UN-Generalsekretär Antonio Guterres spricht vvor der UN-Generalversammlung. | dpa

UN-Veranstaltung in Corona-Zeiten Wenn Generalversammlung ist und keiner kommt

Stand: 22.09.2020 09:14 Uhr

Am Nachmittag beginnt in New York die jährliche Generaldebatte der Vereinten Nationen. Doch diesmal ist alles anders: Wegen der Corona-Krise wird die Veranstaltung zum 75. Jubiläum einem Video-Chat gleichen.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Die New Yorkerin Robyn hat genau ein Wort für die UN-Veranstaltung des Jahres übrig: "Ich möchte nur Danke sagen." Händler und Hoteliers rund um das UN-Gebäude am East-River mögen das zwar anders sehen, doch Robyn, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, spricht vielen New Yorkern aus dem Herzen.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Normalerweise würde die Tech-Trainerin an diesen Tagen mindestens eine Stunde länger brauchen, um sich durch Straßensperren, Autoschlangen, vorbei an schwarzen SUVs mit Fahnen und Sicherheitskolonnen ihren Weg ins Büro zu bahnen. "Es ist kaum zu glauben, dass wir uns darüber in diesem Jahr keinen Kopf machen müssen, weil die Generalversammlung virtuell ist", sagt Robyn.

Steriles Ticket-Event zum 75. Jubiläum

Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinten Nationen werden die Redner nur digital teilnehmen. Die jährliche Aussprache wird ausgerechnet zum 75. Geburtstag zum sterilen Ticket-Event, sagt der Sprecher der Generalversammlung Brendan Varma: "Bei der Ankunft gibt es für jedes Teilnehmerland sowie für den Heiligen Stuhl, den Staat Palästina und die EU jeweils ein Ticket vom Sicherheitsdienst. Jeder braucht so ein Ticket."

Und längst nicht jeder kommt rein in den großen Saal mit dem goldenen UN-Logo vor dem weltbekannten Rednerpult. Erst recht nicht die Staats- und Regierungschefs. Denn im Saal selbst sitzen diesmal die Botschafter ihrer Länder, weiß der deutsche UN-Gesandte Christoph Heusgen: "Und zwar geht es so, dass die jeweiligen Botschafter kurz den Redner im Saal ankündigen und dann wird ein vorher aufgenommenes Video abgespielt."

Außenminister Maas wird für Deutschland sprechen

UN-Sprecher Stephane Dujaric beschreibt die virtuelle Premiere mit Humor: "Das könnte ein wunderbarer Saturday Night Live-Sketch werden", sagt er. "Wir wissen alle, wie schwer eine Zoom-Konferenz mit drei Teilnehmern ist. Ich kann mir das nicht mit 193 Mitgliedstaaten vorstellen - in verschiedenen Sprachen und Zeitzonen."

Und deshalb geht es streng nach Protokoll - wie in einer normalen Generalversammlung: Erst kommen die Staatschefs, dann die Regierungschefs, dann die Minister. Während die deutsche Kanzlerin vorab zur Feierstunde der UN gesprochen hat, übernimmt Bundesaußenminister Maas die Generalversammlung. Er wird dort für Deutschland reden.

Wahlkampf-Auftritt von Trump erwartet

Den Anfang macht die Runde der Schwergewichte: US-Präsident Donald Trump, Kreml-Chef Wladimir Putin, Chinas Präsident Xi Jinping - außerdem Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, Irans Präsident Hassan Rouhani, und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Erwartet wird ein Wahlkampf-Auftritt von Trump. Der UN-Kritiker nutzt die Woche, um ein Thema zu platzieren, das für viel Gesprächsstoff sorgen dürfte: Die USA haben neue Sanktionen gegen den Iran in Kraft gesetzt. Doch anders als im Vorjahr kann niemand auf ein Treffen der beiden Staatschefs spekulieren. Solche Chancen fehlen diesmal, sagt der deutsche UN-Botschafter Heusgen: "Die Generalversammlung wird ja regelmäßig dazu genutzt, dass am Rande Politiker zusammenkommen, die vielleicht sonst nicht so leicht zusammentreffen. Und hier hat man die Möglichkeit, Konflikte zu besprechen am Rande."

UN-Generalsekretär wegen Corona in Sorge

Oder die Folgen der Corona-Pandemie. Generalsekretär Antonio Guterres sorgt sich: Die Pandemie spalte die Weltgemeinschaft -  in Staaten, die meinen, dass sie nun noch viel enger zusammen an Lösungen arbeiten müssen, um die Krise zu bewältigen, und andere, die auf Alleingänge und Nationalismus setzen. "Beide Meinungen stehen sich gegenüber. Das wird in den nächsten Monaten ein heftiger ideologischer Kampf. Ich meine, die Welt braucht mehr Regierungsführung", sagt Guterres.

Auch UN-Botschafter Heusgen ist sich sicher: Es sei ein starkes Signal für die UN, dass immerhin alle 193 Mitgliedsstaaten bei dieser großen Aussprache mitreden wollen.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 22. September 2020 um 07:09 Uhr.