Protestteilnehmer vor dem Parlament in Budapest. Sie gehen gegen per Gesetz erhöhte Überstunden auf die Straße. | Bildquelle: AP

Proteste in Ungarn Bis zu 400 Überstunden pro Jahr?

Stand: 08.12.2018 15:54 Uhr

Ungarn will per Gesetz bis zu 400 Überstunden pro Jahr absegnen. Tausende protestierten gegen die Pläne. Denn die Chance, sich zu verweigern, hätten die meisten Angestellten laut Gewerkschaften nicht.

In der ungarischen Hauptstadt Budapest sind Tausende Menschen gegen ein geplantes Gesetz auf die Straße gegangen, das die Zahl der möglichen Überstunden pro Jahr deutlich in die Höhe treibt.

Bislang liegt die Grenze der im Jahr erlaubten Überstunden bei 250. Doch am Montag will das Parlament eine Novelle beschließen, die dem Arbeitgeber das Recht einräumt, seine Angestellten zu verpflichten, mindestens 250 Überstunden pro Jahr zu leisten. Weitere Stunden über die reguläre Arbeitszeit hinaus, bis hin zur 400er-Grenze, müssen dann mit dem Arbeitnehmer abgesprochen werden. In Deutschland hat 2017 jeder abhängig Beschäftigte im Durchschnitt 54 Überstunden geleistet - im gesamten Jahr.

Vergütung kann sich um Jahre hinziehen

Die geleisteten Überstunden müssen, sollte das Gesetz abgesegnet werden, künftig auch nicht mehr innerhalb eines Jahres durch Geld oder Urlaubstage ausgeglichen werden. Dafür könnte sich der Arbeitgeber laut neuer Richtlinie drei Jahre Zeit lassen.

Zu dem Protest vor dem Parlament in Budapest hatten die größten Gewerkschaften des Jahres gemeinschaftlich aufgerufen. Der Vorsitzende des Ungarischen Gewerkschaftsbundes, Laszlo Kordas, kritisierte in einer Rede bei der Versammlung: "In Ungarn schleppen wir die größten Lasten auf unserem Rücken, im Gegenzug bekommen wir den niedrigsten Lohn in Europa."

In Ungarn gilt seit Beginn 2018 ein gesetzlicher Mindestlohn: Dieser liegt nach Angaben des Europäischen Portals zur beruflichen Mobilität bei 138.000 Forint pro Monat, umgerechnet rund 430 Euro. Zum Vergleich: In Deutschland gilt bis Jahresende ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde und damit ein Monatsgehalt von rund 1500 Euro bei 40 Arbeitsstunden pro Woche. 2019 steigt der Anspruch auf 9,19 Euro pro Stunde.

Niedriger Verdienst ist wie Zwang

Der niedrige Lohn in Ungarn sei für viele Berufstätige ein Zwang, um Überstunden zu leisten und für die Arbeitgeber ein Druckmittel, betonen die Gewerkschaften. Somit sei der Eindruck falsch, den der Gesetzesentwurf vermittelt, alle Überstunden ab der 250er-Marke würden in Absprache und somit freiwillig geleistet.

Die deutsche IG Metall solidarisierte sich mit den Protestteilnehmern in Budapest. Die angebliche Bereitschaft der Ungarn, mehr Überstunden zu leisten, sei nur ein Indikator für zu geringe Löhne.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 08. Dezember 2018 um 18:45 Uhr.

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