Eine Pontonbrücke soll das Abwasser in zwei Rohren über statt in die Weichsel leiten, bis Warschaus Abwassersystem repariert ist. | Bildquelle: MARCIN OBARA/EPA-EFE/REX

Regierung baut Pontonbrücke Warschaus Kloake wird zum Politikum

Stand: 07.09.2019 02:56 Uhr

Seit Tagen strömt Abwasser in die Weichsel, weil ein Teil des Warschauer Abwassersystems defekt ist. Die polnische Regierung nutzt den überschaubaren Schaden, um sich als Umweltretter zu inszenieren.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Folgt man der Darstellung von Politikern der regierenden PiS-Partei und staatlicher Medien, dann erlebt Polen gerade eine der größten Umweltkatastrophen aller Zeiten. "Das erinnert mich an die Katastrophe von Tschernobyl", sagt Marek Suski, Kanzleichef bei Premierminister Mateusz Morawiecki. "Man hat alles verborgen, so lang man konnte."

Mit "man" ist hier die von der liberalen Opposition regierte Hauptstadt Warschau gemeint. Bürgermeister Rafal Trzaskowski gehört der "Bürgerplattform" (PO) an, größter Herausforderer der PiS-Partei bei den Parlamentswahlen im nächsten Monat. "Das alles zeigt die Unverantwortlichkeit der PO, so regieren sie Warschau", wirft Suski der Partei vor.

Warschaus Abwasserkonzept sah lange so aus

Tatsächlich aber erscheint - nimmt man Wahlkampfgetöse heraus - der ganze Vorgang doch einige Nummern kleiner. 3000 Liter Abwasser strömen seit gut einer Woche jede Sekunde in die Weichsel - wieder, muss man sagen, denn bis 2012 war es gängige Praxis in der Stadt, das Abwasser so Richtung Ostsee zu entsorgen.

Warschau war damals die letzte EU-Hauptstadt ohne flächendeckende Abwasserbehandlung. Erst spät wurden Rohrleitungen unter der Weichsel in Betrieb genommen, die die eine Stadthälfte mit dem Klärwerk auf der anderen verbanden. Nun aber zwangen Defekte im unterirdischen Röhrensystem die Stadt erneut, das Dreckwasser bis zur offenbar komplizierten Reparatur der Anlage in die Weichsel zu leiten.

Fernsehteams beobachten, wie Umweltexperten Proben des Weichselwassers an der Stelle entnehmen, an der es mit Abwasser verunreinigt wird. | Bildquelle: dpa
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Fernsehteams beobachten, wie Umweltexperten Proben des Weichselwassers an der Stelle entnehmen, an der es mit Abwasser verunreinigt wird.

"Als ich erfuhr, was passiert ist, habe ich eine Stunde später einen Krisenstab mit allen Behörden einberufen und den Wojewoden informiert", sagt der Warschauer Bürgermeister Trzaskowski dazu. "Ich habe die Hilfe erwartet, die normal wäre in der zivilisierten Welt, dass man sich in diesem Fall unterstützt und nicht Politik macht. Aber schon 10 Minuten nach der Havarie begannen PiS-Politiker buchstäblich ihre dreckige Wäsche damit zu waschen."

Inzwischen ließ die Zentralregierung demonstrativ die Armee eine Pontonbrücke bauen, über die laut Plänen wieder behelfsmäßig Abwasser über die Weichsel geleitet werden soll - statt in sie hinein. Die Stadt wiederum behandelt die Dreckbrühe mit Ozon, um das Gros der enthaltenen Bakterien zu eliminieren.

"Vermeiden Sie den Kontakt mit dem Wasser!"

Es ist also eine Art Wettbewerb entstanden zwischen liberaler Stadt und rechtsnationaler Regierung, wer die Krise besser meistert. Leidtragende sind die Bürger: Sollen sie etwa dem der Regierung unterstehenden Chef-Sanitärinspektor Marek Posodkiewicz glauben, der vor Gesundheits- und gar Lebensgefahren warnte: "Im Moment ist nicht nur der direkte Kontakt mit dem Wasser gefährlich, sondern auch das Einatmen der Aerosole in der Nähe! Vermeiden Sie den Kontakt mit dem Wasser und passen Sie auch auf die Vierbeiner auf!"

Unabhängige Biologen und sogar Umweltgruppen staunen angesichts solcher Alarmmeldungen nicht schlecht. Es sei zu hoffen, dass die Regierung künftig auch bei ernsthaften Umweltgefahren so entschieden agiere, erklärte etwa Greenpeace süffisant. Denn so unappetitlich die Warschauer Brühe auch ist - die Weichsel komme mit Haushaltsabwässern durchaus klar, meinte etwa der Biologe Tomas Jurczak im Privatsender TVN: "Es ist nicht so schlimm. Die Flüsse sind in der Lage, sich selbst zu reinigen, mit jedem Kilometer wird die Wasserqualität besser."

Inspektor der Abwasseranlage entlassen

Aussagen, die aber eben nicht zum Tenor passen, dass Warschau angesichts einer Katastrophe versage. Sie möglichst drastisch an die Wand zu malen, bringt PiS-Politiker zu teils phantasievollen Auftritten: der frühere Innenminister Joachim Brudzinski ließ wissen, von einer bestimmten Warschauer Brücke aus könne man die schwer übelriechende Weichsel-Fracht verfolgen - dabei steht die Poniatowski-Brücke oberhalb der tatsächlichen Einlassstelle.

Entspannt zurücklehnen kann sich die Stadt Warschau indes nicht. Denn manches deutet daraufhin, dass das teure, seit gerade einmal sieben Jahren betriebene und mit EU-Mitteln geförderte Kanalsystem unter der Weichsel möglicherweise von vorneherein verpfuscht worden ist. Einen für die Aufsicht zuständigen Inspektor hat die Stadt bereits gefeuert.

Warschau: Die Stadt, die Kloake und die Politik
Jan Pallokat, ARD Warschau
07.09.2019 01:29 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 07. September 2019 um 12:17 Uhr.

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