Ein Mädchen steht auf einem Müllberg über Kibera, einem Armenviertel von Nairobi. | REUTERS

Unterernährung in Kenia "Corona hat uns den Hunger gebracht"

Stand: 07.07.2020 09:26 Uhr

Welche Auswirkungen hat Corona auf Afrika? Diese Frage ist Teil des neuen Jahresberichts der Welthungerhilfe. Das Beispiel Kenia zeigt: Nicht nur die Pandemie hat vielen die Lebensgrundlage geraubt.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Kangemi ist ein Armenviertel in Kenias Hauptstadt Nairobi. Die Menschen, die hier leben, halten sich eigentlich mit kleinen Jobs über Wasser. Sie sind Motorradtaxifahrer, Putzhilfe oder verkaufen Snacks am Straßenrand. Das Geld reicht, um die Kinder zu ernähren - zumindest in normalen Zeiten. Doch seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist alles anders.

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi

"Ich habe meine Arbeit verloren", erzählt ein früherer Wachmann. "Ich überlebe mit dem, was mir Freunde geben. Corona hat uns den Hunger gebracht." Das spürt auch Aisha Sharif. "Wir haben viel weniger Geld", sagt sie. "Du kannst nicht mehr so viel wie früher für deine Kinder ausgeben."

Nur noch eine Mahlzeit am Tag

Bei vielen gibt es inzwischen nur noch eine Mahlzeit am Tag. Weil die Schulen geschlossen sind, fällt für die Kinder auch das Mittagessen weg, das sie sonst dort bekamen. Die Welthungerhilfe befürchtet, dass vielen Menschen in Kenia Unterernährung droht.

Das sei überraschend, sagt der Landesdirektor der Organisation, Kelvin Shingles. Eigentlich werde Kenia als Land mit niedrigem bis mittlerem Einkommen eingestuft. "Aber jetzt hören wir von vielen Menschen Aussagen wie: 'Wir werden wahrscheinlich nicht an den Folgen einer Corona-Infektion sterben, aber es könnte sein, dass wir verhungern.'" Viele in den Armensiedlungen lebten von der Hand in den Mund.

Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Kenia sind im sogenannten informellen Sektor beschäftigt - das heißt, sie werden nur dann bezahlt, wenn sie tatsächlich arbeiten. Die meisten dieser Jobs sind jetzt weggefallen. Kaum jemand hat Rücklagen. Ähnlich sind die Probleme in den Nachbarländern. Die Vereinten Nationen schätzen, dass es in den kommenden Monaten 13 Millionen Hungernde in Ostafrika geben könnte.

Verzweifelter Kampf gegen Heuschrecken

Außer der Corona-Pandemie ist auch die Heuschreckenplage dafür verantwortlich. Seit Ende vergangenen Jahres schon fallen die Insekten über die gesamte Region her. Der Kampf gegen sie mit Pestiziden bringt meist nur kurzfristige Erfolge. "Leider bilden sich immer neue Schwärme", sagt Shingles. "Sie sind eine große Bedrohung für die Ernten und das Weideland."

Ein Schwarm besteht aus Millionen von Heuschrecken. An einem Tag vernichten sie Tonnen von Lebensmitteln. In Kenia ist im Moment vor allem der Norden des Landes betroffen. Eine Gruppe von Männern in der Turkana-Region erzählt von der Zerstörung: "Diese Insekten sind über die Bäume hergefallen und haben sie kahl gefressen. Sie haben auch das ganze Gras für die Ziegen vertilgt."

Heuschrecken ruhen auf einem Baum. | dpa

Die Länder Ostfrikas kämpfen mit einer der schlimmsten Heuschreckenplagen seit 70 Jahren. Bild: dpa

Auch auf den Feldern lassen die Heuschrecken nichts mehr stehen. Die Farmer sind verzweifelt. "Sie haben unseren Mais gefressen und die Papaya-Bäume zerstört", erzählt Christopher Lotit. "Das Einzige, was uns bleibt, ist Lärm zu machen - denn Lärm mögen sie nicht."

Das Schlagen auf Blechbüchsen wirkt ein bisschen wie Singen im Walde - es hilft nur zur eigenen Beruhigung. Die Heuschrecken lassen sich so nicht dauerhaft vertreiben und fressen alles weg, was eigentlich für die Menschen und ihr Vieh sein sollte.

Dieser Beitrag lief am 07. Juli 2020 um 08:21 Uhr bei B5 Aktuell.