Petro Poroschenko (links im Bild) und Wolodymyr Selenskij beim Rededuell im Kiewer Olympiskij-Stadion. | Bildquelle: AFP

Stichwahl in der Ukraine Erfahrung gegen Erwartungen

Stand: 21.04.2019 04:17 Uhr

In der Ukraine wird heute per Stichwahl der nächste Präsident gewählt. Vom Amtsinhaber Poroschenko sind viele enttäuscht. Umso mehr Wünsche deuten viele in Herausforderer Selenskij hinein.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Aus Fiktion könnte heute Wirklichkeit werden. Der Komiker Wolodymyr Selenskyj hat beste Chancen, aus einem Drehbuch ein reales Szenario zu machen: Statt wie bisher nur einen Lehrer zu spielen, der überraschend Präsident wird, könnte er schon bald tatsächlich Präsident der Ukraine sein.

Allen Umfragen zufolge liegt er in der Wählergunst weit vor Amtsinhaber Petro Poroschenko. Und das hat aus Sicht des Politologen Wladimir Fessenko mehr als einen Grund: "In der Stichwahl stimmt bei uns eine Mehrheit der Wähler nicht für, sondern gegen einen Kandidaten", sagt er.

Selenskyj könnte also all jene Protestwähler hinter sich scharen, die grundsätzlich mit der politischen Elite brechen wollen, die seit Jahren die Geschicke des Landes bestimmt. Und diejenigen, die vom früheren Hoffnungsträger Poroschenko und seiner Politik enttäuscht sind.  

Die Erwartung, dass alles besser wird

Genau das versucht Selenskyj auch, indem er die Wahl zu einer Art Abrechnung mit dem System Poroschenkos macht. Im Wahlkampf sagte er:

"Ich bin nicht ihr Gegner, ich bin ihr Urteil."

Mit seinen professionell gemachten Botschaften im Netz und in den sozialen Medien spricht er zudem auch die jüngere Generation an und mobilisiert sie.  

Selenskyj biete mit seinen vagen Versprechen auf eine bessere Zukunft eine ideale Projektionsfläche für die Wünsche einer breiten Wählerschicht, erklärt der Politologe Dmitri Tuschanskij. "Die Erwartungen sind sehr hoch. Sie kommen eher aus dem Bauch heraus, als dass sie rational begründet sind. Es ist die Erwartung, dass alles besser, alles neu wird."

Will sagen: Die Löhne und Renten höher, die Gaspreise niedriger. Das Land befriedet, wiedervereint und auf dem Weg in eine korruptionsfreie bessere Zukunft.

"Ich bin schon manchmal überrascht, dass so viele Ukrainer an Wunder glauben", meint Tuschanskij kopfschüttelnd.

Wahlsieger Ukraine
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Die Sieger der ersten Wahlrunde am 31. März in der Ukraine - und in welchen Regionen sie die Mehrheit erlangten: Petro Poroschenko, Wolodymyr Selenskyj und Jurij Bojko.

Poroschenko trat zum Interviewmarathon an

Auch Amtsinhaber Poroschenko hat sich schwer getan, dem allgemeinen Wunschdenken und dem unkonventionellen Wahlkampf seines Kontrahenten etwas entgegen zu setzen.

Nationalistische Töne waren zuletzt kaum noch von ihm zu hören. Stattdessen appellierte Poroschenko an die Vernunft der Wähler. Er absolvierte einen regelrechten Interviewmarathon, trat auf, wo er nur konnte.

Seine Botschaft blieb immer gleich: Ein Präsident brauche Erfahrung. Die größte Bedrohung für das Land, warf er Selenskij im einzigen direkten Aufeinandertreffen vor, sei dessen Inkompetenz:

"Sie haben gesagt, dass Sie lernen wollen, wenn Sie im Amt sind. Sie haben betont, dass Sie dafür Zeit haben. Würden Sie mit einer Maschine fliegen, deren Pilot erst während des Fluges das Fliegen lernt? Würden Sie sich vom Chirurgen operieren lassen, der erst während der Operation das Operieren lernt?"

Der russische Präsident warte nur darauf, dass das passiere.

Keine Zeit für Experimente, sagen Kritiker

Es ist eine Sorge, die durchaus von Wählern geteilt wird - auch von solchen, die Poroschenko kritisch gegenüberstehen: Weil sich das Land im Krieg befindet, weil angesichts der großen Herausforderungen keine Zeit für Experimente sei.

Rund 30 Millionen Wähler sind heute aufgerufen zu entscheiden, wem sie ihr Land für die nächsten fünf Jahre anvertrauen.

Mit einer ersten Prognose wird kurz nach 19 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit gerechnet, kurz nach Schließung der Wahllokale.

Stichwahl in der Ukraine
Christina Nagel, ARD Moskau
20.04.2019 21:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 21. April 2019 um 06:06 Uhr.

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