durch den Zwangseingriff nicht noch kinderreicher wurde. Doch für Zuñiga ist das Leben seitdem nicht mehr dasselbe.

Starke Schmerzen

Jeden zweiten Tag plagen sie Schmerzen in der Hüfte, dem Rücken und in den Knien. Außerdem kamen Folgeerkrankungen hinzu. Erst entzündete sich Zuñigas Narbe. Danach folgten viele weitere Operationen im Unterleib. Am schmerzhaftesten ist, dass Zuñiga nicht mehr wie gewohnt auf dem Feld arbeiten kann. Vor der Sterilisierung war sie es gewohnt, Seite an Seite mit ihrem Mann, die Äcker an den steilen Andenhängen zu bewirtschaften.

Die Politik der Zwangssterilisierungen geht zurück auf die Initiative Alberto Fujimoris, des autokratischen Ex-Präsidenten Perus in den 1990er-Jahren. Insgesamt waren es bis zu 300.000 Frauen und 30.000 Männer, die so behandelt wurden. Offiziell als Maßnahme zur Armutsbekämpfung deklariert, richtete sie sich vor allem gegen die ohnehin benachteiligte Minderheit der Indigenen Perus.

Das Krankenhaus “Antonio Lorena” in Cusco | ARD-Studio, Rio

Im Krankenhaus "Antonio Lorena" in Cusco wurden Indigene zwangssterilisiert. Bild: ARD-Studio, Rio

Kampf um Entschädigung

Und obwohl es sich dabei um massive Menschenrechtsvergehen handelte, fehlt Frauen wie Zuñiga bis heute jede Anerkennung oder Entschädigung von Seiten des Staates. Deshalb haben sich die Opfer - nach Jahren des Schweigens - zusammengetan und ihre Erlebnisse niedergeschrieben. Gestützt auf diese Zeugnisse bereitet ein Anwalt derzeit eine Klage gegen Fujimori vor.

Unerträglich finden viele Opfer, dass Ärzte, die damals die Zwangssterilisierungen vornahmen, noch heute praktizieren dürfen. In Rutes Fall war dies der Mediziner Washington Ortíz aus der Provinz Anta.

Keine Lobby

Recherchen des Weltspiegel haben ergeben, dass Ortíz bis heute im selben öffentlichen Gesundheitszentrum behandeln darf, in dem er vor 20 Jahren die menschenrechtswidrige Operation durchführte. Eine Interviewanfrage blieb unbeantwortet, und auf schriftliche Fragen hat die Gesundheitsbehörde bislang nicht geantwortet.

Zuñiga hat sich geschworen, solange weiter zu kämpfen, bis Opfer wie sie offiziell anerkannt werden. Keine einfache Aufgabe, denn sie haben keinerlei Lobby und leben in bitterer Armut und den entlegensten Gebieten der Anden.

Dazu kommt: Zwangssterilisierungen sind noch immer ein Tabuthema im traditionellen Andenhochland. Doch die Frauen erfahren auch Unterstützung, so wie bei der Verleihung des peruanischen Menschenrechtspreises an ihren Opfer-Dachverband im Jahr 2015. Das gebe ihr eben so viel Kraft, sagt Zuñiga, wie die Zeit, die sie mit ihrem dreijährigen Enkel verbringt. "Ohne ihn würde ich das nicht durchstehen."

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 17. Februar 2019 um 19:20 Uhr.