Simon Wallfisch bei einem Konzert | Bildquelle: ARD-Studio London

Vergangenheit und Gegenwart Simon Wallfisch wird Deutscher

Stand: 09.11.2018 13:54 Uhr

Der Enkel der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch ist in London groß geworden. Der Musiker weiß um das schwierige Verhältnis seiner Familie zu Deutschland - dennoch nahm er nun die Staatsbürgerschaft an.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Simon Wallfisch, 36 Jahre alt, Bariton und Cellist, ausgebildet unter anderem an den Musikhochschulen in Berlin und Leipzig, britischer Staatsbürger, geboren und aufgewachsen in London. Am 12. Dezember 2016 geht er zur deutschen Botschaft am Belgrave Square, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen - nach Artikel 116 des Grundgesetzes, der Familienangehörigen und Nachfahren von Holocaust-Überlebenden und Flüchtlingen vor dem Nazi-Terror das Recht auf einen deutschen Pass gibt.

"Ich bin Europäer"

Wallfisch hatte erst kurz vorher erfahren, dass es diesen Artikel 116 in der deutschen Verfassung gibt. Es war nach dem EU-Referendum im Sommer 2016. 52 Prozent der Briten hatten für den Austritt aus der Europäischen Union votiert. Wallfisch war wütend auf seine Landsleute. Er habe damals natürlich für den Verbleib in der EU gestimmt sagt er: "Ich bin in London geboren, aber ich werde nie sagen, dass ich Engländer bin. Ich sage immer: Ich komme aus London, ich bin Europäer."

Die Entscheidung seiner Landsleute für den Austritt aus der EU will er nicht hinnehmen. Als Musiker ist er darauf angewiesen, auch in Deutschland auftreten und arbeiten zu können. Er hat an der Nürnberger Oper gesungen und in diesem Jahr zum Beispiel das Jugendprogramm "Labor Europa" in Osnabrück musikalisch geleitet: "Ich bin ein britischer Europäer. Und so fühle ich mich. Und dann plötzlich kommt irgendeine willkürliche Wahl und dann nimmt mir jemand meine Rechte weg, meine Rechte vom 'Freedom of Movement'. Die Freizügigkeit innerhalb Europas wird weggenommen. Ich finde das absolut abscheulich."

Briefe - Zeugnisse der Demütigung

Deshalb machte sich Wallfisch auf den Weg zur deutschen Botschaft in London. In seiner Tasche waren Dokumente, die belegten, dass er der Enkel der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch ist.

Das Zusammenstellen dieser Dokumente war für ihn zu einer Reise zurück in die 1930er- und 1940er-Jahre geworden, in die Familiengeschichte der Lasker-Wallfischs im damaligen Breslau, in die Geschichte von Tod und Vertreibung: "Meine Großmutter hat mir einen riesigen Aktenordner mit Briefen gegeben. Darunter ein Brief der Deutschen Bank an den Gauleiter Breslau: 'Hiermit bestätige ich das Konto von dem Juden Lasker. Wir überweisen jetzt an die Reichsbank. Heil Hitler." Punkt Stempel. Diese zynische Handlung von Menschen! Ein Brief von dem Wohnungsamt in Breslau: 'Hiermit bestätige ich, dass der Jude Lasker jetzt abgeschoben ist. Die Wohnung steht ihnen zur Verfügung.' Der Vater von meiner Großmutter, Alfons Lasker, musste alles aufschreiben, was es in der Wohnung gab: fünf Gabeln, zwei Schlösser, Bettwäsche. Dies ist absurd. Es macht einen wahnsinnig, so wütend, wenn man das liest, diese Demütigung von Menschen und meiner Familie."

Mehr als 3400 Anträge auf deutsche Staatsbürgerschaft

All diese Dokumente, in Kopie natürlich, präsentierte Wallfisch dem sehr freundlichen und hilfsbereiten deutschen Konsularbeamten in London. Er gab ihm die Hoffnung, dass er mit diesen Dokumenten sicher deutscher Staatsbürger werde. Es werde nur etwas dauern.

Früher ist das schneller gegangen. Da hatte es die Botschaft in London nur mit ganz wenigen Anträgen dieser Art zu tun, 2015 waren es 59. Nach dem EU-Referendum aber wurden es plötzlich Tausende. Stand September 2018 sind es jetzt 3400 vorwiegend jüdische Briten, die nach der Entscheidung ihres Landes für den Austritt aus der EU in der Botschaft in London oder im Konsulat in Edinburgh die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt haben.

Eine Art Versicherungspolice für die Familie

Auch wenn alles glatt lief: Der Gang in die Botschaft nahm Wallfisch mehr mit als er das erwartet hatte. Eigentlich sei die deutsche Staatsbürgerschaft doch nur eine Art Versicherungspolice für ihn und seine beiden Kinder, für die er sie gleich mit beantragt hatte.

Trotzdem kamen Wallfisch auf dem Rückweg von der Botschaft die Urgroßeltern Alfons und Edith in den Sinn, die im KZ getötet worden waren. Was die wohl dächten, wenn sie ihn bei der Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft gesehen hätten: "Ich frage mich, ob Alfons und Edith jetzt sehen können, was ihr Urenkel mit ihren Papieren und Unterschriften, ihrer Geschichte und ihren Tränen tut."

Ein Cello als Lebensretter

Im Gegensatz zu den Urgroßeltern hat die Großmutter Lasker-Wallfisch die KZ' in Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt. Sie spielte Cello, und in Auschwitz brauchte die SS im Mädchenorchester noch eins. Deshalb endete Simons Großmutter nicht in der Gaskammer, sondern kam nach dem Krieg nach London.

Enkel Simon erzählt, die Nazi-Zeit sei lange Zeit kein Thema in der Familie gewesen. Die Großmutter war als Cellistin ständig auf Reisen. Der Sohn Raphael, Simons Vater, ist heute noch als Cellist auf den Weltbühnen unterwegs. Erst nach ihrer musikalischen Karriere begann Simons Großmutter über den Nazi-Terror zu erzählen, öffentlich, auch in deutschen Schulen und in diesem Jahr zum Holocaust-Gedenken vor dem Deutschen Bundestag: "Ich hatte geschworen, nie wieder meine Füße auf deutschen Boden zu setzen. Mein Hass auf alles, was deutsch war, war grenzenlos." 

Dem Enkel Simon kamen die Tränen, als er in London die Rede seiner Großmutter in Berlin hörte. Er musste an den Urgroßvater denken, der seiner Tochter vor dem Abtransport ins KZ zugerufen hatte: "Anita, ich zähle auf Dich!" "Für meine Großmutter war Deutsch einfach tabu. Bis in die 1990er-Jahre."

"Hass vergiftet einen selbst"

Die heute 93 Jahre alte Großmutter Anita hat kein Problem damit, dass ihr Enkel Simon die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat. In der Rede vor dem Bundestag hatte sie ja auch gesagt, dass sie inzwischen ihre Meinung geändert habe und schon seit vielen Jahren immer wieder nach Deutschland reise: "Ich bereue es nicht. Hass ist ganz einfach ein Gift. Und letzten Endes vergiftet man sich selbst!"

Jetzt, fast zwei Jahre nach dem Antrag, bekam Wallfisch die deutsche Einbürgerungsurkunde. Er holte sie am 29. Oktober in der Botschaft in London ab, als er abends dort zusammen mit seinem Vater Cello spielte und sang, während seine Großmutter aus ihrem Leben erzählte: "Der Ambassador hat mir die Hand gegeben und sagte: Gratuliere und willkommen."

Musikalisch gegen den Brexit

Wallfischs politische Mission ist damit nicht zu Ende. Er hofft, den Brexit doch noch irgendwie verhindern zu können, auch mit seinen eigenen musikalischen Mitteln. Der Cellist und Bariton taucht regelmäßig zusammen mit einigen Freunden im Regierungsviertel Westminster auf, singt und spielt die Europa-Hymne vor den Toren des Parlaments und vor dem Amtssitz der Premierministerin in der Downing Street: Beethovens und Schillers "Ode an die Freude". Die Reaktionen darauf seien sehr positiv, sagt er.

 

Simon Wallfisch wird Deutscher
Jens-Peter Marquardt, ARD London
09.11.2018 10:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. November 2018 um 05:54 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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