Menschen mit verschiedenen Hautfarben am Times Square in New York | EPA

US-Zensus Amerika - erstmals weniger weiß

Stand: 13.08.2021 18:37 Uhr

58 Prozent der US-Bevölkerung bezeichnen sich laut US-Zensus als weiß. Das sind 8,6 Prozent weniger als vor zehn Jahren. Gestiegen ist der Anteil der Menschen mit hispanischen oder asiatischen Wurzeln.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Seit 1790 wird in den USA alle zehn Jahre die Bevölkerung gezählt. Diesmal ist vieles anders: Nicht nur, weil die Datenerhebung 2020 wegen der Corona-Pandemie besonders kompliziert war. Sondern wegen der Ergebnisse. Zum ersten Mal überhaupt ist die Zahl der Menschen, die sich im Fragebogen als "weiß" bezeichnen, ohne andere Wurzeln, gesunken. Sie machen jetzt nur noch knapp 58 Prozent der Bevölkerung aus.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Dagegen stieg die Zahl der Menschen mit hispanischen Wurzeln: Ihr verdanken die USA mittlerweile die Hälfte des Wachstums insgesamt - auch wenn sich dieses Wachstum insgesamt verlangsamt hat. Auch die Zahl der asiatisch-stämmigen und schwarzen Amerikaner wuchs. Ein Grund für die Verschiebung: Weiße Amerikanerinnen bekommen weniger und später Kinder.

Mehr Amerikaner sind "multiracial"

Ein weiterer wichtiger Grund: Immer mehr US-Bürger wollen sich nicht länger einer einzigen Ethnie zuordnen und kreuzten auf dem Fragebogen "anders" an, erklärt Nicholas Jones von US Census Bureau:

Der Schwund bei der rein weißen Bevölkerung von 8,6 Prozent wurde durch den Zuwachs derjenigen ausgeglichen, die sich als "multiracial" bezeichnen. Die Gruppe wuchs um 300 Prozent.

Die US-Bevölkerung ist nicht nur deutlich diverser als vor zehn Jahren. Sie ist auch älter: Die über 18-Jährigen machen inzwischen über Dreiviertel aus, zehn Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Auch ein anderer Trend setzt sich vor: Landkreise, die ohnehin weniger als 50.000 Einwohner hatten, schrumpfen weiter. Und die Großstädte und Metropolregionen wachsen, vor allem im Süden. Die Daten des Zensus haben Auswirkungen auf das Leben aller Bewohner des Landes, so Ron Jarmin, der amtierende Direktor der Zensus-Behörde: 

Lokalpolitiker nutzen diese Daten, um zu entscheiden, wo Straßen und Krankenhäuser gebaut werden und wie man dem Land am besten hilft, die Pandemie zu überwinden. Aber die Resultate werden auch dazu genutzt, um zu entscheiden, wie die Steuergelder in den nächsten zehn Jahren verteilt und ausgegeben werden.

"Die Zukunft dieses Landes ist Latino"

Die Daten spielen auch eine enorme politische Rolle: Weil manche Bundesstaaten nun Kongresssitze verlieren, andere welche dazu bekommen. Texas beispielsweise bekommt zwei Sitze mehr, vor allem dank des Zuwachses bei der Latino-Bevölkerung.

"Die Zukunft dieses Landes ist Latino. Jetzt müssen wir auch dafür sorgen, dass die neuen Wahlbezirke das auch spiegeln, vor allem den Zuwachs der Latino-Bevölkerungen, auch in den großen US-Städten", sagt Arturo Vargas, Chef der "National Association of Latino Elected and Appointed Officials", einer Interessenvertretung hispanischer Politiker.

Was der Zensus mit den Wahlbezirken zu tun hat

Vargas' Appell kommt nicht von ungefähr. Denn in den USA ziehen die Politiker die Grenzen ihrer Wahlbezirke selbst - und zwar häufig so, dass sie möglichst die Wiederwahl eines Kandidaten der eigenen Partei garantieren. Diese Praxis, das sogenannte "gerrymandering", ist sehr umstritten: "Die Politiker können sich so quasi ihre Wähler aussuchen. Wenn sie ihnen nicht passen, weisen sie sie einfach einem anderen Bezirk zu", klagt Michael Goff, Vorstandsmitglied bei der Wahlrechts-Organisation "Common Cause". "So schaffen sie sich sichere Sitze."

Die Organisation fordert deshalb, den Zuschnitt der Wahlbezirke einer unabhängigen Organisation zu überlassen. Bis zu den Zwischenwahlen nächstes Jahr wird das wohl kaum schon passieren. Und da dürften die Zensus-Daten vor allem den Republikanern helfen: Weil die meisten neuen Wahlbezirke in Bundesstaaten entstehen, in denen sie die Mehrheit haben und die Grenzen ziehen können.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. August 2021 um 01:15 Uhr.