Die Gräber zweier Adeliger im Vatikan werden geöffnet. | Bildquelle: VATICAN MEDIA HANDOUT/EPA-EFE/RE

Graböffnung im Vatikan Ein Rätsel mehr

Stand: 11.07.2019 21:06 Uhr

Der Fall der 1983 verschwundenen Emanuela Orlandi hat ein neues Rätsel offenbart: Die Gräber, in denen ihre sterblichen Überreste vermutet wurden, waren leer. Die Angehörigen fordern weitere Untersuchungen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Hochrangige Rechtsmediziner waren anwesend, der Chef der Gendarmerie des Vatikans, des päpstlichen Gerichts, Vertreter der Familie Orlandi und von ihr benannte Experten. Am Ende waren alle gleichermaßen ratlos. Dieses Ergebnis, sagt Laura Sgrò Anwältin, der Familie Orlandi, habe jeden überrascht. "Wir haben heute alles erwartet, wirklich alles. Wir hatten tausend Hypothesen. Aber nicht die, dass wir hier zwei leere Gräber vorfinden."

Auch Vatikansprecher Alessandro Gisotti bestätigte nach der mit Spannung erwarteten Öffnung der beiden Gräber auf dem deutschen Friedhof neben dem Petersdom: Es seien keine menschlichen Überreste, keine Urnen gefunden worden.

Ein Fall hält Italien seit 1983 in Atem

Der Fall Emanuela Orlandi, in dem man sich durch die Graböffnung endlich konkrete Hinweise versprochen hatte, ist um ein weiteres Rätsel reicher. Der Fall hält Italien und den Vatikan seit 1983 in Atem, als die damals 15 Jahre alte Tochter eines päpstlichen Hofdieners spurlos verschwand.

Danach gab es viele Spekulationen und Verschwörungstheorien zum Schicksal des Mädchens, das mit ihrer Familie im Vatikan gewohnt hat. Der Papst-Attentäter Ali Agca hatte behauptet, Orlandi sei entführt worden, um ihn freizupressen. Von Verbindungen zu kriminellen Banden war die Rede und auch von Sexpartys im Vatikan, die Emanuela beobachtet habe und deswegen getötet worden sei.

Im vergangenen Sommer erhielt die Anwältin der Familie Orlandi dann einen Brief mit dem anonymen Hinweis, sterbliche Überreste von Orlandi seien in einem bestimmten Grab auf dem deutschen Friedhof Campo Santo Teutonico im Vatikan zu finden. Aus diesem Grund wurden die im Brief beschriebenen Grabstätten und ein benachbartes Grab geöffnet.

Keine sterblichen Überreste in den Gräbern

In den zwei Gräbern sollten vor mehr als 150 Jahren zwei adelige deutsche Frauen begraben worden sein. Aber auch ihre Überreste waren, anders als erwartet, nicht in den Gräbern. Pietro Orlandi, Bruder der verschwundenen Emanuela, beschreibt das Vorgehen während der Graböffnung.

Zuerst habe man die Grabplatte weggenommen und dann circa 30 Zentimeter gegraben, in der Erwartung, die Grabstätte zu finden. "Stattdessen sind sie auf eine weitere Platte gestoßen, unter der sich eine Art Raum von circa drei mal vier Metern befand. Und die Überraschung war, dass dieser komplett leer war."

Ein ähnliches Ergebnis habe es anschließend beim benachbarten Grab gegeben. Diese Merkwürdigkeit müsse aufgeklärt werden, fordert Anwältin Sgrò der Familie Orlandi: "Jetzt muss es weitere Untersuchungen geben, um zu verstehen, warum diese beiden Gräber sich als leer herausgestellt haben."

Pietro Orlandi, der  Bruder der 1983 verschwundenen Emanuela Orlandi. | Bildquelle: dpa
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Pietro Orlandi, der Bruder der 1983 verschwundenen Emanuela Orlandi und die Anwältin der Familie waren bei der Graböffnung im Vatikan dabei.

Mit Graböffnung ein Zeichen der Offenheit setzen

Von Seiten der Familie heißt es, es sei unverständlich, warum der Vatikan keine Aufzeichnungen darüber habe, ob die beiden adeligen deutschen Frauen dort wirklich begraben wurden oder ob ihnen die Gräber auf dem deutschen Friedhof nur symbolisch gewidmet seien.

Dem Vatikan war im Fall Emanuela Orlandi lange vorgeworfen worden, er mauere und halte Informationen zurück. Mit der heutigen Graböffnung wollte der Vatikan ein Zeichen der Transparenz und Offenheit setzen. Am Ende aber gibt es eher Anlass für neue Spekulationen.

Kriminalfall Emanuela Orlandi: Nach Graböffnung im Vatikan neue Rätsel
Jörg Seisselberg, ARD Rom
12.07.2019 06:13 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 11. Juli 2019 um 12:21 Uhr.

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