Fußgängerzone in Vilnius | Bildquelle: picture-alliance / Bildagentur H

Weltspiegel aus dem Baltikum Die Menschen misstrauen Russland

Stand: 24.09.2016 14:34 Uhr

Seit der Ukraine-Krise hat sich die Stimmung in den baltischen Ländern verändert. Die Menschen misstrauen Russland. Das ARD-Team des Studios Stockholm wollte genau wissen, was sich im Baltikum abspielt und erkundete dies für die Sendung Weltspiegel.

Von Claudia Buckenmaier, NDR

Europas längster Sandstrand, 98 Kilometer lang, ein schmaler Streifen zwischen Ostsee und Haff - die Kurische Nehrung. Es ist ein strahlender Herbsttag, als wir auf der Großen Düne mit den Dreharbeiten beginnen. Wir, das sind die Kollegen aus dem ARD-Studio Stockholm. Wir produzieren eine Sonderausgabe des Weltspiegels über das Baltikum.

Ein Grenzsoldat begleitet uns, denn hier ist militärisches Sperrgebiet. An diesem Flecken endet das Europa der EU und der NATO. Hinter gelben Warnschildern beginnt Russland. "Früher haben die Grenzposten hin und wieder mal eine Zigarette miteinander geraucht," erzählt der Soldat, aber jetzt beschränke sich alles auf die offiziellen Kanäle. Es sei zu riskant. Ein kleiner Funke, ein Missverständnis, ein falscher Ton - die Folgen seien nicht absehbar.

Estland: Sperrgebiet Kurische Nehrung | Bildquelle: NDR
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Sperrgebiet Kurische Nehrung

Misstrauen gegenüber Russland

Seit der Ukraine-Krise geht im Baltikum die Angst um. Die Menschen misstrauen Russland. Das hat viel mit Geschichte und aktueller Politik zu tun, aber auch mit Gefühlen. Was sich derzeit im Baltikum abspielt, das wollen wir auf der Reise von Kaliningrad nach Tallin erkunden. Litauen, Lettland und Estland haben sich nach der Unabhängigkeit unterschiedlich entwickelt. Es sind drei Länder, drei Sprachen, drei Mentalitäten, aber ihre Politiker ziehen an einem Strang, wenn es um das klare Bekenntnis zu EU und NATO und die deutliche Abgrenzung von Russland geht.

Das stellt vor allem Estland und Lettland vor große Herausforderungen, denn in beiden Ländern gibt es eine große russischsprachige Minderheit - für manche der Feind im eigenen Land. In Lettland entzündet sich der Konflikt zwischen lettisch- und russischsprachigen Einwohnern derzeit an der Sprache, denn das Land will ab 2018 Lettisch als alleinige Sprache in Schulen einführen. Bisher konnten Familien ihre Kinder auch auf russischsprachige Schulen schicken. Und ohne Sprachprüfung bekommen auch die Russen, die im Land geboren sind, keine lettische Staatsbürgerschaft.

Vor allem für die Älteren ist das ein Problem. "Wenn ich die Prüfung ablegen würde, dann würde ich doch zugeben, dass meine Eltern als Eindringlinge hierherkamen", beschwert sich ein russischer Karikaturist, der als kleines Kind nach Estland kam. Enttäuschungen auf beiden Seiten erschweren das Miteinander.

Zulauf bei Bürgerwehren

Wie sehr die Unruhe unter den Menschen im Baltikum zunimmt, zeigt sich auch daran, welch großen Zulauf Bürgerwehren in allen drei Ländern haben. In Estland ist dieser am stärksten. "Estland ist ein kleines Land. Unser Wunsch, unabhängig zu bleiben, das motiviert mich", erklärt die 25-jährige Marianne, die in ihrer Freizeit lieber in Flecktarn und mit Gewehr durch den Wald robbt, als feiern zu gehen - alles aus Pflichtgefühl fürs Vaterland.

Die Esten sind froh, dass die NATO die Luftraumüberwachung über den baltischen Staaten und der Ostsee übernommen hat. Derzeit macht das die Bundeswehr gemeinsam mit den Franzosen. Vorfälle mit russischen Flugzeugen sind an der Tagesordnung. Meist fliegen sie ohne Signalkennung. Skepsis und Misstrauen sind in der Geschichte begründet.

Ehemalige KGB-Zentrale als Mahnmal

Weltspiegel-Moderator Andreas Cichowicz besucht gemeinsam mit dem Regisseur Gints Grube die ehemalige KGB-Zentrale in Riga. Grube hat den Ort des Schreckens zugänglich gemacht. Eine Ausstellung dort dokumentiert das Grauen; die Angst der ehemaligen Inhaftierten ist noch heute spürbar. Alles ist so belassen, wie es in den langen Jahren unter sowjetischer Besatzung war. Grube plädiert für eine intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Der Oberbürgermeister von Riga dagegen, Nils Usakovs, der erste ethnische Russe auf diesem wichtigen Posten, will nach vorn schauen. Vorwürfe, er sei ein russischer Spion, weist er zurück. Er sei von den Sicherheitsdiensten ausreichend überprüft worden. Aber er sucht den Kontakt zu Russland. Schließlich sei es seine Aufgabe, gute Bedingungen für die Rigaer Unternehmen zu schaffen. Die Situation im Baltikum sei nicht einfach derzeit, sagt er. Das sei überall zu spüren.

Aus alten Denkmustern lösen

Die besondere geografische Lage, die Last der Geschichte, aber auch die russische Politik lassen eine Rückkehr zu einem entspannteren Umgang miteinander gerade kaum möglich erscheinen. Das bestätigt auch die ARD-Korrespondentin in Russland, Birgit Virnich, die für den Weltspiegel in Kaliningrad unterwegs war. Das Misstrauen, das die Balten gegenüber den Russen empfinden, empfinden auch die in Kaliningrad lebenden Russen gegenüber dem Westen.

Eine ausweglose Situation? Nicht für alle. Es gibt junge Leute, die sich aus diesen alten Denkmustern lösen wollen. Sie alle kommen im Weltspiegel zu Wort: Alexander aus Kaliningrad, der sich wünscht, dass seine russischen Landsleute weniger aggressiv auftreten; Ott in Tallinn, der seine Heimat Estland für ihre Abschottung gegen Fremdes kritisiert; die russischstämmige Beata in Riga, die ihren Frieden mit dem geforderten Sprachtest gemacht hat.

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