Ein zerstörtes Krankenhaus Nahe Idlib. | Bildquelle: AFP

UN-Sicherheitsrat zu Syrien  Wer bombardiert Krankenhäuser in Idlib?

Stand: 18.05.2019 04:18 Uhr

Dem UN-Sicherheitsrat geht der Rat aus: Eine beklemmende Sitzung zu den Bombenangriffen auf Krankenhäuser im syrischen Idlib zeigt, dass die eigenen Resolutionen nicht befolgt werden.

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

Mark Lowcock, der UN-Nothilfekoordinator, will im Weltsicherheitsrat über Syrien reden, insbesondere über die Lage in der Region Idlib. Russland und Syrien bombardieren dort aus der Luft, Rebellen und Terroristen kämpfen am Boden. Die britische Botschafterin Karen Pierce wird später vom Alptraum, vom Abschlachten erzählen, das in Idlib passiere - mitten in einer eigentlich entmilitarisierten Zone, in die Millionen Menschen geflüchtet waren.

Allein in den vergangenen drei Wochen haben 180.000 erneut fliehen müssen. 180.000 Menschen, sagt Lowcock, die jetzt einfach geparkt würden, irgendwo auf freier Fläche. Sie säßen irgendwo unter Bäumen.

Ein trauriges Selbstgespräch

Und dann folgte im Sicherheitsrat das vermutlich traurigste Selbstgespräch eines UN-Nothilfekoordinators, der berichtete, dass seit April 18 Krankenhäuser in Syrien bombardiert worden seien, aus der Luft. Dass Ärzte, Schwestern, Helfer, Patienten, Opfer ihm, dem Nothilfekoordinator, Fragen stellten.

"Wer bombardiert die Krankenhäuser? Ich weiß es nicht", antwortet Lowcock sich selbst. Aber wer immer es tue, brauche dazu eine moderne Luftwaffe und Präzisionswaffen.

Der UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock (Archivbild). | Bildquelle: AFP
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Der UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock (Archivbild).

"Werden die Krankenhäuser mit Absicht unter Beschuss genommen?" Die nächste Frage, die der Nothilfekoordinator sich selbst stellte.

Er wisse es nicht, "aber die Leute die es wissen, sind jene, die die Bomben werfen." Es wurde sehr still im Saal, als Lowcock immer beklemmendere Fragen stellte. Helfer, Krankenhäuser und die Vereinten Nationen nämlich geben die Koordinaten aller Krankenhäuser und Hilfseinrichtungen an die Kriegsparteien, um Beschuss zu verhindern. Das ist die Idee: "Werden diese Koordinaten nicht zum Schutz, sondern als Zielkoordinaten missbraucht?", fragt Lowcock in den Saal.

Ratloser Sicherheitsrat

Er wisse es nicht, die Leute, die die Bomben werfen, sie wüssten es. Die Blicke im Saal wanderten zum russischen, zum syrischen UN-Botschafter. Aber Lowcock war noch nicht am Ende. Warum, fragt er sich laut, gebe es Resolutionen des Sicherheitsrates, die Bombenangriffe auf Krankenhäuser verbieten, wenn sich offenbar niemand daran halte? 

"Eine gute Frage", die aber nicht er selbst beantworten sollte. Schweigen im Saal. Der Sicherheitsrat, dessen eigene Resolutionen missachtet werden, er wirkte ratlos.

Die britische Botschafterin Pierce versuchte zu verstehen, was sie da gerade gehört hatte: Es wäre doch grotesk, wenn Helfer feststellten, dass die Koordinaten der Krankenhäuser, die sie zum Schutz herausgeben, zu Zielkoordinaten für ihre eigene Zerstörung durch das syrische Regime würden.

"Schlimmste humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts"

Das syrische Regime aber wies jede Verantwortung von sich. Der russische Botschafter ebenfalls. Der erinnerte an Rakka, die IS-Hochburg, die die Amerikaner bombardiert und zerstört hätten. Damals habe niemand über Bomben auf Krankenhäuser geredet. Mark Lowcock aber ließ den Sicherheitsrat mit jenem Satz zurück. Er habe stets gewarnt. Sollte in Idlib die Gewalt eskalieren, erlebe die Welt die schlimmste humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts.

"Trotz der Warnungen", sagt er, "erfüllen sich gerade die schlimmsten Befürchtungen."

Wer bombardiert die Krankenhäuser?
Georg Schwarte, ARD New York
18.05.2019 06:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Mai 2019 um 23:33 Uhr.

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