Neben einem in Afghanistan stationierten US-Soldaten steigt ein Helikopter auf. | Bildquelle: dpa

US-Truppen in Afghanistan Was der Abzug für die Bundeswehr bedeutet

Stand: 30.08.2019 19:16 Uhr

Die USA erwägen, ihre Truppen in Afghanistan deutlich zu reduzieren. Doch was heißt das für die Bundeswehr - bleiben oder dem Beispiel folgen?

Von Kai Küstner und Christoph Heinzle, NDR

"Wir bleiben so lange, wie es nötig ist." So lautete über Jahre hinweg das Mantra der NATO in Afghanistan. 2014 beendete das Militärbündnis allerdings seinen Kampfeinsatz am Hindukusch. Zwar ist die Allianz weiterhin in Afghanistan aktiv - mit der Trainings- und Ausbildungsmission "Resolute Support" - allerdings in deutlich geringerem Umfang als in den Jahren zuvor.

So mancher Afghanistan-Veteran der Bundeswehr kritisiert, man habe damit zu früh den Taliban das Feld überlassen. Ungefähr zehn Jahre "hätte man noch dranhängen müssen", schätzt Fallschirmjäger Philipp Pordzik, der mehrere Afghanistan-Einsätze hinter sich hat, im Interview für die NDR-Info-Radio- und Podcastserie "Killed in Action".

Dann, so fährt Pordzik fort, hätte die Mission "zu einem viel größeren Erfolg geführt und Kundus wäre nicht zerfallen, so wie jetzt". "Wir hätten den Menschen in Afghanistan mehr Zeit geben müssen, sich zu verwirklichen und dafür hätten wir da sein müssen."

Zieht auch Deutschland Truppen ab?

Nun deutet vieles darauf hin, dass die Zahl der Truppen am Hindukusch weiter heruntergeschraubt werden könnte. US-Präsident Donald Trump verkündete, er wolle zwar weiter Soldaten in Afghanistan belassen, die Zahl jedoch von derzeit etwa 14.000 auf 8600 verringern.

Was dieser Teilabzug für die Bundeswehr bedeutet, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Nur so viel: Wenn die USA ihr Engagement herunterfahren, werden die Deutschen kaum im Gegenzug das ihre verstärken. Eher ist damit zu rechnen, dass die Bundeswehr ebenfalls Soldaten nach Hause holt.

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Frank Fähnrich, hält sich noch bedeckt: "Ich möchte nicht von irgendwelchen Ausgleichskontingenten sprechen. Wir müssen sehen, welchen Schritt die Friedensverhandlungen ergeben, welcher Schritt in der NATO besprochen und entschieden wird. Dass wir im Konsens mit unseren Partnern entscheiden, ist selbstverständlich."  

Alliierte auf USA angewiesen

Derzeit sind etwa 1300 Bundeswehrsoldaten in Nordafghanistan stationiert. Sie trainieren afghanische Sicherheitskräfte. Aus dem gefährlichen Kundus hatten sich die Deutschen bereits 2013 zurückgezogen. Was zwischenzeitlich auch dazu führte, dass sich hier die Taliban wieder ausbreiteten: Vorübergehend gelang es ihnen sogar, das Zentrum der Provinzhauptstadt zu erobern.

Dass die US-Alliierten die Lücke füllen, wenn die Trump-Regierung Tausende Soldaten nach Hause holt, ist auch deshalb nicht zu erwarten, weil die Alliierten - auch die Deutschen - auf Material der Amerikaner angewiesen sind, etwa auf Helikopter oder Sanitäter.

Keine Rede ist derzeit davon, dass der Afghanistan-Einsatz ganz beendet werden könnte. Entsprechende Andeutungen hatte es im Frühjahr von Trump gegeben. Davon riet Außenminister Heiko Maas bei einem Afghanistan-Besuch im März dringend ab: "Das schlimmste, was passieren könnte, wäre, sich überhastet aus diesem Mandat zurückzuziehen."

Alles hängt an Verhandlungen mit Taliban

Das Schicksal Afghanistans hängt nun entscheidend davon ab, wie die derzeit stattfindenden Verhandlungen zwischen den USA und Vertretern der Taliban-Extremisten in Doha verlaufen.

Schon vor Jahren mahnten Experten, solche Verhandlungen seien der einzige Weg in Richtung Stabilität. Nur treibt viele Afghanen aber gleichzeitig die Sorge um, die USA könnten den Taliban zu viele Zugeständnisse machen und es hinnehmen, dass gegen das Versprechen verstoßen wird, Afghanistan nicht wieder zu einem Rückzugsort für Terroristen werden zu lassen. Oder sie fürchten, dass Menschen- und Frauenrechte am Hindukusch mit Füßen getreten werden.

Das Engagement in Afghanistan ist der bislang größte Auslandseinsatz der Bundeswehr. Seitdem hat die Truppe sich intensiv mit Themen wie Tod, Trauer und Trauma auseinandergesetzt.

Auslandseinsätze sind in der Bevölkerung weiterhin unbeliebt. Dass es in Deutschland keinen Grundkonsens dafür gibt, ob und unter welchen Umständen man bewaffnet in Konflikte eingreift, hält der ehemalige Chef des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Rainer Glatz, für ein echtes Problem: "Wir werden wahrscheinlich beim nächsten Einsatz wieder in dieselben Diskussionen geraten, in denen wir in der Vergangenheit auch immer wieder verhaftet waren."

Bundeswehr in Afghanistan - Debatte um Teilabzug und Geld
Kai Küstner, ARD Brüssel
30.08.2019 17:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. August 2019 um 22:00 Uhr.

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