Das Buch "Het verraad van Anne Frank" liegt in einer Buchhandlung. | dpa

Umstrittenes Buch Verlag zieht "Verrat an Anne Frank" zurück

Stand: 23.03.2022 16:35 Uhr

Das Buch über den "Verrat an Anne Frank" ist nach scharfer Kritik von Experten aus dem Handel genommen worden. Experten kamen zu dem Schluss, die These, ein jüdischer Notar habe Familie Frank an die Nazis verraten, sei nicht haltbar.

Der niederländische Verlag Ambo Anthos hat nach grundlegender Kritik von Experten das Buch über den "Verrat an Anne Frank" aus dem Handel genommen. Das teilte der Verlag in Amsterdam mit. Buchhändler seien gebeten worden, das Werk aus den Regalen zu nehmen. Am Vorabend hatten Historiker eine kritische Analyse des umstrittenen Buches präsentiert. Der Verlag wiederholte zudem seine Bitte um Entschuldigung.

Das Buch der kanadischen Schriftstellerin Rosemary Sullivan vertritt die These, dass höchstwahrscheinlich der jüdische Notar Arnold van den Bergh 1944 den deutschen Besatzern das Versteck der Familie der jüdischen Jugendlichen Anne Frank in Amsterdam verraten habe. Van den Bergh soll damit versucht haben, seine eigene Familie vor Deportation und Tod zu schützen.

Umstrittener Bericht eines Coldcase-Teams

Anne Frank (1929-1945) lebte zwei Jahre lang gemeinsam mit ihrer Familie und vier anderen Juden in einem Hinterhaus in Amsterdam im Versteck vor den deutschen Nationalsozialisten. Dort schrieb sie ihr weltberühmtes Tagebuch. 1944 wurde das Versteck verraten, und die Bewohner wurden in Konzentrationslager deportiert. Nur Vater Otto überlebte und brachte nach dem Krieg das Tagebuch seiner Tochter heraus.

Ein sogenanntes Coldcase-Team von internationalen Experten unter Leitung eines ehemaligen FBI-Agenten hatte untersucht, wer das Versteck der Familie Frank verraten hatte. Laut dem im Januar präsentierten Bericht soll angeblich der jüdische Notar der Verräter gewesen sein.

Wie ein "schwankendes Kartenhaus"

Der "Verrat an Anne Frank" war sofort nach der Veröffentlichung im Januar in die Kritik geraten. Eine sechsköpfige Expertengruppe aus Historikern und anderen Akademikern veröffentlichte nun eine 69 Seiten lange Widerlegung.

Bei den Ermittlungen sei nach dem Muster verfahren worden, jeweils eine Schlussfolgerung zu ziehen, diese als wahr zu betrachten und dann zur Grundlage der nächsten Schlussfolgerung zu machen. "Das macht das ganze Buch zu einem schwankenden Kartenhaus, denn wenn sich ein einzelner Schritt als falsch erweist, fallen auch die darüber liegenden Karten in sich zusammen", schrieb die Expertengruppe.

Noch nicht alle Zweifel ausgeräumt?

Der Chef des Verfasserteams, Pieter van Twisk, räumte im niederländischen Sender NOS ein, die Arbeit der Kritiker sei sehr detailliert und äußerst zuverlässig. Sie gebe ihm einiges zu denken. "Aber zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich nicht, dass van den Bergh als Hauptverdächtiger definitiv ausgeschlossen werden kann", fügte er hinzu.

Der Filmemacher Thijs Bayen, auf dessen Idee die Ermittlungen zum Verrat an Anne Frank zurückgehen, hatte schon im Januar eingeräumt, dass das Buch auf Indizien beruhe und der Vorwurf gegen van den Bergh nicht hundertprozentig sicher sei.

"Ihr tragt zu großem Unrecht bei"

Die Enkelin des beschuldigten Notars, Mirjam de Gorter, rief den US-Verleger Harper Collins auf, das Buch weltweit aus dem Handel zu nehmen. "Mit diesem Werk beutet ihr die Geschichte von Anne Frank aus und tragt zu einem großen Unrecht bei", sagte sie im niederländischen Hörfunk.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. März 2022 um 23:59 Uhr.