Polizisten tragen den Leichnam eines getöteten Zivilisten an einer Tankstelle in Busowa. | REUTERS

Ukraine-Krieg Mehr als 1200 Tote in Region Kiew entdeckt

Stand: 10.04.2022 19:16 Uhr

Nach dem Abzug russischer Truppen vor Kiew sind nach ukrainischen Angaben weitere Opfer entdeckt worden. Laut Staatsanwaltschaft wurden bereits mehr als 1200 Leichen geborgen. In 5600 Fällen werde wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen ermittelt.

In der Region um die ukrainische Hauptstadt Kiew sind nach ukrainischen Angaben bislang mehr als 1200 Tote gefunden worden. Staatsanwältin Iryna Wenediktowa nannte im Interview mit dem britischen Sender Sky News die Zahl von 1222 geborgenen Toten "allein in der Region Kiew".

Die russische Armee hatte sich vor rund einer Woche aus der Region rings um Kiew zurückgezogen und stellt sich derzeit im Osten der Ukraine neu auf. Seit dem Rückzug der russischen Truppen wurden in den vergangenen Tagen in immer mehr Orten Massengräber entdeckt.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/09.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/09.04.2022

Tote westlich von Kiew gefunden

Westlich von Kiew wurden am Wochenende Leichen von Zivilisten gefunden. "Nahe der Tankstelle von Busowa haben wir heute noch tote Zivilisten in einer Grube gefunden", sagte der Gemeindevorsteher Taras Didytsch im ukrainischen Fernsehen. In einem Interview mit einem niederländischen Fernsehsender sagte er später, dass es sich um zwei Mitglieder des "National Service" handelte. Frühere Berichte über ein Massengrab bezeichnete er als Missverständnis.

An der Straße zwischen Kiew und dem westlich gelegenen Schytomyr seien zudem etwa 15 Kilometer von Kiew entfernt weitere Leichen bei einem Dutzend beschossener Autos gefunden worden. An der Hauptverbindungsstrecke von der Hauptstadt nach Westen waren die russischen Truppen in den ersten Kriegstagen von ukrainischen Einheiten gestoppt und zurückgedrängt worden.

Moskau bestreitet jegliche Verantwortung für die Tötungen und spricht von gefälschten Fotos und Videos. Material wie Satellitenaufnahmen und Mitschnitte von abgehörter Funkkommunikation legen aber eine Verantwortung russischer Soldaten nahe.

Staatsanwältin sieht zahlreiche Kriegsverbrechen

Die russische Armee habe in allen Regionen der Ukraine Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, warf Wenediktowa Russland vor. 5600 Fälle mutmaßlicher Kriegsverbrechen seien bereits gesammelt worden, 500 Verdächtige identifiziert. Den Kremlchef Wladimir Putin bezeichnete sie als "Hauptkriegsverbrecher des 21. Jahrhunderts".

Zu den gesammelten Fällen gehört für Wenediktowa auch der Raketenangriff auf den Bahnhof von Kramatorsk in der Ostukraine, bei dem mehr als 50 Menschen starben. "Absolut, das ist ein Kriegsverbrechen", sagte sie Sky News. Die Ukraine habe Beweise. Russland behauptet dagegen, es habe sich um eine ukrainische Rakete vom Typ "Totschka-U" gehandelt. Auch hier hatte Moskau die Verantwortung von sich gewiesen und die ukrainische Armee beschuldigt. In Erwartung einer massiven Offensive in der Ostukraine hatten die örtlichen Behörden ihre Evakuierungsbemühungen zuletzt verstärkt.

Fokus der Kampfhandlungen auf Osten der Ukraine

Moskau hatte zuletzt erklärt, die Kampfhandlungen auf den östlichen Donbass zu konzentrieren, der bereits seit 2014 teilweise von prorussischen Rebellen kontrolliert wird. In der westlich vom Donbass gelegenen Stadt Dnipro wurde nach Angaben von Gouverneur Valentin Resnitschenko der Flughafen bei einem russischen Angriff "vollständig zerstört".

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Samstag russische Truppenkonzentrationen in der Region bestätigt. Auch das US-Verteidigungsministerium beobachtet nach eigenen Angaben, dass sich die russischen Streitkräfte bemühten, ihre Einheiten mit neuem Material und Soldaten wieder aufzubauen.

Experten rechnen mit Offensive von Isjum aus

Militärexperten rechnen damit, dass die russischen Truppen innerhalb der kommenden Tage mit einer groß angelegten Offensive im Osten der Ukraine beginnen könnten. Vermutlich würden die Russen sich zunächst auf den nördlichen Rand jenes sichelförmigen Gebiets konzentrieren, das sie in den vergangenen Wochen bereits erobert hatten, sagten Experten des US-Thinktanks Institute for the Study of War.

Ausgehend von der besetzten Stadt Isjum südöstlich von Charkiw würden die Russen wohl versuchen, zunächst Slowjansk noch weiter im Südosten zu erreichen, hieß es in der Einschätzung. Allerdings ist unklar, ob die russischen Truppen im Osten der Ukraine besser vorankommen als in der Gegend um Kiew. Nach einem jahrelangen Konflikt mit prorussischen Rebellen hat die Ukraine im Donbass einen Großteil seiner kampferfahrenen Soldaten im Einsatz.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Mehr als 4,5 Millionen Menschen aus dem Land geflohen

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine haben mehr als 4,5 Millionen Menschen das Land verlassen. Die Zahl der Flüchtlinge stieg binnen 24 Stunden um mehr als 42.000 auf insgesamt 4.503.954, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mitteilte. Es handelt sich um die größte Flüchtlingsbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Innerhalb der Ukraine sind nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zudem weitere 7,1 Millionen Menschen auf der Flucht. Bei 90 Prozent der ins Ausland Flüchtenden handelt es sich um Frauen und Kinder, da Männer zwischen 18 und 60 Jahren die Ukraine derzeit nicht verlassen dürfen.

Über dieses Thema berichtete am 10. April 2022 die tagesschau um 12:52 Uhr und MDR Aktuell im Hörfunk um 16:05 Uhr.