Leute mit Stoffmasken laufen an einem Wandbild von Venezuelas früherem Präsidenten Hugo Chavez in Caracas vorbei. | Bildquelle: AFP

Impfstofftest in Venezuela "Wir sind hier die Versuchskaninchen"

Stand: 06.09.2020 17:35 Uhr

Venezuela sucht Freiwillige, um den russischen Corona-Impfstoff zu testen. Die Bevölkerung hat Angst: Denn die Behörden haben die Lage nicht im Griff - und auch Wissenschaftler äußern Bedenken.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

In einer Ansprache im venezolanischen Staatsfernsehen wirbt Präsident Nicolás Maduro für den russischen Impfstoff "Sputnik V": "Der Erste, der sich impfen lassen wird, bin ich. Bum! Ich gehe mit gutem Beispiel voran", sagt er. "Danach werden wir das medizinische Personal impfen lassen, dann die älteren Menschen und die Menschen mit einer Vorerkrankung."

Zunächst sollen 500 Venezolaner den russischen Impfstoff testen. Das sozialistische Land hat ein Abkommen mit dem Verbündeten Russland unterschrieben, dass es den Impfstoff auch produzieren wird.

Seit Juni wird der Shutdown in Venezuela im Wochentakt aufgeweicht und dann wieder verschärft. In einer Woche haben Banken, Restaurants und Läden geöffnet, in den sieben Tagen darauf wird wieder radikal alles dicht gemacht. Ruth Ferruso hält sich streng an alle Vorgaben. Jeder, der die 80-Jährige besucht, muss erstmal die Schuhe desinfizieren. Eine Tube Gel hängt an ihrer Haustür. Sie lebt allein, erzählt sie über Whatsapp:

"Ich hatte in keinem Moment Angst, mich mit dem Coronavirus zu infizieren. Ich finde, Russland hat wichtige Anstrengungen unternommen, um einen Impfstoff gegen das Coronavirus bereitzustellen. Aber ich persönlich werde mich nicht impfen lassen."

Doch generell, schreibt Ferruso, vertraue sie der Regierung in der Corona-Krise.

Ein belebter Markt in der Hauptstadt Caracas. Seit Juni wird der Shutdown in Venezuela im Wochentakt aufgeweicht und dann wieder verschärft. | Bildquelle: AFP
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Ein belebter Markt in der Hauptstadt Caracas. Seit Juni wird der Shutdown in Venezuela im Wochentakt aufgeweicht und dann wieder verschärft.

Infizierte meiden Quarantänezentren

Anaís Rodríguez hat sich mit dem Coronavirus infiziert. In den letzten Wochen hatte die 25-Jährige Symptome: Sie habe ihren Geschmackssinn verloren, erzählt sie am Telefon. Auch sie war im ersten Moment erleichtert, als sie von dem russischen Impfstoff gehört hat.

"Aber dass wir nur ein Testland sind, das macht mir Sorgen. Wir sind hier die Versuchskaninchen", sagt sie. "Ich vertraue dieser Impfung nicht. Das ist sehr heikel, das sollte man nicht so auf die leichte Schulter nehmen. Wir wissen nicht, ob die Ergebnisse optimal sind und es keine schweren Nebenwirkungen gibt. Ich würde mich nicht damit impfen lassen."

Die Regierung manage die Krise schlecht, kritisiert Rodríguez: "Sie haben die Venezolaner, die aus dem Ausland zurückkehren, für die Ausbreitung des Virus verantwortlich gemacht und sie als 'biologische Waffen' und 'Terroristen' bezeichnet", erzählt sie. De facto hätten die Behörden aber keine Kontrolle über die Situation: "Ich kenne mindestens zehn Menschen, die eine Corona-Infektion hatten - und niemand von denen ist in der Statistik erfasst. Weil meine Bekannten genau wie ich Angst haben, dass sie in die Quarantänezentren eingewiesen werden."

Die Situation dort sei noch schlimmer als in den Krankenhäusern, wo das Personal häufig selbst mit dem Coronavirus infiziert sei.

Bislang 52.000 Infizierte und 400 Tote - offiziell

Bereits vor der Pandemie mangelte es in dem krisengebeutelten Land an grundlegender Ausrüstung in den Krankenhäusern. Laut offiziellen Zahlen gibt es etwa 52.000 Infizierte in Venezuela, mehr als 400 Menschen sind an Covid-19 gestorben. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein.

Es würden kaum Tests gemacht, erklärt der Arzt und ehemalige Gesundheitsminister José Felix Oletta. Den russischen Impfstoff in dieser frühen Phase anzuwenden, hält er für unklug: "Der Hauptgrund ist, dass die ersten zwei Phasen des russischen Impfstoffs nicht komplett und nachvollziehbar abgeschlossen wurden. Es ist ein völlig unnötiges Risiko für die Probanden. Nur wenn der Impfstoff ausreichend getestet  und von der WHO zertifiziert ist, kann man damit beginnen, Risikogruppen wie ältere Menschen und das medizinische Personal zu impfen."

Infektiologe: Forscher werden nicht konsultiert

Manuel Figuera von der venezolanischen Gesellschaft für Infektiologie klagt: Grundsätzlich sei es ein Problem, dass die Wissenschaftsgemeinschaft und die Forschungseinrichtungen in der Coronakrise nicht konsultiert würden:

"Alle, die keinen direkten Bezug zur Regierung haben, sind beim Umgang mit der Pandemie ausgeschlossen - eine Pandemie, die aber alle betrifft. Es wäre vernünftig, auch unser Know-how einzubeziehen und die Empfehlungen internationaler Organisationen wie der WHO zu beherzigen."

Es gibt in diesen Tagen wenige Informationen darüber, wie das genaue Prozedere ist - wie, wann und wer den russischen Impfstoff testen wird. "Es kursieren viele Falschinformationen. Es gibt viel Zensur, auch Selbstzensur der Journalisten", sagt die venezolanische Journalistin Liza López. "Offizielle Informationen gibt es also kaum, keine Erklärungen. Es wird auch keine Werbung dafür im Staatsfernsehen gemacht."

Klar sei bislang nicht einmal, wie die Freiwilligen ausgewählt werden sollen.

Venezuela: Versuchskaninchen für Sputnik V gesucht
Anne Demmer, ARD Mexiko
04.09.2020 19:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. September 2020 um 12:43 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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